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„Mein Chef ist auf dem Klo“

Mit zeitgemäßen Benimmregeln im Berufsleben punkten

Im Geschäftsleben gelten teils andere Benimm-Regeln als im Privat leben. Diese müssen (Hoch-)Schulabgänger oft noch lernen – sonst tappen sie in Fettnäpfchen.

Günther Reif dachte: Mich trifft der Schlag. Beim Öffnen der Bürotür hörte der Prokurist des Frankfurter Bildungsdienstleisters Provadis, wie der Azubi in seinem Vorzimmer sagte: „Herrn Reif können Sie im Moment nicht sprechen. Der ist auf dem Klo.“ An sich eine durchaus zutreffende Aussage. Doch tabu im Business-Bereich. Dort lautet die Standardinformation in solchen Situationen: Herr Müller oder Frau Mayer ist gerade nicht im Raum. Ähnliche Fauxpas begehen junge (Hoch-)Schulabgänger in der Startphase oft. „Immer wieder erzählen mir Kollegen solche ‚Klopse’, über die man im Nachhinein lacht“, berichtet Kirsten Hoppmann, Ausbildungskoordinatorin bei der Kapitalanlagegesellschaft Union Investment in Frankfurt: „Klopse, von denen selbst die erfahrendsten Führungskräfte nicht dachten, dass sie passieren können.“ Also waren sie auch nicht vermeidbar.

Auch Thomas Hönscheid aus Darmstadt erlebte einen solchen Fauxpas – der ihn fast einen Großauftrag gekostet hätte. Noch heute bekommt der Werbetexter Gänsehaut, wenn er an eine Präsentation bei einem Neukunden denkt, zu der er einen Praktikanten mitnahm. Dabei verlief sie spitze – so gut sogar, dass der Marketingleiter des Unternehmens am Schluss sagte: „Wir haben einen Imbiss vorbereitet. Ich lade Sie dazu ein.“ Hönscheid hätte am liebsten einen Freudensprung gemacht, denn die Einladung zeigte ihm: Das Eis ist gebrochen. Den Auftrag haben wir vermutlich in der Tasche. Doch bevor Hönscheid antworten konnte, erwiderte der Praktikant: „Ich würde lieber nach Hause fahren.“ Hönscheid wäre am liebsten im Boden versunken.

Vor „Überraschungen“ nicht gefeit. Ähnliche Erfahrungen sammeln gerade Dienstleistungsunternehmen oft. Kirsten Hoppmann von Union Investment: „Selbst bei Azubis und Hochschulabsolventen mit einer guten Kinderstube ist man vor ,Überraschungen’ nicht gefeit – weil im Geschäftsleben teils andere Kommunikations- und Verhaltensregeln als im Privatleben gelten.“ Hinzu kommt: Manches, was früher selbstverständlich war, kann man heute nicht mehr voraussetzen. Dirk Pfister, Dress-Code-Berater aus Mannheim, nennt ein Beispiel: „Ich höre von Führungskräften oft, dass sie jungen Mitarbeitern vorm ersten Kundenbesuch erst mal die Krawatte binden müssen. Oder, dass sie ihnen sagen müssen: Nehmt was zu schreiben mit und macht euch im Gespräch Notizen – allein schon, um dem Kunden zu signalisieren: Ich nehme dich ernst.“ Weil solche Dinge nicht mehr selbstverständlich sind, haben viele Unternehmen in ihre Aus- und Weiterbildung das Thema Benimm integriert – „teils als Lernbaustein, teils als eigenständiges Seminar“, berichtet Günther Reif, dessen Arbeitgeber Provadis ca. 1500 Azubis für andere Unternehmen wie Sanofi-Aventis und Clariant ausbildet. Auch bei den Finanzdienstleistern Schwäbisch Hall und Union Investment gehören Benimm-Seminare sowie entsprechende Infoveranstaltungen inzwischen zum normalen Ausbildungsprogramm – „um Fauxpas möglichst von Anfang an zu vermeiden“, wie Daniela Apel von Schwäbisch Hall betont. „Denn in der Finanzbranche ist ein guter Benimm gegenüber Kunden ein absolutes Muss“, ergänzt die Ausbildungsleiterin der Bausparkasse, die gerade zum „kundenorientiertesten Kreditinstitut“ gewählt wurde.

Was heißt, sich „angemessen kleiden“?
In diesen Seminaren geht es nicht darum, wie man einen Hummer seziert. Auf der Agenda steht Elementares – z. B. sich „angemessen kleiden“. Ein Thema, das in Unternehmen, die ihren Mitarbeitern keine starre Kleiderordnung vorgeben, oft zu Irritationen führt. Pfister: „Wenn die unumstößliche Regel lautet, alle Männer müssen einen blauen Anzug und alle Frauen ein entsprechendes Kostüm tragen, ist das Thema schnell abgehakt. Anders ist es, wenn die Vorgabe lautet: ‚Kleiden Sie sich angemessen’. Dann können heute beim Besuch einer Werbeagentur Jeans und Sakko okay sein, und morgen beim Besuch einer Bank ist der dunkle Anzug Pflicht.“ Den richtigen Griff in den Kleiderschrank müssen viele Berufseinsteiger erst lernen. Besonders hartnäckig widersetzen sich einem Dress-Code meist die Mitarbeiter ohne direkten Kundenkontakt. So kämpft z. B. eine große deutsche Software- Schmiede laut Aussagen ihres Personalleiters seit Jahren damit, „dass manche Entwickler, salopp formuliert, mit Badeschlappen und Bademantel zur Arbeit kommen“. Ihre Rechtfertigung: Wir haben keinen Kundenkontakt. Dem entgegnet der Personalleiter: „Stimmt. Aber täglich kommen viele Besucher in unser Haus. Und die formen sich auch anhand des Erscheinungsbilds der Mitarbeiter ein Bild von unserem Unternehmen.“

Ein weiteres Kernthema vieler Benimm- Seminare ist das Verhalten am Telefon. Dem Nachwuchs wird z. B. vermittelt, dass es nicht kundenorientiert wirkt, wenn man am Telefon zu Kunden sagt: „Dafür bin ich nicht zuständig.“ Kundenorientierter ist die Aussage: „Da weiß ich zwar nicht Bescheid. Ich kümmere mich aber darum, dass ...“ Auch das Verhalten im persönlichen Kontakt will gelernt sein. Eine Leasinggesellschaft vermittelt ihren jungen Mitarbeitern z. B. in Seminaren: Nehmt eure Tasche, bevor ihr das Büro eines Kunden betretet, in die linke Hand. Dann habt ihr die Rechte zum Begrüßen frei.

Auch im täglichen Umgang mit Kollegen gilt es viele „Kleinigkeiten“ zu beachten. Oft ärgern sich ältere Mitarbeiter, wenn junge Kollegen ihre Siebensachen überall liegen lassen. Ein weiteres Konfliktfeld: das Bitte- und Danke-Sagen. Und das Grüßen von Kollegen – z. B., wenn man sie zufällig im Flur trifft.

Wer grüßt wen zuerst? Für das Grüßen nennen selbst die Etikette-Bücher unterschiedliche Regeln – auch weil in einer Behörde andere Benimm-Regeln als in einer Agentur und dort wiederum andere als in einer Bank gelten. Einige Etikette- Ratgeber schreiben: Es grüßt stets derjenige, der den anderen als Erstes sieht. Andere Ratgeber beharren auf der klassischen Benimm-Regel: Der Rangniedrigere grüßt den Ranghöheren bzw. der jüngere Mitarbeiter den älteren. Diese unausgesprochene Regel gilt noch in den meisten Betrieben – wogegen die Jungen zuweilen rebellieren. Unter anderem, weil sie im Alltag zuweilen registrieren: Auch manch älterer Kollege hält sich nicht an die Benimm-Regeln.

(Bernhard Kuntz)


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