Lateinamerika hat den Teufelskreis durchbrochen
Novo Mercado
Die Länder Lateinamerikas nehmen derzeit Anlauf zum großen Sprung nach vorn aus der Misere der letzten 20 Jahre und könnten den Anlegern in den nächsten Jahren Chancen bieten, wie es sie in den letzten 10 bis 15 Jahren in Osteuropa nach dem Fall der Mauer gab. Und auch in Südamerika liegt an der Basis des Erfolgs ein tiefgreifender politischer Wandel, der wohl nur deshalb nicht so große Aufmerksamkeit findet, weil eben der spektakuläre Fall von Mauern und Denkmälern fehlt.
Stattdessen markieren Kleinigkeiten wahre Revolutionen: Jüngst referierte IWF-Chef-Volkswirtin Anne Kruger über die Umstrukturierung südamerikanischer Staatsschulden – und niemand nahm Notiz davon. Es geht eben nicht mehr sofort um eine Schuldenkrise, wenn heute über Umschuldung geredet wird (wie noch 2001/2002 in Argentinien), sondern um die Frage, wie ein wenig mehr Geld für das Bildungssystem beschafft werden kann – und sei es durch die Rückkaufprogramme für die noch umlaufenden Bradybonds. Diese Anleihen wurden in den 80er Jahren in Umschuldungsprogrammen für Lateinamerika entwickelt, deren Grundkonzept auf den damaligen US-Finanzminister Nicholas Brady zurückgeht. Der hatte im Schuldenchaos die einfache Idee: Die alten, schlechten Schulden werden zusammengestrichen und in gute (weil besicherte) Schulden mit langer Laufzeit umgewandelt. Die Sicherheit ermöglichte eine relativ niedrigere Verzinsung und verschaffte den Gläubigern (zunächst hauptsächlich westlichen Banken) vermarktbare Titel, die bei Bedarf auch sofort Bargeld in die Kasse brachten, während die laufende Belastung der Staatshaushalte durch den Schuldendienst gesenkt wurde. Besichert wurde in verschiedenen Formen durch Wertpapiere erstklassiger Emittenten. Mit dem Rückkauf, praktisch der Umschuldung auf nicht vergleichbar besicherte Anleihen, bekommen die Finanzminister die Sicherheiten frei und können die Mittel anderweitig verwenden.Dieses Geschäft hat dazu geführt, dass von den einstmals 150 Milliarden US-Dollar umlaufenden Brady-Bonds nach Schätzungen von J.P. Morgan in diesem Jahr wohl nur noch rund 10 Milliarden übrig sind. Auch bei den Eigenkapitaltiteln hat sich einiges getan: Die traditionell von staatsdominierten Rohstoff-Konzernen und Banken beherrschten brasilianischen Börsen erhielten mit dem Novo Mercado ein neues Segment, in dem sich seit Mai 2004 zeitweilig fast im Wochentakt auf die Inlandsmärkte orientierte Gesellschaften listen lassen. Das Branchen-Spektrum reicht von Baugesellschaften bis zu einheimischen Pharmaproduzenten. Dazu kamen IPOs weiterer Gesellschaften in anderen Seg menten. „Lateinamerika hat den Teufelskreis durchbrochen“, urteilt Michael Kostadinov, beim DIT verantwortlich für das Aktienresearch Südamerika. Er sieht einen längerfristigen Trend in den positiven Entwicklungen.
Grundlage ist eine Wirtschaftspolitik, die auf Exportorientierung setzt und die staatlichen Haushalte aus den Schuldenfallen herausführt. Das zahlt sich jetzt aus. Selbst in Argentinien heilen langsam die schweren Schäden des 2001 so desaströs gescheiterten Experimentes einer starr 1:1 an den US-Dollar gekoppelten Währung. Das Jahr 2005 brachte mit einem realen Wachstum von 9,2 % das dritte Jahr hintereinander eine Rate oberhalb von 8 %. Brasilien rutschte mittlerweile wieder ein wenig höher in der Bonitätsskala und nähert sich nun langsam dem begehrten Investmentgrade, nicht zuletzt weil die nationalen Märkte ergiebig genug sind, um die Kreditbedürfnisse des Fiskus zu decken. Die Folge ist ein leiser Umsturz: Bisher mussten die südamerikanischen Regierungen ins Ausland gehen, um sich Geld zu leihen. Inzwischen drängen US- wie EU-Investoren vor allem auf den nationalen brasilianischen Markt und nehmen auf Real lautende Papiere auf. Mit der Umstrukturierung der Staatsschuld von fremder auf eigene Währung sinkt die Verwundbarkeit. Bislang hatten Argentinien, Brasilien & Co. sofort eine Lungenentzündung, wenn sich die internationale Anlegerschaft etwa in Malaysia einen Schnupfen eingefangen hatte. Diese Zeit scheint zu Ende zu gehen. Im Jahrzehnt 1986 bis 1996 lag die durchschnittliche Jahresinflation für Südamerika bei 180 %, heute sind niedrige zweistellige Raten schon eine Ausnahme. Hinzu kommt der Aufbau einer kapitalgedeckten Rente, was institutionelle Anleger auf dem nationalen Markt schafft.
Das senkt die direkte Abhängigkeit vom Ausland ebenso, wie die kräftig gestiegenen Exporteinnahmen die Fähigkeit aus eigener Kraft die Dinge zu regeln gestärkt haben. 2005 betrugen die Auslandsschulden Brasiliens noch etwa 125 % der Exporteinnahmen des Jahres, 1995 lagen die Schulden in fremder Währung noch über 300 %. Ähnlich günstig auch die Entwicklung der Staatsschulden: 2003 bis 2005 erreichten die Budgets nach IWF-Angaben im Durchschnitt einen Primärüberschuss (vor Schuldendienst) von 3,25 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Das reichte, um den Stand der Schulden im Schnitt von 65,5 auf 52,3 zurückzuführen. Hans Eichel ist bei seinem Versuch gescheitert, hierzulande Vergleichbares zu erreichen. Die Südamerikaner haben es offenbar verstanden, die Chancen eines günstigen Umfeldes mit relativ starker Weltwirtschaft und niedrigen Zinsen zu nutzen. Da der Aufwärtstrend inzwischen in allen wesentlichen Ländern auch den größten Teil der Bevölkerung auf die eine oder andere Art erreicht, scheint das neue Wirtschaftskonzept auch poli- tisch abgesichert. Denn die Fachleute wie der Merrill Lynch Fondsmanager Will Landers sieht trotz eines Superwahljahres mit 5 Präsidentenwahlen (Peru, Kolumbien, Mexiko, Brasilien und Venezuela) sowie 4 Parlamentswahlen (Peru, Kolumbien, Mexiko und Brasilien) geringe Risiken, dass Porzellan zerschlagen wird.
Beispiel Brasilien: Ob dort der „linke“ Lula wiedergewählt wird und seine bisher erfolgreiche Politik fortsetzt oder ein „rechter“ Konkurrent die gleiche Linie noch ein wenig wirtschaftsfreundlicher umsetzt, ist nicht mehr sehr aufregend. Vor allem die beiden größten Volkswirtschaften Südamerikas – Brasilien und Argentinien – haben die Orientierung an nach europäischen Maßstäben „geordneten Verhältnissen“ festgeklopft, weil wohl über alle inneren politischen Grenzen hinweg klar ist, dass es keine Alternative zu diesem Weg gibt, um aus der Armut und der Abhängigkeit von den Industrieländern herauszukommen. Wichtiger scheint es, dass die nächste Administration die liegen gebliebenen Aufgaben anpackt: Die Infrastruktur (etwa die Energieversorgung) hat mit der Wirtschaft nicht Schritt gehalten, es besteht Nachholbedarf. Wie bei den Schulen: Je weiter die Wirtschaft sich entwickelt und ausdifferenziert, desto mehr wird die Qualifikation der Arbeitsbevölkerung zum wichtigen Input.
(MARTIN KLINGSPORN)







