Hauptnavigation & Suche:

Unternavigation:


Zurück zur Übersicht

Eine neue Assetklasse?

Mikrokredite

In diesen Tagen wird das Investmentänderungsgesetz parlamentarisch verabschiedet und wird am 1. Januar 2008 in Kraft treten. Es bringt viele Neuerungen: Einschränkung der Zillmerungen bei Fondssparplänen, vereinfachte Verkaufsprospekte, Hinweis auf die Existenz von Transaktionskosten, Einführung von Infrastruktur-Sondervermögen etc. Ein Punkt, der quasi in letzter Minute mit in das Maßnahmenpaket schlüpfen konnte, blieb allerdings bisher von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt. Mit dem Investmentänderungsgesetz hat der Gesetzgeber auch jene Sondervermögen als offene Publikumsfonds anerkannt, die in so genannte Mikrokredite investieren und ihnen somit den öffentlichen Vertriebsweg in Deutschland geebnet.

Großanlegern standen direkte Darlehen via lokalen Instituten, Fördertöpfen oder fondsgebundenen Investments schon seit einiger Zeit weltweit zur Verfügung. Allerdings verfügten entsprechende Produkte bisher nicht über deutsche Vertriebszulassungen und forderten für den einfachen Investor schier unerschwingliche Mindestanlagesummen.

Die Idee der Mikrokredite geht auf Mohammed Yunus zurück, der mit seinem Bankinstitut seit über 30 Jahren Kleinstkredite an die Armen in Bangladesch vergibt. 2006 wurde dieses Engagement mit dem Friedensnobelpreis honoriert. Die Berichterstattung in den Medien hat der Idee in der Folgezeit eine nie zuvor gesehene Popularität verschafft, die das Interesse an den Mikrokrediten stark wachsen ließ.

Gedanke & Prinzip: Die in Armut lebenden Menschen sollen sich selber eigenverantwortlich helfen und erhalten dafür sehr kleine Darlehen, nicht selten sogar Summen von weniger als 50 Dollar, die sie für den Aufbau einer eigenen Existenz verwenden können. Wohl gemerkt, es handelt sich um Darlehen, nicht um Spenden. Das Geld ist innerhalb vorher vereinbarter Zeiträume inklusive Zinsen zurückzuzahlen.
Die Kredite werden zwar an Einzelne vergeben, in der Regel allerdings mehrere Schuldner in Gruppen zusammengefasst, was zum einen die Administration etwas vereinfacht, zum anderen aber auch zu einer gewissen Dynamik des Kollektivs und gegenseitiger Kontrolle und Motivation der Kreditnehmer führt. Statistisch werden diese Kredite übrigens häufiger an Frauen als an Männer vergeben. Die Geschäftsmodelle dieser „Emerging-Market-Ich-AG´s“ reichen zur Veranschaulichung von Suppenküchen und Wäschereien über Friseurläden, Marktstände und öffentliche Telefonapparate in entlegenen Gegenden bis hin zu Kurierdiensten und Ähnlichem.

Was macht die Vergabe von Mikrokrediten so interessant? Das gestiegene Bewusstsein der Anleger für die ökologischen und sozialen Probleme der Welt lässt das Interesse an den Mikrokrediten wachsen. Inwieweit diese Form der Kreditvergabe „sustainable“, also nachhaltig ist, wäre noch zu diskutieren und würde wahrscheinlich je nach Interessenlage unterschiedlich interpretiert. Die Bedeutung des „guten Gefühls“, der „guten Tat“, spielt aber mit Sicherheit eine große Rolle und trifft den Zeitgeist.

Überdies sind den Mikrokrediten einige sehr interessante Eigenschaften zuzuschreiben: So weisen sie beispielsweise eine erstaunlich geringe Ausfallquote auf. Statistisch ist von deutlich weniger als 10 % die Rede, was angesichts der Bonität der Schuldner viele Beo - bachter überraschen dürfte. Darüber hinaus ist den Investments in Kleinstkredite eine weitgehende Unabhängigkeit von den weltweiten Konjunkturentwicklungen und in der Folge auch eine denkbar niedrige Korrelation zu anderen Assetklassen eigen, interessanterweise auch zu anderen Rentenarten. Überdies bieten sie einen hohen Grad der Diversifikation, was aus der breiten Streuung in viele Regionen und Mikrokreditinstitute resultiert.
Das Kreditvolumen wuchs in den letzten 30 Jahren von den sprichwörtlichen ersten Hundert Dollar, die Mohammed Yunus am Anfang vergab, auf heute mehrere 100 Milliarden an. Von einem exponential wachsenden Volumen ist in Fachkreisen die Rede. Die Mikrokredite werden zudem nicht mehr nur in Bangladesch vergeben, sondern mehr oder weniger in allen Schwellenländern. Die regionalen Schwerpunkte dieser Kredite liegen dessen ungeachtet weiterhin in Asien, aber auch in Lateinamerika.

Kritik an den Mikrokrediten setzt unter anderem an ihrer Bündelung und Standardisierung in Form von Massen-Investmentprodukten an. Es wird die Frage gestellt, ob sich die Eigenschaften, Erfahrungen und Ergebnisse einer „guten Idee im Kleinen“ auch auf eine Milliarden schwere Kreditindustrie übertragen lassen ohne verwässert zu werden. Vor allem die Bonität und Liquidität entsprechender Kreditbündel wird diskutiert und unterschiedlich bewertet. Stein des Anstoßes ist zudem die Höhe der im Schnitt erzielbaren Nettorenditen (5 bis 8 %). Sie gelten zwar im Vergleich zu klassischen Rentenanlagen als attraktiv, notieren aber in der Regel deutlich unter denen anderer „Non-grade-Investments“, wie beispielsweise Staatsanleihen aus Schwellenländern. Dieser Umstand wird umso stärker moniert als die Bruttorenditen, also die Höhe der Zinszahlungen der Kreditnehmer, die zumeist deutlich mehr als 100 % höher liegen. Die Institute rechtfertigen die Diskrepanz mit dem hohen Administrationsaufwand bei dieser Form der Kreditvergabe, können Zweifel an den Kostenstrukturen ihrer Angebote aber nicht zerstreuen.

Es sei angemerkt, dass sich die Gruppe der Kritiker in zwei Lager spaltet: Eines, das von der Bruttorendite gerne größere Teile auf sich entfallen sähe, und ein anderes, das die Kreditnehmer vor allem unter ethischen Gesichtspunkten gerne weniger belasten würde. Mikrokredite-Fonds wie z. B. der „Global Microfinance Fund“ der Responsability AG in Kooperation mit der Credit Suisse, oder auch der „Micro Credit Fund“ des Hauses DEXIA werden schon bald Gesellschaft erhalten. Mehrere Investmentgesellschaften bereiten derzeit entsprechende neue Produkte vor. Die Schaffung der Rahmenbedingungen im Investmentänderungsgesetz stellt gleichsam den Startschuss zum Vertriebsauftakt dar.
Für Großanleger und institutionelle Verwalter eingeschränkt attraktiv, sollten Privatanleger bis auf weiteres zu entsprechenden Engagements auf Distanz gehen und die Gewichtung und Auswahl von Mikrokrediten eher den Managern breiter gestreuter nachhaltiger Rentenfonds überlassen. In diesen Investments darf man zukünftig nicht unerhebliche Beimischungen der Kleinstkredite erwarten.

(Björn Drescher)


Zusatz-Informationen:

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

finanzwelt für unterwegs: Die neue finanzwelt-App bringt Ihnen die wichtigsten News des Tages auf Ihr Handy.

finanzwelt-App

finanzwelt.tv

Film: Alle Filme ansehen

Abo-Bestellung

Bestellen Sie die nächste Ausgabe der finanzwelt.

Jetzt abonnieren

Newsletter

Abonnieren Sie ab jetzt unseren kostenlosen finanzwelt-Newsletter.

Newsletter abonnieren

Fußzeile: