Datum: 01.08.2011
Mobile Payment
Mehr und mehr hat der Geldbeutel ausgedient. Während er in alten Tagen nicht nur Aufbewahrungsort von wichtigen persönlichen Habseligkeiten, sondern auch die Barschaft war, ist er in der heutigen Zeit fast nur noch notwendiges Übel. Mobile Payment, also zahlen per Handy, ist wenn auch sehr langsam auf dem Vormarsch. Phi-Hong Ha und Özgür Demir, Experten der Design-Agentur FJORD haben sich mit diesen digitalen Diensten intensiv auseinandergesetzt und stellen sich den kritischen Fragen der finanzwelt.
finanzwelt: Mobile Payment wird als sicheres Bezahlverfahren als die herkömmliche EC-Karte angepriesen – wo genau liegen die Vorteile?
Phi-Hong Ha / Özgür Demir: Der primäre Vorteil von Mobile Payment im Vergleich zu Zahlungen mit der EC-Karte ist die höhere Sicherheit für den Zahlenden. Diese Sicherheit kann auf wenige Faktoren heruntergebrochen werden. Zum einen ist das Duplizieren einer SIM-Karte wesentlich schwieriger als das einer Magnetkarte, was das generelle Risiko von Betrug minimiert. Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Stadien der möglichen bzw. notwendigen Aktivierung eines Handys, die die Sicherheit für den Zahlenden erhöhen. Um ein Handy zu aktivieren, muss ein Code zum Entsperren der SIM-Karte eingegeben werden, je nach Einstellung muss man gar einen Code eingeben, um den Bildschirmschoner zu deaktivieren und letztendlich könnte ein Code notwendig sein, um die Zahlung anzuweisen. Um mit einer EC-Karte zu zahlen, benötigt man nur einen Code oder eine Unterschrift, die vergleichsweise leicht zu fälschen ist. Außerdem bietet Mobile Payment den Vorteil der sofortigen Information des Nutzers per SMS sobald eine Kontobewegung stattfindet. Wenn diese Vorzüge für den Nutzer verständlich dargestellt werden, wird die Nutzung von Mobile Payment stetig steigen.
finanzwelt: Welche Handys sind für das mobile Bezahlverfahren geeignet? Welche Funktion müssen sie haben?
Phi-Hong Ha / Özgür Demir: Im Moment gibt es vier Arten, Mobile Payment durchzuführen: Zahlung per SMS, Direct Mobile Billing’‚ Mobile Web Payment’ und NFC Zahlungen. Bei der Zahlung per SMS sendet man Textnachrichten und zahlt über den Mobilfunkanbieter. Das ist die einfachste Methode und setzt ans Telefon lediglich die Anforderung, SMS senden und empfangen zu können sowie einen Mobilfunkvertrag, der SMS Versand ermöglicht.
Beim Direct Mobile Billing wird auch über die Telefonrechnung des Nutzers abgerechnet, jedoch ist ein zweistufiger Authentifikationsprozess durch eine Webseite notwendig. Das setzt voraus, dass ein Browser auf dem Telefon eingerichtet sein muss. In einigen Teilen Asiens werden mittlerweile 70% der Online – Käufe mit der Direct Mobile Billing Methode beglichen. Der nächste Schritt ist das Mobile Web Payment. In diesem Fall können Nutzer eine Zahlung auf einer Webseite über den Standard Prozess abwickeln. Die Bezahlung erfolgt durch Angabe einer Kreditkarte oder eines Bankkontos. Die Telefonrechnung ist hier lediglich durch die anfallenden Kosten für das Browsen im Internet betroffen. Die jüngsten Entwicklungen fanden im Bereich der Nahfeldkommunikation (Near Field Communications; NFC) statt. Kontaktloses NFC Payment bezieht auf die Option des Nutzers, die Zahlung über ein NFC Modul abzuwickeln. Außerdem arbeitet man zur Zeit noch an der Umsetzung einer reibungsloseren Nutzung, wie zum Beispiel an dem vermeintlichen Risiko der unbeabsichtigten Aktivierung des NFC Payments. Dennoch glauben viele an das große Potenzial dieser Technologie, da sie am einfachsten ist und komplikationslos in den Alltag integriert werden kann.
finanzwelt: Wo sehen Sie Ursachen für die langsame Verwirklichung des mobilen Payments?
Phi-Hong Ha / Özgür Demir: Aus der Perspektive der Banken bedeutet eine Implementierung hohe Investitionen in neue Technologien, die jedoch keinen unmittelbaren Ertrag mit sich bringen würden und auch nicht an die Kunden weitergegeben werden können.
Für die Nutzer birgt Mobile Payment andersartiges Verhalten, so dass Banken und Firmen der Telekommunikation klares Feedback an den Nutzer sicherstellen, so dass dieser die Auswirkungen seiner Handlungen versteht und dass der Geldfluss transparent bleibt. Zum Beispiel geschehen beim Mobile Payment Zustimmung, Kauf und Lieferung nicht zur gleichen Zeit, so dass der Nutzer hinsichtlich des neuen Paradigmas zögert. Des Weiteren ist ein direkter Kontakt zwischen Verkäufer und Käufer nicht mehr notwendig, so dass das gegenseitige Vertrauen auf andere Art aufgebaut werden muss.
finanzwelt: Wie könnte man das Mobile Payment pushen?
Phi-Hong Ha / Özgür Demir: Zwei wesentliche Aspekte würden bei der Einführung von Mobile Payment hilfreich sein.
Die User Experience für den Mobile Payment Prozess muss berücksichtigt und sorgfältig designt sein. Wenn der Service problemlos einzurichten und in die Einkaufsgewohnheiten integrierbar ist, wird er auch genutzt werden. Je mehr Plattformen und vernetzte Systeme Mobile Payment erlauben, umso leichter wird der Gebrauch für den Nutzer. Das Einrichten simpler Preisgestaltung wäre ein weiterer Faktor, der zum Gebrauch anreizen würde. Zum Beispiel die Abwicklung von Käufen über kleine Beträge, die Zahlung von Parkgebühren, ohne weitere Gebühren. Teil der User Experience ist auch ihr internationaler Gebrauch, vor allem hier in Europa wäre Zugriff auf Mobile Payment durch eine Bank oder Mobilfunkanbieter, der grenzübergreifend agiert, extrem wertvoll. Sicherheit ist der nächste wichtige Faktor. Wie erwähnt geschehen beim Mobile Payment Zustimmung, Kauf und Lieferung nicht zur gleichen Zeit, so dass der Nutzer hinsichtlich des neuen Paradigmas zögert. Banken und Geschäfte sollten dies angleichen so dass der Kunden darauf vertraut, dass alles nach Wunsch abgewickelt wird und keine bösen Überraschungen warten. Letztendlich müssen Banken die Balance zwischen dem Gefühl von Sicherheit durch die richtige Anzahl und Intensität der Authentifizierungsschritte und der User Experience finden – simple und schnelle Schritte.
finanzwelt: Es ist leichter erst einmal eine kleine Zielgruppe anzupeilen als gleich alle im Fokus zu haben, welche Gruppe halten sie für prädestiniert um Vorreiter im Mobile Payment zu werden?
Phi-Hong Ha / Özgür Demir: Vorreiter werden schnell neue Lösungen ausprobieren. Es ist aber auch interessant, in welchen Ländern Mobile Payment schnell umgesetzt wird und wie die Einwohner zur Nutzung animiert werden. Zum Beispiel hat Helsinki die Vorreiterrolle übernommen: in der Stadt wurden zwei Coca-Cola-Automaten aufgebaut, bei denen die SMS Zahlung vorgenommen werden konnte. Die finnische Stadt führt diesen Trend mit dem Kauf von Fahrscheinen für öffentliche Verkehrsmittel fort. Natürlich, abhängig vom Land, müssen beim Mobile Payment verschiedene Vorgaben berücksichtigt und Hindernisse überwunden werden. Außerdem sind Regulierungen für Akteure in der Finanzindustrie anders als in der Telekommunikation, was bedeutet, dass sich jede Industrie ihre eigenen Standards schaffen muss.
Anstatt darauf zu warten, dass die Initiative von den Banken ausgeht, sollen Mobilfunkanbieter mehr Alternativen anbieten und mit der Finanzindustrie zusammenarbeiten, um in neue Technologien zu investieren.
finanzwelt: Nutzen Sie persönlich in Ihrem Alltag die Möglichkeit des mobilen Bezahlverfahrens?
Phi-Hong Ha / Özgür Demir: Nein, aber ich habe kürzlich Mobile Payment in Helsinki genutzt. Wenn die Umsetzung ausgereifter wäre, würde ich es aber selbstverständlich mehr nutzen.
Das Gespräch führte Claudia Krämer








