Kritische Betrachtung von Ratings und ihrem Sinn für Makler
Ratings: Placebo oder Hilfsmittel?
Wenn der Mensch in einer Krise ist, dann sucht er nach etwas, um diese Krise zu bewältigen oder um sich zumindest ein besseres Gefühl zu geben. So kann er seinen Lebensstil ändern oder sich ein überteuertes amerikanisches Motorrad kaufen. Ersteres wird ihm helfen, seine Lebenskrise wirklich zu meistern, letzteres hilft ihm zumindest, die Krise zu verdrängen und sich besser zu fühlen. Ob Ratings für Makler das geeignete Mittel sind, die derzeitige Krise zu bewältigen und künftige Krisen unbeschadet zu überstehen oder ob sie nur dazu taugen, den Bauch zu beruhigen, soll in diesem Artikel untersucht werden.
Was genau macht nun die Krise des Maklers aus? Die bisherigen Kriterien zum Vergleich und zur Bewertung von Lebensversicherern haben im Rückblick in mehreren prominenten Fällen versagt. Unabhängig von Größe und Alter des Versicherers oder der Produktqualität, historischen Renditen und Service, jedes einzelne dieser klassischen Kriterien wankt im Angesicht der Erfahrungen der vergangenen Monate. Bislang verlässliche Partner sind ins Straucheln gekommen, und viele Vermittler fühlen sich momentan nicht in der Lage, eine sinnvolle Auswahl von Partnern zu treffen, da die finanzielle Stabilität der Branche als Ganzes in Frage gestellt zu sein scheint. Auf einmal stehen die Ratingagenturen, nach jahrzehntelanger weitgehender Nicht-Beachtung dieser Organisationen, im Mittelpunkt des Interesses für den Vertrieb. Auch die Ratingagenturen haben darauf reagiert und die Makler als Zielgruppe für Ratinginformationen entdeckt.Aus diesen Gründen und aus Angst, künftig nicht mehr ruhig schlafen zu können, greift der Makler jetzt noch stärker auf externe und offenbar unabhängige Informationen zurück. Allerdings beschränkt sich die Analyse vieler Vermittler momentan darauf zu schauen, wie viele Sterne und Buchstaben eine oder mehrere Ratingagenturen vergeben und dann nur Partner mit möglichst vielen A's, F's und Sternen auszuwählen, da er mit der hinter den Ratings stehenden Methodik nicht vertraut genug ist. Dieser Ansatz greift aber aus mehreren Gründen zu kurz und wurde schon in der Vergangenheit als ungeeignet entlarvt. Welche Gründe sind dies?
Hierzu muss man einige grundsätzliche Überlegungen zur Erstellung und zum Zweck der Ratings machen und gelangt durch diese Betrachtung zu den zentralen Schwächen dieser Instrumente, welche der Makler bei ihrer Nutzung beachten sollte:
> Schwächen der Ratingansätze
Der Ursprung von Ratings liegt darin, potenziellen Geldgebern (Banken, Investoren, Käufern von Anleihen etc.) einen Anhaltspunkt über das Verlustrisiko bzw. die Bonität einer Gesellschaft zu geben und somit mittelbar den Preis für eine Investition in diese Gesellschaft festlegen zu können. Je schlechter das Rating, desto höher das Risiko und desto teurer wird es für das Unternehmen, sich Geld zu leihen. Für die Partnerwahl eines Versicherungsmaklers war dieses Instrument ursprünglich nicht gedacht. Einige Ratingagenturen bieten allerdings auch seit vielen Jahren ein spezialisierteres Rating für Lebensversicherer an, bei dem die finanzielle Stärke der Gesellschaft und die Fähigkeit, ihre zukünftigen Verpflichtungen speziell gegenüber den Versicherungsnehmern zu erfüllen, bewertet werden.
> Erstes Manko: Ratings können keine absolute Sicherheit bieten, sondern bestenfalls eine gute Indikation für das wahrscheinliche Verlustrisiko
Man muss konstatieren, dass die Ratingagenturen mit ihren Einschätzungen in den meisten Fällen richtig liegen aber nicht unfehlbar sind. So kann man den veröffentlichten Statistiken der Rater entnehmen, dass auch AAA-Unternehmen innerhalb nur weniger Jahre Konkurs anmelden mussten und dass auch Firmen mit noch mittlerer Bonität innerhalb nur weniger Monate "spontan" zahlungsunfähig wurden. Ein Beispiel in der Versicherungsbranche liefert hier die Equitable Life, die noch 1999 mit AA geratet wurde (der Rückversicherer mit AAA) und sich momentan in Abwicklung befindet und nicht mehr in der Lage ist, ihren Zahlungsverpflichtungen in vollem Umfang nach zu kommen.
> Zweites Manko: Ratings basieren teilweise auf unvollständigen Informationen und subjektiven Meinungen
Es lässt sich feststellen, dass verschiedene Unternehmens-Ratings zu teilweise überraschend unterschiedlichen Ergebnissen kommen. So wird ein und dasselbe Unternehmen z.B. von Fitch als "sehr stark" eingestuft, der Versicherer schafft aber bei Standard & Poors nur ein BBB. Eine Gesellschaft, die im Morgen & Morgen Rating noch 4 Sterne bekommt, hat von S&P gar nur noch ein einziges B. Die Reihe der Beispiele für inkonsistente Bewertungen durch verschiedene Ratingagenturen ließe sich noch weiter fortführen und die Verwirrung wird perfekt.
> Woher kommen diese gravierenden Unterschiede?
Erstens muss man sich darüber klar werden, dass es keine einheitlichen Standards gibt, in welcher Form Unternehmen geratet werden. Es liegt also im freien Ermessen der Ratingagentur, welche Kriterien verwendet und wie Teilergebnisse gewichtet werden.
Zweitens muss man feststellen, dass die überwiegende Zahl der Ratings nicht auf internen Daten der Versicherer basiert sondern auf öffentlich zugänglichen Informationen (z.B. die pi-Ratings von Standard & Poors, pi = Public Information) und teilweise auf Informationen, welche die Versicherer den Ratingagenturen auf freiwilliger Basis zur Verfügung stellen. Da aber diese Informationen nicht für die vollständige Beurteilung ausreichen - bei Versicherungsvereinen gilt dies noch mehr als bei Aktiengesellschaften - müssen die Rater bestimmte Annahmen treffen. Sind diese Annahmen unzutreffend, ist das Ergebnis verfälscht.
Drittens muss man wissen, dass in jedem Rating auch ein Gutteil Subjektivität steckt. Sowohl in die Auftragsratings auf Basis interner Informationen als auch in PI-Ratings fließen persönliche Meinungen der Rater ein: Ist die Strategie der Gesellschaft zukunftsweisend? Wie ist die Qualität des Managements? Diese Einschätzungen sind hochgradig subjektiv und damit als solches risikobehaftet.
> Drittes Manko: Nicht alles, was beurteilt wird, kommt ans Licht der Öffentlichkeit
Es fällt bei einigen Anbietern auf, dass man nur wenige und dann nur gute Ratings von ihnen in den Medien findet. Dies liegt an zwei Faktoren. Erstens hat keine der großen internationalen Agenturen wirklich viele Versicherungs-Kunden in Deutschland und dann tendenziell eher große Konzerne und Versicherer, die ein positives Rating erwarten. Kleine Gesellschaften und Versicherer haben bislang nur wenig Sinn darin gesehen, sich raten zu lassen, zumal, wenn - wie bei den VVaGs - der Weg auf den Kapitalmarkt verschlossen ist und Ratings meist im mindestens mittleren fünfstelligen Bereich Kosten verursachen. Einige Rater machen eine Veröffentlichung ihres Ratings von der Zustimmung des Kunden abhängig. So ist es nicht verwunderlich, dass einige Agenturen scheinbar nur A-AAA-Kunden haben, da andere Ratings gar nicht erst in Auftrag gegeben oder nicht veröffentlicht werden. Damit ist es schwer abzuschätzen, was das Rating wirklich wert ist. Der Beitrag wird in der kommenden Ausgabe von FINANZWELT fortgesetzt.
(Derk Kleinrensing und Frank Breiting)







