Vorsorgeprodukte
Lehren aus der Krise

Die Mitte 2007 losgebrochene Krise der Finanzmärkte ließ die sozialen Sicherungssysteme nicht unberührt. Vor allem die kapitalgedeckten Systeme haben gelitten.
Die aus der US-Vermögensrechnung vorliegenden Zahlen deuten die Größenordnungen an: Rund 25 % der Altersvorsorge gingen in nur fünf Quartalen verloren. Und auch bei uns gibt es immer häufiger ein böses Erwachen, weil sich viele Produkte nicht wirklich als krisenfest erweisen.
Der Chart zeigt den Total Return Index für den Fideltity European Growth Fund (ISIN LU004857892). Dieser Fonds ist nicht zufällig ausgewählt, es handelt sich nach Fidelity-Angaben um den „beliebtesten Fonds in deutschen Fondspolicen". Das Problem ist klar erkennbar: Wer in den hier abgebildeten 15 Jahren die „richtigen" (sprich: günstigen) Ein- oder Ausstiegspunkte erwischte, konnte sich über gute Gewinne freuen. Das Gegenstück heißt freilich: Wo das Timing des Ausstiegs oder das Ende der Laufzeit sich zu einem ungünstigen Zeitpunkt ergab, schaut man ziemlich heftig in die Röhre.
Um einem Missverständnis vorzubeugen: Der Fonds als solcher ist keinesfalls das Problem, er gehört zum Besten, was der deutsche Markt zu bieten hat. Ein Vergleich zu Dow Jones und DAX (siehe Chart) zeigt, dass die Fidelity- Manager auch im Verhältnis zum Markt auf lange Sicht kontinuierlich exzellente Arbeit leisten. Nur ändert das nichts am Risiko, zum falschen Zeitpunkt mit sehr mageren Erträgen aus der Sparphase aussteigen zu müssen.
„Fondsgebundene Vorsorgeprodukte sind eben eine extrem heikle Sache", meint denn auch Detlef Pohl, Versicherungs- und Vorsorgeexperte des Versicherungsmagazins, und moniert, dass die Kunden selten wirklich ausreichend beraten und vor allem in Krisensituationen völlig allein gelassen werden.
Ins gleiche Horn stößt auch Manfred Poweleit, Chef des Branchendienstes map-report: „Die Manager der deutschen Investmentgesellschaften haben vor lauter Umsatzgier völlig die Bodenhaftung verloren. Es wird einfach nur verkauft und die Kunden nicht richtig beraten. Das Produkt Investmentfonds wird beschädigt, weil es zu häufig an die falschen Kunden verkauft wird, die die Risiken nicht richtig einschätzen können." Schon die schlichte Tatsache, dass höhere Chancen auch mit größeren Risiken verbunden seien, werde häufig unterschlagen, kritisiert Poweleit. Ein typisches Beratungsgespräch laufe unverändert darauf hinaus, dem Kunden die Botschaften (1) „Fonds bringen die beste Rendite" und (2) „Fonds sind praktisch sicher" zu vermitteln. Beides ist ganz offensichtlich falsch, wie schon der Verlauf eines sehr guten Fonds zeigt.
Einen etwas genaueren Einblick in die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Investmentbranche bietet die neueste Übersicht des Branchenverbandes BVI über Ergebnisse der Fondssparpläne. Das Ergebnis ist niederschmetternd, eine ehrliche Überschrift müsste lauten: „Sparbuch und Kapitallebensversicherung schlagen Fonds um Längen." Die großen, wichtigen Gruppen bleiben bis auf wenige Ausnahmen deutlich unter dem Garantiezins der Lebensversicherer und selbst das Sparbuch wird vergleichsweise zum Renditeknüller.
Die BVI-Statistik gibt zusätzlich auch noch Werte für 25, 30 und sogar 35 Jahre an, die aber kaum aussagefähig erscheinen, weil es wenige Fonds mit entsprechendem Alter gibt.
Das gilt wohl erst recht für den GAU der Investmentprodukte, die Aussetzung der Anteilsrücknahme, die zum Stopp aller Auszahlungspläne führte. Und entgegen dem allgemeinen Eindruck waren von diesen „Schließungen" neben den offenen Immobilienfonds auch eine Reihe von Wertpapierfonds betroffen, deren Zielmärkte im Verlauf der Finanzkrise völlig ausgetrocknet waren. Das betraf Märkte, in denen die Banken dominierende Emittenten sind wie etwa bei Genussscheinen oder Verbriefungspapieren.
Die Konsequenz solcher Schließungen ist klar: Neben den normalen Rückgaben werden dann auch die Auszahlungspläne gestoppt, in denen die Auszahlungsphase für diesen Teil der privaten Altersvorsorge geregelt wird. Die Pensionäre sind gezwungen, auf diesen Beitrag zum Lebensunterhalt zu verzichten, solange die Schließung dauert. Auch dieses (lange Zeit tatsächlich nur theoretische) Problem der Verfügbarkeit der angesparten Mittel dürfte kaum je in den Kunden-Beratungen zur Sprache gekommen sein. Ein existenzielles Problem verschwiegen - da sehen deutsche Richter in aller Regel denn doch Gründe für eine Beratungshaftung. Die Investmentgesellschaften am deutschen Markt werden weiter Imageprobleme bekommen, nicht nur wegen der schlechten Performance ihrer Produkte und des wackligen Liquiditätsmanagements. Die hier drohenden Prozesse gegen die eigene Kundschaft sind immer rufschädigend, unabhängig vom Ausgang. Die Stimmung ist denn auch entsprechend nervös. Ein Highlight: Eine unserer Bitten um Stellungnahme zu den Problemen wurde mit der Bemerkung „Das ist nicht unser Thema" abgelehnt - was Poweleits Kritik an der Selbstgefälligkeit der Verwalter fremden Geldes nur stützen kann.
In der aktuellen Lage entsinnt man sich natürlich wieder der traditionellen Spar- und Anlageformen. Vor allem die gute alte Kapitallebensversicherung (KLV) scheint da vor einer großen Renaissance zu stehen - wären da nicht die hausgemachten Probleme, die denen der Anlagegesellschaften fatal ähnlich sehen: Auch hier wird um des Umsatzes willen mehr versprochen, als gehalten werden kann. Nach Angaben des Versicherungsverbandes erzielten die Gesellschaften ein Anlageergebnis von durchschnittlich 3,6 %. Diese Zahl ist aber wegen unterbliebener Abschreibungen (stille Lasten) geschönt, eine Schätzung aus dem Hause Fitch ergibt ein Nettoergebnis „unter 3 %". Dennoch wurden den Kunden etwa 4 % gutgeschrieben, was zulasten der Reserven geht. Auch bei der KLV kommt es auf die genaue Auswahl des Produktes an.
(Martin Klingsporn)







