Mehr Teamgeist zeigen!
PKV-Wirbel
Ein Arbeitspapier sorgte für großen Wirbel und war quasi der Sommerlochstopfer. Vom „Krieg der Krankenversicherer“ war dort zu lesen oder auch vom „Dolchstoß für Privatversicherte“.
Auch die DKV reagiert leicht verärgert über die Medienschelte: „Ich kenne niemanden in der Versicherungsbranche, der die Vollversicherung abschaffen will. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, dass ein Arbeitspapier des GDV über die Zukunft der Sozialsysteme ein solches Medienecho auslösen konnte. In der Krankenversicherung sollen, dem Arbeitspapier nach, mehr Menschen aus der Tarifvielfalt der kapitalgedeckten privaten Krankenversicherung wählen können. Also ein Plädoyer für mehr Freiheit und freien Wettbewerb und keineswegs für eine Bürgerzwangsversicherung, wie es leider in einigen Medien zu lesen war“, beschreibt Jürgen Lang, Vertriebsvorstand der DKV Deutsche Krankenversicherung AG.
Ein bestehendes System zu hinterfragen ist überhaupt nicht verwerflich, ganz im Gegenteil. Kritisch zu sehen ist jedoch die Außendarstellung der PKV-Branche im Rahmen der „Arbeitspapier-Geschichte“. So hätte man sich doch durch rechtzeitiges Informieren einiges an Ärger ersparen können. Schließlich hat es immer etwas Geheimnisvolles und nicht gerade Vertrauenswürdiges, wenn der Privatversicherte über fünf Ecken erfahren muss, dass seine kapitalgedeckte Krankenvollversicherung vom eigenen Unternehmen hinterfragt wird – gerade wenn noch Monate vorher das kapitalgedeckte System als eine Lösung des demographischen Wandels angepriesen wurde. Ferner wäre es lobenswert gewesen, wenn das abschließende Dementi einheitlich und klar erfolgt wäre. Aussagen wie „Wollen oder können wir nicht kommentieren“ aus oberer Stelle oder sogar interne Scharmützel sind da wenig förderlich.
Aus Sicht der AXA ist es allerdings bedauerlich, wenn durch Indiskretion Ausschnitte des nicht abgeschlossenen Meinungsbildungsprozesses im Gesamtverband zur Veröffentlichung gebracht werden. „Die Gefahr, dass dadurch vernünftige Denkmodelle im tagespolitischen Diskurs bereits im Kern erstickt werden, kann nicht im Sinne einer Lösung der langfristigen gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen sein. Nur wer sich heute aktiv und konstruktiv einbringt, wird auch morgen die Versprechen an seine Kunden einhalten können und sinnvolle Lösungen und Antworten auf die zukünftigen Fragen und Bedürfnisse der Bürger nach Sicherheit und Absicherung finden“, so heißt es aus dem Hause der AXA. Rolf Bauer, Vorstandsvorsitzender Continentale Krankenversicherung a. G., beschreibt das Ganze wie folgt: „Die Debatte war sicher nicht förderlich, aber man sollte sie auch nicht überbewerten. Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet. Da wurde sehr erregt über ein internes Diskussionspapier diskutiert, das allerdings zu diesem Zeitpunkt kaum jemand gelesen hatte. Darin wurde auch nicht die Abschaffung der PKV angeregt, sondern die Einführung eines kapitalgedeckten Systems für die gesamte Bevölkerung.“
Ein Grundproblem der PKV-Überlegungen ist sicherlich die aktuelle Situation der Kundenneugewinnung. Die Versicherten der PKV altern und verursachen somit höhere Kosten. Aufgefangen wurde dies in der Regel durch frisches Blut – sprich junge, risikoarme Neuzugänge. So sorgte die neue 3-Jahres-Regel für einen Blocker im Vertrieb. Aktuell können Arbeitnehmer nur dann in die PKV wechseln, wenn ihr regelmäßiges Arbeitsentgelt in drei aufeinander folgenden Kalenderjahren die Versicherungspflichtgrenze überschritten hat. Die GKV-Pflicht endet mit Ablauf des dritten Jahres, wenn das Arbeitsentgelt auch im Folgejahr über der Pflichtgrenze liegt. „Der Markt stellt sich durch die 3-Jahres-Regelung für Angestellte natürlich auf den ersten Blick eingeschränkt dar. Aber Hindernisse bei der Akquise Selbstständiger gibt es nicht. Und der Vertrieb sollte auch die große Anzahl wechselwilliger Kunden nicht außer Acht lassen, die derzeit freiwillig in der GKV versichert sind“, so Peter Ludwig, Vertriebsvorstand HanseMerkur Krankenversicherung aG.
Bereits heute gibt es ein Potenzial von über acht Millionen freiwillig in der GKV Versicherten, die quasi von heute auf morgen in den Schutz der Privaten Krankenversicherung wechseln könnten. Eine Hausnummer, die durchaus beachtenswert ist und manche Tarife demographiesicherer machen würde. „Die Vollversicherung ist das zentrale Geschäftsfeld der PKV – und wird es auch bleiben. Umso wichtiger ist die Aufgabe des Vertriebs, dies dem Kunden deutlich zu machen. Viele Kunden sind durch den Streit um die Gesundheitsreform verunsichert. Hier sind die Vermittler gefordert, mit Aufklärungsarbeit gegenzuhalten und den Kunden zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu verhelfen“, so Wolfgang Stertenbrink, Vorsitzender des Vorstands HALLESCHE Krankenversicherung und ALTE LEIPZIGER Lebensversicherung.
So wird das Neugeschäft für den Vertrieb jedoch nicht leichter, wenn man die neueste Hiobsbotschaft aus dem Hause der privaten Krankenversicherer hört. Die Beiträge für Neukunden steigen auf bis zu 30 % an. Grund sind die Änderungen durch die Gesundheitsreform. So muss die PKV beispielsweise einen Basistarif anbieten, der sich an den gesetzlichen Leistungen orientiert, aber für die PKV oft nicht kostendeckend sein wird. Ferner sorgt die Gesundheitsreform dafür, dass ab dem kommenden Jahr ein Teil der Altersrückstellungen bei einem Anbieterwechsel mitgenommen werden kann, und das in Verbindung mit einer erhöhten hauseigenen Stornoquote zu einer massiven Anhebung der Beiträge bei einigen Privaten führt. Wie hoch die so durch den Gesetzgeber verursachte Steigerung ausfällt, hängt somit vom konkreten Tarif, der kalkulierten Stornowahrscheinlichkeit und dem Eintrittsalter ab.
Grundsätzlich gilt: Je höherwertig der Tarif, desto geringer ist die prozentuale Steigerung. Dies bedeutet, dass die Beitragssteigerungen ab 1. Januar 2009 stärker das Marktsegment der preiswerten Tarife und weniger das Segment der Hochleistungstarife betreffen werden. Je älter hierbei die Versicherten, desto geringer ist die Stornowahrscheinlichkeit und daher auch die Bedeutung der mitnahmefähigen Alterungsrückstellung. „Die möglichen extremen Steigerungen der Einstiegsbeiträge beziehen sich also nur auf jüngere Neukunden. Für ältere Kunden wird die Erhöhung – wenn überhaupt eine erfolgt – nur gering ausfallen", erläutert Bauer.
Einzelne Verbraucherschützer vermuten, dass auch Bestandskunden auf Dauer nicht von einer Erhöhung verschont bleiben werden – gerade in Verbindung mit einer Überalterung eines bestehenden Versicherungskollektivs. Dieses entkräftet Bauer: „Niemand, der vor 2009 privaten Versicherungsschutz abschließt, muss wegen dieser Besonderheit mit Beitragserhöhungen rechnen. Daher sollten auch alle, die sich privat versichern wollen und können, dies 2008 tun und sich so alle Möglichkeiten offenhalten." Somit hat die teilweise Mitgabe der Alterungsrückstellungen aufgrund der Gesundheitsreform auf die Bestandskunden laut vielen Versicherungsexperten keine Auswirkung.
„Die Menschen in Deutschland werden immer anspruchsvoller in Bezug auf ihre Krankenversicherung. Dagegen reduziert sich der Leistungskatalog in der gesetzlichen Krankenversicherung immer mehr auf eine Grundversorgung. Unsere Kunden von morgen wünschen sich aber zukunftsfähige, attraktive und modern gestaltete Produkte. Die können wir ihnen bieten. Deshalb sehe ich durchaus gute Perspektiven für unsere Vermittler“, so Beutelmann. Brisant könnte es laut Barmenia-Vorstand nur werden, wenn die Politik den Kundenwunsch nicht akzeptiert und die Leistungsfähigkeit privater Krankenversicherer durch gesetzliche Regulierungswut weiter beschneidet. Gut wäre es in diesem Fall, wenn die PKV-Branche dann geschlossen als Einheit gegen die neuen Gesetzesbrocken auftreten würde!
(Marc Oehme)







