Interview mit Wilfried Kempchen
Wilfried KempchenSeit Mitte Oktober hat die OVB einen neuen Vorstandsvorsitzenden - der neue Kapitän heißt Wilfried Kempchen und ist erst im Juli in den Vorstand aufgestiegen. Kempchen kennt den OVB seit 38 Jahren. Bis Juli war er als „Senior Landesdirektor" für insgesamt 37 Landesdirektionen verantwortlich. finanzwelt sprach mit dem neuen Chef über eventuelle Veränderungen.
finanzwelt: Herr Kempchen, Sie sind seit 38 Jahren erfolgreich bei OVB tätig, bis Juli waren sie als „Senior Landesdirektor" für insgesamt 37 Landesdirektionen verantwortlich. Welche Herausforderungen haben Sie gelockt, den Posten des Vorstandsvorsitzenden anzunehmen?
Kempchen: Als ich zur OVB kam, hat mir ganz besonders der persönliche Kontakt zu Menschen gefallen, aber auch die immer neuen Herausforderungen und die sehr guten Aufstiegschancen. Nun bin ich seit einigen Monaten im Vorstand und seit dem 13. Oktober Vorstandsvorsitzender der OVB Holding. Wenn ich mich als Führungskraft in der Vergangenheit für meine eigenen Landesdirektionen eingesetzt habe, dann kann ich dies in meiner neuen Position als Vorstandsvorsitzender für alle Landesgesellschaften und für das gesamte Unternehmen tun. Ich werde meinen Teil zum Zusammenhalt und zur Leistungsfähigkeit der gesamten OVB beitragen. Es ist eine große, wunderbare neue Aufgabe und eine weitere Herausforderung. Wenn Sie es so nennen wollen, ist es natürlich auch ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter, das „Sahnehäubchen“ meiner Laufbahn bei der OVB.
finanzwelt: Wird es zu einem Strategiewechsel kommen? Wird der deutsche Markt (wieder) in den Fokus des Kerngeschäfts rücken?
Kempchen: Einen grundsätzlichen Strategiewechsel wird es nicht geben. Die OVB ist in den vergangenen Jahren mit ihrem Geschäftsmodell erfolgreich gewesen und wird es auch weiterhin sein. Natürlich ist die weltweite Wirtschaftskrise auch an uns nicht spurlos vorbeigegangen, aber wir blicken sehr optimistisch in die Zukunft. Der Erfolg des Geschäftsmodells der OVB wird entscheidend durch die Zufriedenheit unserer Kunden bestimmt. Unsere Kunden sind zufrieden, wenn Sie unseren Dienstleistungen und Produktangeboten dauerhaft vertrauen können.
Mit bedarfsgerechten und wettbewerbsfähigen Produkten, einem umfassenden Aus- und Weiterbildungskonzept und leistungsorientierter Vergütung bieten wir auch unseren Finanzberatern eine verlässliche Partnerschaft, persönliche Anerkennung und Perspektiven. Der aktuellen Entwicklung steuern wir im Moment mit Kosteneinsparungen entgegen. Aber wir haben nicht vor, eine gravierende Umstrukturierung vorzunehmen. Die OVB ist als Ganzes ein absolut zukunftsfähiges Unternehmen! Unsere breite internationale Aufstellung ist dabei weiterhin unser größtes Pfund. Der deutsche Markt war und ist ein wichtiger Markt für die OVB. Vieles, was wir in Deutschland an wertvollen Erfahrungen gesammelt haben, haben wir erfolgreich ins europäische Ausland transferieren können.
finanzwelt: Kommt es zu einer Ausweitung des Europageschäfts? Wie sehen Sie die aktuelle Herausforderung im osteuropäischen Markt?
Kempchen: Die hohe Internationalisierung unserer Geschäftstätigkeit ist die wesentliche Stärke der OVB. Mit dieser breiten regionalen Aufstellung in Europa haben wir gegenüber vielen Wettbewerbern einen großen Vorteil. Der Schwerpunkt unserer Auslandsexpansion lag von Anfang an in den EU-Beitrittsländern in Mittel- und Osteuropa sowie in den angrenzenden Ländern der Region.
Wir sehen in der gesamten Region Osteuropas nach wie vor ein gewaltiges Potenzial – die wenigsten Menschen haben hier eine private Altersvorsorge, und auch eine private Krankenversicherung ist und wird ein wichtiges Thema. Viele Regierungen wollen zukünftig die staatliche Versorgung zurückfahren. Das Segment Mittel- und Osteuropa trägt aktuell 42 % zur Gesamtvertriebsleistung des Konzerns bei. Die Finanzkrise hat gerade in Mittel- und Osteuropa dazu geführt, dass der Absatz banknaher Produkte wie Kapitalanlagen oder Finanzierungen zeitweise deutlich rückläufig war. Inzwischen sehen wir aber eine Abkehr vom Abwärtstrend. Die Tochtergesellschaften berichten von einer allmählichen Verbesserung des Wirtschaftsklimas in den Ländern und erkennen eine Belebung der Nachfrage insbesondere im Bereich der klassischen Versicherungsprodukte mit solider Rendite und Sicherheit. Natürlich verspürt unsere Kundenzielgruppe eine Unsicherheit über ihre zukünftige Einkommenssituation und ein erhöhtes Arbeitsplatzrisiko. Aber unsere Außendienstmannschaft ist hoch motiviert und hat sich auf das geänderte Kundenverhalten eingestellt.
finanzwelt: Zuletzt hatte das Neugeschäft der OVB geschwächelt. Wie werden Sie dieses wieder stärken?
Kempchen: Das Bewusstsein der Bürger über die Notwendigkeit privater Vorsorge ist gewachsen. Niedrige Geburtenraten in vielen Ländern erschweren die Aufrechterhaltung umlagefinanzierter sozialer Sicherungssysteme und unterstützen damit – trotz derzeit eingetrübter konjunktureller Lage – den Trend zu privater Vorsorge. Angesichts der schwierigen Lage der Finanzmärkte zeigt sich, dass eine fundierte Analyse der Finanzsituation, verbunden mit gut durchdachten Anlage- und Vorsorgeentscheidungen für den Einzelnen von größter Bedeutung ist. Krisenzeiten bieten so flexiblen und tatkräftigen Unternehmen wie der OVB auch neue Chancen. Die Nähe zum Kunden, eine hohe Servicequalität und eine flexible Produktpalette entscheiden immer mehr über den Vertriebserfolg. Diese Entwicklung begünstigt die OVB und ihr bewährtes und leistungsfähiges Geschäftsmodell.
finanzwelt: Wird es durch den Wechsel an der Vorstandsspitze perspektivisch gesehen zu einer Veränderung der Besitzverhältnisse der OVB Holding kommen?
Kempchen: Ihre Frage zielt auf ein Thema, das die Aktionäre der OVB betrifft. Das operative Geschäft der OVB wird von Entwicklungen im Kreis unserer Aktionäre nicht tangiert.
(Marc Oehme)







