Finanzwelt im Gespräch
Nachhaltig aus der Finanzkrise
Die Finanzkrise verunsichert die Marktteilnehmer auf breiter Ebene. Viele suchen händeringend nach der krisenfesten Anlagestrategie. Können wir jetzt bereits Lehren aus der Situation ziehen? Und sind in diesem Umfeld nachhaltige Produkte einen besonderen Blick wert? Diese Fragen diskutieren wir mit Tjark Goldenstein, dem Experten für ethisch-ökologische Kapitalanlagen und Vorstand der ÖKORENTA AG.
FINANZWELT: Wie ist Ihre Meinung zur Situation an den Kapitalmärkten? War die Krise tatsächlich so unvorhersehbar, wie sie dargestellt wird?
Goldenstein: Was aktuell passiert, kommt nicht aus heiterem Himmel und ist daher für Marktinsider auch nicht wirklich überraschend. Das Maß der Auswirkungen auf die globalen Märkte hätten wir uns jedoch nicht träumen lassen. Es sind an zu vielen Stellen enorme Fehler begangen worden, so dass eine vielschichtige und komplexe Situation entstanden ist, die ihren Auslöser im Platzen der Immobilienblase in den USA hat.
FINANZWELT: An die Adresse Amerikas gerichtet hieß es ja zunächst: „Das ist euer Problem.“ Doch das hat sich geändert.
Goldenstein: Allerdings. Durch die Spekulation mit den so genannten CDOs, den Collateralized Debt Obligations, entstanden die globalen Auswirkungen. Diese CDOs sind gegenwärtig eine der Hauptschwierigkeiten, um die Probleme an den weltweiten Finanzmärkten in den Griff zu bekommen.
FINANZWELT: Worin genau liegt die Gefahr?
Goldenstein: In diesen Wertpapieren sind Risiken transatlantischer Kreditnehmer mit völlig anderen Dingen gemixt. Grundsätzlich handelt es sich um Schuldtitel, die durch Vermögenswerte hauptsächlich in Form von Krediten, Derivaten und Anleihen gesichert sind. Erst die Möglichkeit, daraus Pakete zu schnüren, sie wieder aufzumachen, um sie in anderer Kombination erneut zu verpacken und zu verkaufen, hat dazu geführt, dass viele Banken die Risiken, die sie in den Büchern haben, selbst nur noch schwer einschätzen können.
FINANZWELT: Kommen wir zu den Lösungen. Ist es eine gute Sache, dass der Staat sich nun so massiv in den Markt einmischt?
Goldenstein: Es gab keine bessere Möglichkeit, nachdem privatwirtschaftliche Lösungen nicht ausreichend waren. Aber natürlich würden wir uns wünschen, dass wir heute nicht da wären, wo wir sind.
FINANZWELT: Was sind aus Ihrer Sicht die Voraussetzungen für eine Wende in der gesamten Situation?
Goldenstein: Es gibt ein paar ganz offensichtliche Lehren. Die Gier, der kurzsichtige Blick auf die schnelle Gewinnmaximierung und der exzessive Umgang mit Produkten, die kurzfristige Fabelrenditen versprechen, haben eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung gespielt. Was die Finanzwelt braucht, ist ein Wandel im ideellen Wertesystem. Das wird derzeit auch schon von vielen Marktteilnehmern begriffen. Es hat aus unserer Erfahrung noch nie ein so großes Interesse institutioneller Investoren an nachhaltigen Produkten gegeben wie derzeit. Letztendlich ist es jedoch bitter, dass es zu einer solchen Erkenntnis erst einer weltweiten Krise bedarf.
FINANZWELT: Sind ethisch-sozial-ökologische Strategien also der Ausweg?
Goldenstein: Bei nachhaltigen Prinzipien geht es immer um mittel- und langfristige Strategien und nie um das schnelle Geld. Es geht darum, Werte auf Generationen hin zu schaffen, zu erhalten und auszubauen. Das heißt, es gibt einen vernünftigen Blick auf ethische, soziale und ökologische Belange. Solche Bedingungen entziehen der Krise automatisch die Nahrung.
FINANZWELT: Nachhaltige Investmentfonds und ökologische Einzeltitel wurden aber bisher ebenso gebeutelt wie die traditionelle Konkurrenz. Wie geht das zusammen?
Goldenstein: Der Blick richtet sich weniger auf die Entwicklung eines einzelnen Produktes per Stand heute und auch nicht auf die aktuelle Kursentwicklung einer bestimmten Aktie, sondern auf die generelle Einhaltung nachhaltiger Prinzipien. Es muss und wird einen Paradigmenwechsel in den Meinungen und Auffassungen geben, der Zeit braucht, der sich aber heute schon abzeichnet.
FINANZWELT: Welche Signale gibt der Markt dafür?
Goldenstein: Wie ich eben schon sagte, ist das gewachsene Interesse der Institutionellen an nachhaltigen Strategien ein wichtiger Indikator. Aber auch zum Beispiel Kampagnen, wie sie einer der größten britischen Pensionsfonds, der Superannuation Scheme (USS), und die Environment Agency aktuell durchführen, sind wichtige Zeichen. Mit dieser Kampagne sollen führende Vermögensverwalter dazu bewegt werden, die UN-Prinzipien für verantwortliches Investieren (UN-PRI) zu unterzeichnen. Wer meint, dabei nicht mitmachen zu wollen, soll sich dafür rechtfertigen müssen.
FINANZWELT: Können derartige Maßnahmen denn tatsächlich helfen, die Situation in den Griff zu bekommen?
Goldenstein: Für einen nachhaltigen Paradigmenwechsel ist auch die Politik gefordert. Eine umfassendere Regulierung der Finanzmärkte in Europa, aber auch global, wird unerlässlich sein. Dazu gehört eine Stärkung der Finanzaufsichtsbehörden im internationalen Maßstab, damit Schlupflöcher geschlossen werden können.
FINANZWELT: Unter solchen Voraussetzungen erwarten Sie eine nachhaltige Wende in der Situation?
Goldenstein: Ja, wir gehen davon aus, dass systemische Lösungen gefunden und umgesetzt werden. Wir gehen auch davon aus, dass die Situation repariert werden kann. Das stimmt uns zuversichtlich. Was wir jetzt brauchen, ist mehr Vertrauen der Marktteilnehmer, sowohl der Banken untereinander als auch der Anleger. Nachhaltigkeitserwägungen spielen auch hier eine wichtige Rolle.
FINANZWELT: Wie sehen Sie die Situation für die ÖKORENTA, wird sie als Nachhaltigkeitsspezialistin von der Krise profitieren?
Goldenstein: Wir meinen, dass sich die Krise für alle als große Chance erweisen wird, die über Know-how im Bereich der Nachhaltigkeit verfügen, oder bereit sind, es aufzubauen. Das betrifft Investmenthäuser ebenso wie Vertriebe, Berater und Vermittler. Für all diese stehen wir mit unserem Emissionshaus, unserer Consulting-Einheit und vor allem mit unserer neu gegründeten ÖKORENTA FINANZ AG als Nachhaltigkeitsexperte zur Verfügung.







