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Lebensversicherer

Mit der Klinge am Hals

Lebensversicherungen galten über viele Jahre als absolut sichere Anlagen. Doch mit diesem Image ist es seit dem Einbruch an der Börse vorbei. Schließlich investierte auch die Assekuranz auf dem Parkett einen nicht unerheblichen Teil ihres Vermögens – und verlor. Warum die Lebensversicherung nicht mehr als „hundertprozentig“ sicher angeboten werden darf, zeigt dieser Beitrag.

Kontakt: www.bafin.de

Nassrasierern ist sie schon länger bekannt: Protector, die Klinge für den Mann. Jetzt gibt es Protector auch für die deutsche Lebensversicherungswirtschaft. Jahrelang hat sich die Branche gegen eine solche Vorsorge für strauchelnde Versicherer nach dem Vorbild des Feuerwehrfonds der Banken gewehrt. Doch Jochen Sanio, Chef der Aufsichtsbehörde BAFin, wegen des behutsamen Umgangs mit der Berliner Bankgesellschaft unter Druck geraten, macht nun seinerseits Druck auf die Lebensversicherer.

Ob es der deutschen Lebensversicherungswirtschaft deutlich besser geht als Deutschlands Großbanken, mag dahingestellt bleiben. Gut jedenfalls geht es der Branche nicht. Der Einbruch an der Börse und die anhaltende Niedrigzinsphase auf den Geld- und Kapital märkten hat ihr mächtig zugesetzt. Das hätte zwar nicht sein müssen, wie InterRisk oder Debeka beweisen. Letztere, die schon seit Jahren größeren Aktienengagements abgeneigt ist, hat bereits im September dieses Jahres ihren Versicherten verbindlich erklärt, ihre im Branchenvergleich hohe Gesamtverzinsung der Sparkapitalien von 6,8 Prozent auch für 2003 beizubehalten.

Hätten sich die Lebensversicherer mehrheitlich an ihre eigenen Warnungen vor „mit Risiko behafteten Geldanlagen“ gehalten, ginge es ihnen und ihren Kunden heute besser. Doch Aktien und Aktienfonds haben sich in jüngster Vergangenheit zum regelrechten Lustobjekt zahlreicher Kapitalanleger der Branche gemausert. Dabei haben sich etliche wie ganz normale Sparer verhalten. Sie sind zu spät auf den fahrenden Zug aufgesprungen, haben also zu teuer eingekauft, und sitzen jetzt auf einem Haufen abgewerteter Papiere. Die Buchverluste finden sich nun als sogenannte stille Lasten in ihren Bilanzen. Aber diesen optischen Notanker gibt es erst seit Ende vergangenen Jahres. Ohne ihn hätten selbst als wohlhabend eingestufte Lebensversicherer für das Geschäftsjahr 2001 rote Zahlen ausweisen müssen.

Viel Geld der Börse geopfert

Nur wenige Lebensversicherer verdienten dem „map-report 529530“ (www.mapreport.com) zufolge im Geschäftsjahr 2001 mit ihren Kapitalanlagen noch richtig Geld, werden verschwundene Reserven und stille Lasten in die Betrachtung einbezogen. Viele machten Miese. Darunter sind Namen, die von großen internationalen Ratingagenturen wegen ihrer hohen Bilanzreserven bestens bewertet werden: die Allianz in Stuttgart, die Hamburg Mannheimer und die Victoria. Doch wer bei der Allianz, Debeka, Cosmos oder neue leben vor zwölf, zwanzig oder gar dreißig Jahren eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, war gleichwohl ausgezeichnet bedient, wie das „Rating Deutscher Lebensversicherer“ des „map-report 532533“ zeigt. Das gilt in abgeschwächter Form auch für die Hannoversche Lebensversicherung, den ehemaligen Spitzenreiter zahlreicher Ratings, der aber seine Börsenverluste früh realisierte.

Die Lebensversicherer berechnen ihre Nettorenditen natürlich anders. Die stillen Lasten in den Bilanzen bleiben außen vor. Auch die Verluste bei den stillen Reserven schlagen sich in der offiziellen Berechnung der Nettorendite aus Kapitalanlagen nicht nieder. Hier wer den die Erträge nur um tatsächlich anfallende Aufwendungen geschmälert. Stille Lasten sind in diesem Sinne keine Aufwendungen. Auch Bewertungsreserven, die sich in Luft aufgelöst haben, sind es nicht.

Außerdem ist die Gefahr, Aktienverluste realisieren zu müssen, inzwischen gebannt; denn der Gesetzgeber hat für die gebeutelte Branche den Paragraphen 341b des Handelsgesetzbuches neu gefasst. Seit dem 31.Dezember 2001 haben Deutschlands Lebensversicherer damit erstmals das Recht, im Rahmen der Bewertung von Wertpapieren in ihren Portefeuilles auf eine außerplanmäßige Abschreibung zu verzichten, wenn die Wertminderung der Papiere als vorübergehend eingeschätzt wird. Doch das Problem drohender Verluste war damit nur aufgeschoben, keineswegs aufgehoben. Denn die Verluste, die die Lebensversicherer zum Jahresende 2001 nicht ausweisen mussten, drohten nun erneut, ihre Bilanzen rot zu färben.

Die Aufsicht macht Ernst

Dieses Mal erwies sich Jochen Sanio als Retter in der Not. Der Versicherungsfachausschuss des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V.(IDW)hat sich nämlich auf Anregung des Präsidenten der BAFin mit den erneut anstehenden außerplanmäßigen Abschreibungen bei Versicherungsunternehmen befasst. Das Ergebnis der 149.Sitzung dieses Ausschusses verschafft den Versicherern wieder Luft. Eine außerplanmäßige Abschreibung wegen dauerhafter Wertminderung ist demnach nur dann erforderlich, wenn der Zeitwert des Wertpapiers in vollen sechs Monaten, die dem Bilanzstichtag vor angehen, permanent um zwanzig Prozent unter dem in der Bilanz ausgewiesenen Buchwert gelegen hat. Liegt der Kurswert des Wertpapiers länger als ein ganzes Geschäftsjahr unter dem Buchwert, sind strengere Kriterien anzuwenden.

Doch außerplanmäßige Abschreibungen können unterbleiben, wenn das Versicherungsunternehmen „aufgrund nachweisbarer Um stände erwartet, dass die festgestellte Wertminderung gleichwohl voraussichtlich vor übergehend ist und es beabsichtigt sowie in der Lage ist, das Wertpapier bis zum Zeitpunkt der erwarteten Wertpapiererholung zu halten“.

Die „nachweisbaren Umstände “darf ein Aktienanalyst liefern. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV)in Berlin reagierte erleichtert:„Ein Ausverkauf von Aktienbeständen durch die Unternehmen zu Lasten ihrer Kunden kann damit abgewendet werden“.

Zum vollen Glück fehlten den Versicherern noch das Plazet der Aufsichtsbehörde. Die begrüßte denn auch prompt die Überlegungen der Wirtschaftsprüfer. In der Branche wird allerdings gemunkelt, dass die BAFin für ihren Flankenschutz ein Entgegenkommen der Versicherer erwartete. Und so kündigten diese entgegen jahrelanger Überzeugung die Gründung einer Selbsthilfeeinrichtung für klamme Konkurrenten an: Protector. Das neue Gemeinschaftsunternehmen soll die Lebensversicherungsverträge von finanziell ins Straucheln geratenen Versicherern fortführen.

Es seien aber nur einige kleinere Versicherer gefährdet, beruhigt der Gesamtverband in Berlin. Wer zu den Sorgenkindern der Aufsichtsbehörde gehört, bleibt aber streng geheim.

Die kirchliche Familienfürsorge in Detmold dürfte dazu gehört haben. Sie hat inzwischen wieder Boden unter den Füßen. Dafür sorgt die HUK COBURG, die einst selbst von Lehrern und Pfarrern gegründet worden ist. Sie beteiligt sich „maßgeblich“ an der geplanten VRK Holding der drei Versicherer im Raum der Kirchen: Familienfürsorge Lebensversicherung, Pax Familienfürsorge Krankenversicherung und Bruderhilfe Sachversicherung.

Die praktizierte Nächstenliebe dürfte die HUK circa 100 Mill. Euro gekostet haben, wie man in der Branche schätzt. Der Betrag fließt in die Rückstellung für Beitragsrückerstattung der vorübergehend von Professor Kurt Wolfsdorf, dem Sonderbeauftragten der BAFin, geführten Familienfürsorge Leben. Lösungen dieser Art zieht die Branche der Nassrasur mit Protector weiterhin vor.

Wer sich an der Börse nicht verkalkuliert hat, erwirtschaftet zumindest den gesetzlich vor geschriebenen Rechnungszins von 3,25 Prozent allemal. Gleichwohl nutzt Jochen Sanio die Gunst der Stunde. Gegen Ende Oktober verkündete seine Behörde eine Prüfung der Lebensversicherungsunternehmen, „ob diese die Anträge von Holocaust Opfern mit der gebotenen Sorgfalt bearbeiten“. Und auch in punkto Kapitalanlagen lässt die Aufsicht nicht mehr mit sich spaßen.
Das bekamen Dr. Eckart Freiherr von Uckermann, der langjährige Vorstandsvorsitzende der Hannoverschen Lebensversicherung a.G., und sein Kapitalanlagenvorstand Tim Kettemann zu spüren.

Sie warfen wegen der anhaltenden Meinungsverschiedenheiten mit der BAFin den Hut. Anton Wittl, zuletzt Vorstandsvorsitzender der Swiss Re Germany, löste von Uckermann zum 1.November 2002 ab.

(Michael J. Glück)


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