Britische Regierung legt ersten islamischen Bond auf
Islamic Banking
Die britische Regierung hat jüngst die Emission ihrer ersten islamischen Anleihe angekündigt, eines so genannten Sukuk. Das Papier im Volumen von 500 Mio. Pfund Sterling (rund 625 Mio. Euro) soll im kommenden Winter auf den Markt kommen.
Die ersten Überlegungen im Hinblick auf eine solche Emission hatte es schon vor Jahresfrist gegeben. Die Verzögerung speziell dieser Pläne erklärte sich nach Angaben der Staatssekretärin Kitty Ussher aus dem britischen Finanzministerium vor allem aus den besonders zeitaufwändigen Vorarbeiten, die weit über die Arbeiten zu einer herkömmlichen Bonds-Emission hinausgehen, weil auf jeden Fall sicher gestellt werden muss, dass der islamische Bond oder Sukuk in sämtlichen Einzelheiten allen religiösen Anforderungen aus dem Koran-Recht voll entspricht.Die britischen Behörden bemühen sich schon länger, London zum Zentrum für das „islamic banking“ zu machen, nicht zuletzt um das Geschäft mit dem derzeit wieder reichlich vorhandenen arabischen Ölgeld an sich zu ziehen. Der Rekordstand des Ölpreises spült viele Milliarden Dollar in die Kassen der islamischen Welt, die eine professionelle Betreuung suchen. Genau diese Vermögensverwaltung war und ist die Stärke der Londoner City und hat den britischen Kapitalmarkt im Verhältnis zur Realwirtschaft überproportional groß werden lassen (siehe Seite 30/31, Internationale Märkte). Auch in dieser Kundschaft gibt es eine wachsende Gruppe, die ähnlich wie hierzulande verstärkt ethisch einwandfreie Anlagenkonzepte wünscht. Und daraus erwachsen in der muslimischen Welt eben ganz spezielle Konsequenzen.
Die islamischen Anleihen, die Sukuks, sind wirtschaftlich eine sehr interessante Mischform aus Anleihe und Aktie. Hintergrund ist der Koran, der ein striktes Zinsverbot enthält. Konsequenz: Bei Kreditgeschäften in den islamischen Ländern dürfen keine festen Zinsen vereinbart werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Buchkredit oder die Platzierung eines Wertpapiers handelt. Das Gleiche gilt für Papiere in nicht-islamischen Ländern, mit denen auch muslimische Kundschaft erreicht werden soll.
Wie bei normalen Anleihen ist bei den Sukuks der Zeitpunkt der Kapitalrückzahlung gewöhnlich genau festgelegt, eine fest vereinbarte Laufzeit ist das Normale, aber nicht zwingend. Hier besteht ein Gestaltungsspielraum wie bei der uns geläufigeren Konstruktion von Anleihen.
Statt des Zinses aber gibt es einen Anteil am Gewinn des mit dem Sukuk finanzierten Projekts. Diese Gewinnbeteiligung macht den Sukuk aktienähnlich. Das Charakteristische am Sukuk ist, dass es sich stets um eine projektbezogene Finanzierung handelt. Daher ist unter anderem der Anteil der Infrastruktur-Sukuks besonders hoch. Andere Sukuks werden für den Bau von Industrieanlagen oder auch Distributionssystemen ausgegeben. Der Bezug auf ein möglichst klar abgrenzbares Projekt ist eine wesentliche Voraussetzung für die Konstruktion einer islamischen Anleihe.
Eine typische Sukuk-Gewinnbeteiligung ist bspw. der Bau einer Autobahn, bei dem den Sukuk-Eignern ein vorher festgelegter Anteil an den Einnahmen aus dem Autoverkehr zufließt. Fahren mehr Autos als erwartet auf der neuen Autobahn, so ist der Gewinn eben höher. Fahren weniger Autos, so erfüllen sich die Erwartungen der Anleger nicht. Es gibt keine prinzipielle Beschränkung für die Übertragbarkeit, Sukuks lassen sich jederzeit über den Sekundärmarkt verkaufen wie jedes andere auf Inhaber lautende Instrument. London ist bereits heute der mit Abstand wichtigste Sekundärmarkt für entsprechende Papiere in Europa. Dabei werden die Gewinnanteile genauso mitgehandelt und abgerechnet wie die so genannten Stückzinsen bei den Anleihen.
Die Emission so genannter Islamischer Bonds oder Sukuks steigt sprunghaft. Allein in 2007 stieg das weltweite Emissionsvolumen von Sukuks gegenüber dem Vorjahr um 60 % auf über 32 Mrd. USD, wie bei Zawya zu erfahren ist, einer einschlägigen Wirtschafts-Datenbank in Dubai. Für das laufende Jahr wird eine weitere Zunahme auf voraussichtlich 50 Mrd. USD erwartet. 2007 entfielen von den gesamten Emissionen rund zwei Drittel oder 19 Mrd. USD auf Finanzplätze im Nahen Osten. Damit lag diese Region erstmals vor dem bisherigen langjährigen Marktführer Malaysia. Das Volumen der derzeit in Umlauf befindlichen Sukuks wird auf insgesamt rund 80 Mrd. USD geschätzt.
Bisher sind islamische Bonds in der westlichen Welt außer von Unternehmen (darunter der Sportwagenhersteller Aston Martin) nur von der Weltbank und von einem deutschen Bundesland (Sachsen-Anhalt) aufgelegt worden. Schon der Begriff „Islamische Bonds“ schreckt viele westliche Anleger zunächst einmal ab, weil sie besondere Risiken befürchten. Tatsächlich aber beginnen die Sukuks auch bei westeuropäischen Anlegern als Depot-Beimischung Interesse zu wecken. Die spezielle Risikostruktur an der Grenze zwischen Fremd- und Eigenkapital ermöglicht ein wenig Risikosteuerung im Depot, die gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten (so wie derzeit) effektive Kompromisse zwischen der relativen Sicherheit der Gläubigerposition und den Ertragsaussichten durch die Gewinnbeteiligung erlaubt. Erhältlich sind diese Papiere über fast alle Banken, die Wertpapiere für ihre Kunden kaufen und verkaufen. Zum langsam wachsenden Interesse an den islamischen Papieren trägt bei, dass die in Europa umlaufenden Sukuks fast ausschließlich von bekannten Banken auf den Markt gebracht werden und es inzwischen auch europäische Sukuk-Emittenten gibt, wie jetzt eben die Regierung Ihrer Majestät. Die britische Regierung geht davon aus, dass mit dieser Emission, die ein AAA-Rating haben wird, nicht zuletzt den islamischen Banken in London besonders geholfen wird. Um die in der letzten Zeit in London angesiedelten islamischen Banken zu halten, muss der Markt ein ausreichendes Volumen erreichen. London hat das erklärte Ziel, zum größten Markt für islamische Finanzierungen in der westlichen Welt aufzusteigen. Hier liegt angesichts der großen muslimischen Gemeinde in Deutschland auch für die deutsche Finanzbranche eine beachtliche Chance, die sich aber die Briten sichern werden, wenn es nicht auch bei uns bald ähnliche Initiativen gibt.
(Martin Klingsporn)







