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Es liegt nicht am Zölibat

Ob Rente mit 67 oder Gesundheitsreform…

Die Überalterung der Gesellschaft zwingt zum Umbau - und der hat speziell den Finanzdienstleistern einige neue Geschäftsfelder eröffnet und alte ganz wesentlich verbreitert.

Wenn Vater im Stil der 50er Jahre als Alleinverdiener das Geld für die von Mutter in Vollzeit gemanagte Familie mit der demographisch korrekt auf 2,5 Köpfe optimierten Kinderschar heranschafft und alle zusammen auf die soziale Absicherung durch den Staat angewiesen sind, gibt es weder den Bedarf noch die finanziellen Mittel für die private Absicherung gegen soziale Risiken. Die gerade losgetretene Debatte um die Kinderbetreuung sollte daher schon aus professionellen Gründen beobachtet werden. Die Sache kann sogar unterhaltsam sein: Neben vielem anderen liegt hier auch ein Polit- und Wissenschaftskrimi verborgen. Ausgangspunkt ist die Universität Chicago. Dort untersuchte der Ökonom Gary Becker mit seinem Team seit den späten 50er Jahren die ökonomischen Voraussetzungen und Strukturen von Familien und ihrer Produktion von Nachwuchs. Es gelang ihnen mithilfe knochentrockener Ökonomie zu erklären, warum mit steigendem Einkommen die Kinderzahl pro Familie sinkt und dafür der Aufwand pro Kind steigt. Die Eltern investieren immer weniger in die Menge und immer mehr in die Qualität ihres Nachwuchses. Dreh- und Angelpunkt der Produktionsfunktion sind die Opportunitätskosten der Kinder: Wer sich Glück durch Kinder verschafft, muss eben auf materiellen Wohlstand verzichten, vor allem durch den Ausfall des Arbeitseinkommens der Frauen. Je besser die Frauen verdienen desto teurer werden die Kinder – wenn sich sonst nichts ändert. Daraus ergab und ergibt sich hierzulande der Trend zu weniger Kindern, die dank gestiegener Einkommen dafür immer besser versorgt und ausgebildet werden können.

Als diese Ergebnisse Anfang der 60er Jahre veröffentlicht wurden, galten sie zunächst nur als Glasperlenspiel im Elfenbeinturm. Ernst wurde es erst, als die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt trotz aller Kampagnen für Familienplanung, Verhütung und Aufklärung über den Gebrauch von Pille, Kondom und Spirale unbremsbar schien. Sehr schnell war klar, dass die einzige Alternative zur Brutalität der chinesischen Ein-Kind-Politik mit drakonischen Strafen für die Erzeuger unerwünschten Nachwuchses eben nur die Erhöhung der „Kosten“ der Kinder im Sinne Beckers ist. In der Praxis hieß das: Die Bildungsangebote für Mädchen und Frauen wurden zielgerichtet verbessert und damit neue Berufschancen geschaffen. Ergebnis: Die Kinder werden „teurer“, weil die ausfallenden Einkommen der Mütter damit immer schwerer wiegen und wo immer dieses Modell verfolgt wurde, ließ der Bevölkerungsdruck nach. Dies ist das bisher einzige in der Praxis wirksame und gewaltfreie Rezept gegen die Überbevölkerung in der Dritten Welt.

Die zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten gelten auch in Europa, wo die Probleme lediglich das entgegengesetzte Vorzeichen aufweisen: Die Kinder sind aufgrund des relativ hohen Bildungstandes und der damit von den Frauen erzielbaren Einkommen „zu teuer“ geworden. Allerdings entstehen die entscheidenden Opportunitätskosten im Sinne des Verzichts auf Einkommen durch die Entscheidung für Kinder immer nur dann, wenn ein „entweder - oder“ gefordert ist. Sobald Kinder und Beruf sich nicht mehr gegenseitig ausschließen, fallen die Opportunitätskosten fast senkrecht gegen null. Konsequenz: Die heute von Staats wegen so erwünschten Kinder werden fühlbar „billiger“. Auch dies ist keinesfalls graue Theorie, wie schon der Vergleich zwischen den europäischen Staaten zeigt: Je höher die Quote erwerbstätiger Frauen in den einzelnen Staaten, desto höher ist auch die Geburtenrate. Was sich scheinbar gegenseitig ausschließt, läuft tatsächlich in einem Punkt zusammen: Mittels einer ausreichenden öffentlichen Infrastruktur für die Betreuung sind Beruf und Kinder vereinbar, was mehr Kinder ermöglicht. Das gilt konkret zumal für die Alleinerziehenden, denn bei ihnen wird die Frage der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zugespitzt auf die Frage „Wie den Absturz in die Sozialhilfe vermeiden?“, den hierzulande bis heute die überwiegende Mehrheit der alleinerziehenden Frauen mit zwei und mehr Kindern nach wie vor erleidet. In solchen Verhältnissen orientiert sich die Familienplanung der meisten Frauen zwangsläufig an der Richtschnur „Trauschein hin oder her – schaff ich es im Notfall auch alleine?“ Der Effekt eines unzureichenden Betreuungsangebotes hat also weitreichende Konsequenzen.

Die sachlich gebotene Lösung für das Überschussproblem der Dritten Welt wie auch gleichermaßen für das Defizitproblem Europas ist politisch allerdings außerordentlich brisant, weil beide zum Kern „effektive Familienpolitik ist Frauen - politik“ führen und das ist für viele Konservative nicht akzeptabel, wie schon Rita Süssmuth erfahren musste. Sie scheiterte vor etwa 20 Jahren an eben dem konservativen Widerstand, der heute unverändert Ursula von der Leyen entgegenschlägt. Daher gehen die Witze à la „Beim Bischof Mixa sieht man doch, was dabei herauskommt, wenn die Kerle mit ihrem Staatsorgan denken, statt es zu fruchtbarem Tun zu benutzen“ an der Sache vorbei. Die Konservativen fühlen hier völlig richtig he - raus, dass es um grundlegende kulturelle Werte und nicht zuletzt um die Machtfrage geht, wenn diese Werte infrage gestellt werden. Sie haben eben nur nicht verstanden, dass ihnen hier nicht irgendwelche „Emanzen“ gegenüberstehen, sondern die Kräfte der Globalisierung. Wo neben technologischem Niveau und effizienter Verwaltung auch die Systeme für Besteuerung, soziale Sicherung oder Bildung zum Feld gehören, auf dem die internationale Konkurrenz ausgetragen wird, können die Demographie und die dahinterstehenden Familienstrukturen nicht außen vor bleiben. Diese werden genauso der Effizienzkontrolle durch den Markt unterworfen wie traditionalen Stammesgesellschaften Afrikas. Das kann man als kulturellen Verlust ansehen. Ändern lässt es sich kaum. Aus dieser Perspektive wirkt der konservative Widerstand gegen den gesellschaftlichen Wandel wie eine Bürgerinitiative gegen Erdbeben: Nachvollziehbar und sympathisch bei den Motiven, aber einfach lächerlich in der Praxis.

(Martin Klingsporn)


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