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Der Anleger als Risikofaktor

Investmentmärkte

Die Demoskopen von Forsa fühlen seit 2001 quartalsweise den Puls der Anleger im Auftrag der genossenschaftlichen Anlagegesellschaft Union Investment. Befragt werden jeweils 500 Entscheider in Haushalten, die mindestens eine Geldanlage haben. Erfasst werden Erwartungen bezüglich Schlüsselgrößen wie DAX, Zinsen und Euro- Kurs sowie mögliche darauf aufbauende Pläne für die eigenen Anlagen.

In der aktuellen Ausgabe für das zweite Quartal vom Juni wird der aktuell eher positive Trend in Deutschland bestätigt: Die Befragten erwarten mehrheitlich mit knapp zwei Dritteln Kursgewinne an der Börse und damit einen weiter steigenden DAX. Nicht einmal jeder Zehnte unter den Befragten erwartet dagegen einen Rückgang. Dabei weisen Befragte, die bereits Aktien oder Investmentfondsanteile halten, sogar eine im Durchschnitt positivere Einschätzung auf. Ähnliches gilt auch bei der Differenzierung nach Einkommenshöhe: Je höher das laufende Einkommen, desto positiver fallen die Erwartungen für die Aktienanlage aus.

Bei der Frage nach den Konsequenzen für die eigenen Anlagen ergibt sich ein relativ stabiles Muster: Eine der positiven Einschätzung entsprechende Absicht, sich Aktien oder Aktienfonds anzuschaffen, findet sich in nennenswertem Umfang nur bei jenen, die ohnehin bereits engagiert sind. Die Einschätzung des Marktes scheint keine große Rolle zu spielen. Das spricht dafür, dass die Entscheidung für oder gegen das Engagement bei Dividendenpapieren – ob nun direkt oder indirekt über Fonds – von langfristigeren Überlegungen bestimmt wird.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Fragen nach der Zinsentwicklung. Dort erwartet eine klare Mehrheit von fast zwei Dritteln eine leicht steigende Tendenz. Wobei diese Einschätzung unter den im Markt engagierten Befragten sogar noch etwas deutlicher ausfällt. Allerdings scheinen die meisten Befragten die Einschätzung des Zinstrends für eher unwichtig zu halten: Etwa drei Viertel der Befragten geben an, keine
Konsequenzen für ihr eigenes Anlageverhalten ziehen zu wollen. Das gilt insbesondere auch für jene, die keine Papiere halten. Hier wollen rechnerisch 80 % bei ihrer Abstinenz bleiben und keine festverzinslichen Papiere oder Anteile entsprechender Investmentfonds kaufen. Immerhin passt dieses Verhalten auch zur Einschätzung des Marktes. Rentenpapiere sind bei einer Erwartung von steigenden Zinsen kein gutes Geschäft wegen der drohenden Kursverluste. Allerdings schränkt der Blick auf die in diesen Markt bereits investierenden befragten Anleger den Eindruck ein, dass die Zinsmärkte etwa rationaler behandelt werden: Auch unter „haves“ denken gerade mal 11 % daran, Papiere aus diesem Segment zu verkaufen, wie es aus der Einschätzung folgen müsste.

Der Euro wurde im zweiten Quartal mehrheitlich (um 50 % der Befragten) mit konstanten Kursen erwartet, wie schon in den vier Quartalen zuvor. Allerdings wurde die Mehrheit laufend schwächer, während der Anteil unter den Probanden mit einer positiven Kursschätzung für den Euro laufend zunahm. Auffällig ist allerdings, dass ausgerechnet bei den Aktienbesitzern unter den Befragten eine etwas skeptischere Tendenz gegenüber dem Euro zu erkennen war. Auch hier ergibt sich - und sogar noch klarer als bei den ersten beiden Parametern – eine deutliche Mehrheit für´s Ignorieren der eigenen Schätzung. Das II. Quartal 2007 ist der erste Fall seit Beginn der Befragungsreihe, in dem weniger als 90 % erklären, keine Konsequenzen aus der Euro-Schätzung zu ziehen. Diesmal war es nur für 88 % unwichtig für die Anlageentscheidungen, wohin der Euro geht. Neben dem Blick auf den aktuellen Rand der Reihe ist auch die Perspektive einer Betrachtung entlang der Zeitachse nicht uninteressant, vor allem, wenn den jeweiligen Erwartungen die entsprechenden tatsächlichen Ergebnisse gegenübergestellt
werden.

Jedes Wirtschaftssystem muss irgendwie die Frage beantworten, wie es seine eigene Zukunft durch Sparen und Investieren gestaltet. In der Marktwirtschaft geschieht das auf den Finanzmärkten, wo die Chancen und Risiken der Zukunft gegen aktuell existierende Finanzmittel gehandelt werden. Daraus entstehen Preise (Zinsen, Ertragsraten), an denen sich die Investoren orientieren und entsprechend ihre Mittel einsetzen. Diese genial erscheinende Lösung hat einen Schönheitsfehler. Anders als auf den Gütermärkten wird hier nicht real Vorhandenes gehandelt, sondern mehr oder weniger glaubwürdige Versprechen für die Zukunft, etwa als Zahlung von Zins und Tilgung für einen Kredit. Der Käufer erhält auf den Finanzmärkten allenfalls bedrucktes Papier. Alle großen Wirtschaftkrisen der letzten Jahrzehnte sind von Fehlfunktionen der Finanzmärkte ausgegangen, angefangen von der Weltwirtschaftskrise bis zur Internet- Blase.

Einen kleinen Einblick liefern die drei Vergleiche zwischen erfragten Erwartungen und zugehörigen Realisierungen, die sich aus der Datensammlung von Forsa und Union Investment ergeben (siehe Grafiken links).

Auch diese Ergebnisse bestätigen, dass die Anleger überwiegend einfach dem Trend folgen und ihn verstärken, so sie denn am Markt aktiv werden. Das ist zunächst wirtschaftspolitisch eine Gefahr, weil dieses Verhalten natürlich dazu beitragen kann, Krisenentwicklungen zu verschärfen. Die größte Gefahr besteht in der Zirkularität: Wenn die meisten Anleger einfach dem Trend folgen, verstärken sie ihn. Dieser verstärkte Trend bestätigt dann die zuvor getroffene Entscheidung und zieht weitere Anlagen nach sich: So werden etwa Blasen aufgepumpt, was die Wirtschaftspolitik zwingt, sich möglichst früh mit dem Problem zu befassen, statt hinterher nur die Trümmer aus einer geplatzten Blase wegzuräumen.

Zugleich liegt darin aber auch ein Problem für den Vertrieb: Wer wirklich das Interesse der Kundschaft im Auge hat, muss sich häufig gegen die Wünsche des Kunden stellen: Wenn der im Internetboom nach der neusten High-Tech- Aktie oder dem passenden Fonds fragt, ist es sicher nicht leicht, auch mal der Vernunft zu folgen und Alternativen vorzuschlagen. Das ist aber ein glatter Bruch mit der eisernen Regel „Verkauf dem Kunden kein grünes Auto, wenn er ein rotes haben will“. Dies dürfte eine der Grenzmarken sein, an der sich die guten von den schlechten Vertrieben trennen: „Verkaufen ohne Widerstand“ ist im Finanzvertrieb ein Synonym für Zynismus, weil es darauf hinausläuft, den Kunden wider besseres Wissen ins offene Messer laufen zu lassen. Wer nicht Manns/Frau genug ist, dem Kunden auch mal klar abzuraten, sollte vielleicht eine andere Branche wählen. Zugleich wird auch deutlich, wie hoch die wirtschaftspolitische Bedeutung des Finanzvertriebs für die Wirtschaft insgesamt ist. Es geht um Stabilität und Funktionsfähigkeit zentraler Märkte.

(Martin Klingsporn)


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