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Die Kräfte des Aufschwungs

Prognosen 2008

Die Saison der Auguren ist eröffnet, die Ökonomen des Weltwährungsfonds (IWF), die Konjunkturforschungsinstitute im Auftrag der Bundesregierung und zuletzt auch der Sachverständigenrat, die so genannten Weisen, haben ihre im Herbst fälligen Schätzungen für 2007 und 2008 vorgelegt. „Weiter aufwärts, wenn auch langsamer“ könnte die gemeinsame Überschrift lauten.

Die internationale Basis der insgesamt positiven Nachrichten zeichnet der IWF am deutlichsten: Jeweils rund 5 % reales Wachstum weltweit für das laufende und das kommende Jahr sind im historischen Vergleich eine Nachricht mit Goldrand, weil damit 5 aufeinander folgende Jahre mit jeweils rund 5 % Wachstum zusammenkämen. Das kann man schon einen Schub nennen. So gut ging es der Welt nicht mehr seit dem Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem der Wiederaufbau für ein beschleunigtes Tempo der Wirtschaft sorgte.

Der Boom in Südostasien und die nur wenig schwächere Entwicklung in anderen Emerging Markets (namentlich Lateinamerika) sorgen zusammen genommen für gute Chancen weltweit. Selbst im notorisch wachstumsschwachen Afrika, südlich der Sahara, liegen die realen Wachstumsraten zwischen 5 und 6 %. Diese breite Basis des starken Aufwärtstrends deutet auch seine Robustheit an: Zumindest aus deutscher Sicht dürfte etwa ein Einbruch in den USA relativ leichter zu verschmerzen sein, weil in einer boomenden Weltkonjunktur die Nachfrage aus anderen Teilen der Welt die Ausfälle kompensieren kann. Der Exportweltmeister Deutschland profitiert also enorm von diesem sehr breiten positiven Trend, vor allem vom Investitionsschub der mit dieser Beschleunigung verbunden ist.
Dennoch wird das aktuell überdurchschnittliche Wachstum bei uns im kommenden Jahr etwas zurückgehen auf ein immer noch ordentliches und über dem langfristigen Trend liegendes Maß um 2 %. Nicht ganz unerwartet macht die Einsicht die Runde, dass auch in den USA die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die Wachstumsdynamik dort lässt nach, weil die US-Verschuldung nach innen und außen fühlbar wird. Nach innen ist durch die Hypothekenkrise der weithin per Kredit finanzierte Konsumboom gebremst und die steigende Flut der Auslandsverschuldung lässt den Dollar abrutschen. Damit wird eine wichtige Antriebskraft der Weltwirtschaft schwächer. So lassen die IWFAutoren schon in der Inhaltsübersicht wenig Zweifel an ihrer Sicht: Die Abwärtsrisiken sind gestiegen. So stehen die Emerging Markets in Asien wie Lateinamerika mal wieder vor dem Problem, hohe Zuflüsse an kurzfristig orientiertem Auslandskapital managen zu müssen. Hinzu kommen die Bedenken über die Lage der USA, die durch ihr riesiges Defizit im Außenhandel der Weltkonjunktur zwar eine Starthilfe gegeben haben, mehr und mehr aber zum Belastungsfaktor werden, weil die Finanzierung dieses Defizits langsam das Währungsgefüge ins Rutschen bringt. Schließlich müssen die ausländischen Anleger und Notenbanken Jahr für Jahr mehrere hundert Milliarden Dollar zusätzlich in ihre Depots nehmen als Gegenposition zu den laufend ausgestellten ungedeckten Schecks der Amerikaner.

Diese für sich genommen durchaus erfreulichen Zahlen für Deutschland stehen allerdings in einem Rahmen, in dem auch hausgemachte Risiken stecken. Das am nächsten liegende wird bereits in den Zahlenwerken selbst sichtbar: Ein ganz zentraler Knackpunkt für die positiven Schätzungen für 2008 ist die Annahme, dass der private Konsum zulegen wird: Vor allem die Sachverständigen trauen hier den Konsumenten relativ viel zu, obwohl sie selbst ausdrücklich von einer im ersten Halbjahr 2007 noch klar erkennbaren Zurückhaltung der Bürger beim Geldausgeben sprechen. Da signalisiert schon die Wortwahl der Weisen Vorbehalte gegenüber der Argumentation, der zufolge nur die Erhöhung der Mehrwertsteuer den Konsum gebremst habe.

Solange sich die Politik nicht zuletzt mit dem Segen der Weisen darin übt, den Bürgern immer weniger öffentliche Leistungen zur Verfügung zu stellen, ohne dass die Belastungen nennenswert gesenkt werden, werden die Konsumenten sich zurückhalten. Ein klares Indiz für die Vorsicht der Verbraucher ist der Anstieg der Sparquote bei gleichzeitig kräftigem Mittelzufluss bei den Produkten für die Altersvorsorge. Tatsächlich kann dieser Teil der Prognose nur aufgehen, wenn es zu einem regelrechten Wechsel des Trends kommt. Die bisher wirksamen Antriebskräfte liegen bei der sehr stark vom Export abhängigen Industrieproduktion, wie die Weisen selbst herausstellen. Gründe für den von den Weisen stillschweigend unterstellten Trendwechsel kann man aber nicht so recht erkennen. Vor diesem Hintergrund kann man die Konsumschätzung der Sachverständigen schon als sportlich bezeichnen, die Institute sind demgegenüber deutlich vorsichtiger mit ihrer Schätzung des Konsumtrends.

Zumal im Hintergrund weitere Gefahren lauern: Die Vorgänge um die IKB und die Sachsen LB haben gezeigt, dass die Finanzkrisen jenseits des Atlantiks sehr schnell auch in unsere Märkte schwappen können und aus Finanzproblemen bald reale Wirtschaftsprobleme werden können. Die insgesamt erschreckend schwache Finanzierungsleistung der deutschen Banken in den letzten Jahren wird durch solche Krisen jedenfalls nicht gestärkt. Mangelhafte Finanzierungsmöglichkeiten würden sehr schnell und massiv das Tempo der realen Wirtschaft bremsen.
Ein gewisses Risiko für das deutsche Wachstum steckt auch im Verhältnis zu den europäischen Nachbarländern, wie IFO-Chef Hans-Werner Sinn kürzlich aufzeigte: Der momentane Erfolg ist demnach letztlich auf 2 Punkte reduzierbar: Deutschland hat seine Wettbewerbsposition in Euroland vor allem durch eine Kombination von realer Abwertung und Lohnsenkung deutlich verbessert und dadurch Beschäftigung an sich ziehen können. Diese verbesserte Konkurrenzlage trifft nun auch noch auf eine starke Weltkonjunktur. Das ist momentan positiv, aber nicht unbedingt haltbar: Unsere Eurolandpartner könnten sehr bald nachziehen und diesen reinen Kostenvorsprung beseitigen. Daneben hat die Politik der Lohnsenkung die Voraussetzungen für die Konsumschwäche geschaffen.

In diesem Szenario lässt sich absehen, dass aus der Kombination von kräftiger Sparneigung der Haushalte und Überschüssen im Außenhandel ein verstärkter Anlagedruck auf die Finanzbranche zukommt. Das Hauptthema wird dabei „Sicherheit“ sein in zweierlei Hinsicht: Der Faktor Sicherheit wird zumindest sehr wichtig bleiben in der Beratung. Wer für sein Anlageprodukt auf dieser Ebene Punkte machen kann, gehört sicher zu den Gewinnern. Zudem wird es eine andauernde Nachfrage nach Produkten geben, die die ausgedünnte soziale Absicherung durch den Staat wenigstens teilweise ersetzen können. Grundsätzlich wird das Muster der letzten Jahre erhalten bleiben: Geld ist in vielen Haushalten vorhanden, es fehlt eher an überzeugenden Argumenten, es festzulegen. In diesem Zusammenhang wird die private Absicherung von Riester- und Rürup-Rente bis zur Absicherung der Berufsunfähigkeit eine wichtige Rolle spielen.

Kreativität bleibt auch auf der Finanzierungsseite gefragt: Viele der bereits genannten Risiken würden unmittelbar ins Kontor der ohnehin seit Jahren schwächelnden deutschen Bankbranche schlagen und deren Finanzierungsleistung weiter schwächen. Von daher wird die Nachfrage nach externem Eigenkapital immer neue Unternehmen auf den Markt treiben, sei es zur Aufstockung des Eigenkapitals, um Kreditgeber zu beruhigen, sei es, um nicht mehr erhältliche Fremdfinanzierungen zu ersetzen.

(Martin Klingsporn)


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