Mehr Frust als Lust
Riester-Fonds
Mit der Riester-Rente haben Deutschlands Investmentgesellschaften bislang nicht viel am Hut. Die politische Lobbyarbeit der Branche war zwar erfolgreich. Doch das Geschäft machen die Lebensversicherer. Rund 95 Prozent der bis Jahresende 2001 verkauften Altersvorsorgeverträge nach Art des Hauses Riester haben sie in ihre Scheuern gefahren, vor allem die Großen der Branche. Aber inzwischen ist auch deren Riester-Geschäft ins Stocken geraten.
Manfred Laux, bis Jahresende 2002 Chef der deutschen Fondsbranche, war noch kurz vor Verabschiedung des Altersvermögensgesetzes nahezu ständiger Gast der zuständigen Ministerien in Berlin, wie es aus dem Finanzministerium hieß. Und sein Engagement war von Erfolg gekrönt. Riester-Fonds dürfen zu Rentenbeginn ihre Klientel mit einmaligen Auszahlungen von 20 Prozent der Sparsumme beglücken. Und die geforderte Eigenkapitalunterlegung der Riester-Renten auf Fondsbasis wurde entschärft. Trotz der für alle Anbieter geltenden Vorschrift, zu Rentenbeginn wenigstens die eingezahlten Beiträge zu garantieren, muss die Fondsbranche dafür weniger Eigenkapital vorhalten als ursprünglich verlangt.Die Lebensversicherer fanden das alles nicht sonderlich erfreulich, obwohl auch sie Einmalzahlungen erbringen dürfen. Die meisten Lebensversicherer scheinen das nicht zu wissen; denn erst ein einziger Lebensversicherer – die DEVK in Köln – ist mit einem solchen Produkt auf dem Markt. Aber über 30 Lebensversicherer haben so genannte Kapitalisierungsprodukte, die rechtlich Fondssparplänen gleichgestellt sind, in der Schublade. Außerdem müssen sie keinerlei Eigenkapitalunterlegung nachweisen, da ihre Produkte mit gesetzlich vorgeschriebenen 3,25 Prozent Zins im Jahr kalkuliert sind. Dafür aber dürfen sie die Riester-Groschen der Kunden nur in relativ engem Rahmen anlegen.
Die Fonds sind bei der Anlage der Gelder im Vorteil. „Denn mit Zinsgewinnen und Kurssprüngen nach oben lässt sich langfristig gut Vermögen bilden“, fasst die Stiftung Warentest die Ergebnisse aus ihrem neuen „Finanztest Spezial Geldanlage mit Investmentfonds“ zusammen. Aber aus diesem Vorteil haben die Investmentgesellschaften bislang nichts gemacht. Vielmehr haben Deutschlands große Lebens versicherer als Riester-Rentenfans der ersten Stunde den Großteil der Riester-Freiwilligen vereinnahmt. Der Kuchen sollte möglichst früh verteilt werden, um die Karten im Lebensversicherungsgeschäft neu zu mischen.
Von den knapp 1,5 Millionen Riester-Renten, die die Lebensversicherer bis Ende vergangenen Jahres an den Mann bzw. die Frau gebracht haben, entfielen über eine Million Verträge auf die großen Anbieter Allianz Leben (300.000), Aachener und Münchener Leben (280.000), Gruppe der öffentlichen Versicherer (220.000), Victoria Leben (175.000) und Hamburg-Mannheimer (140.000). Dabei könnten rund 31 Millionen Bundesbürger eine staatlich geförderte Riester-Rente abschließen, rechnete Michael Rosenberg, Vorstandsvorsitzender der Victoria Lebensversicherung, auf der Pressekonferenz seines Hauses Anfang April vor.
Doch nun geht es auch bei ihnen nicht mehr so richtig voran. Die potenziellen Zulagenempfänger zögern. Die Versicherer haben Journalisten und Verbraucherschützer als Vertragshindernisse ausgemacht. Zwar haben Verbraucherschützer und Presse in der Tat vor vorschnellen Abschlüssen gewarnt. Doch auch Gewerkschaften und das Bundesarbeitsministerium selbst haben der frühen Euphorie der Versicherer einen Dämpfer verpasst. Es gab sogar kritische Stimmen aus dem Lager der Lebensversicherung.
„In den nächsten acht Monaten bedarf es enormer Anstrengungen, wenn die Riester-Reform ein Erfolg werden soll“, schreibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin am 17. April des Jahres. Der BVI Bundesverband Deutscher Investment und Vermögensverwaltungs-Gesellschaften in Frankfurt äußert sich zurückhaltender. Riester-Fonds seien kaum zu verkaufen, fürchtet Stefan Seip, der neue BVI-Chef und Nachfolger von Hans Laux, in einem Interview mit dem Magazin „Finanzen“. Wer nicht einmal Fonds kenne, begreife Riester-Fonds noch weniger. Die Förderung der Riester-Produkte sei sehr kompliziert. Aber noch sei nicht aller Tage Abend.
Über die komplexen Regelungen der Riester-Verträge haben ursprünglich auch die Versicherer gestöhnt. Inzwischen propagieren sie das Gegenteil. Tatsächlich ist es relativ einfach, an die Zulagen zu kommen. Jeder, der einen Riester-Vertrag abgeschlossen hat, erhält die Grundzulage. Und „die Kinderzulage fließt in den Vertrag der Frau, falls die Eltern nicht etwas anderes bestimmen“, heißt es wörtlich in der neuen Informationsbroschüre des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger e.V. (VDR) zur Riesterrente. Hat nur der Ehemann einen Riester-Vertrag abgeschlossen, dann wird seinem Vertrag die Kinderzulage gutgeschrieben. „Ein Kreuzchen“ auf dem jährlich neu zu stellenden Antrag für die Zulagenförderung genügt, erklärt die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA). Den Antrag erhält der Altersvermögenssparer vom Versicherer, von der Investmentgesellschaft oder der Bank, die ihn an die Zulagenstelle bei der BfA weiterleitet. Auszufüllen ist er vom Altersvermögenssparer. Um die steuerliche Förderung kümmert sich das Finanzamt.
Doch auch nicht erwerbstätige Mütter, die Kinder erziehen, können die Zulagen erhalten, sofern sie in den ersten drei Jahren nach Geburt des Nachwuchses wenigstens den Sockelbeitrag für ihre Riester-Rente aufbringen. Denn in diesen Jahren sind Mütter pflichtversichert. Danach dürfen sie ihre Altersvermögensverträge sogar ohne Eigenleistung im so genannten Huckepackverfahren weiterführen. Das heißt: Der pflichtversicherte Ehepartner hat ebenfalls einen Riester Vertrag und zahlt dafür Beiträge. Und das wiederum heißt: Sie zahlt nichts, und er in der Regel wenig.
Das ist das eigentliche Problem der Riester-Produkte. Die Beiträge sind ausgesprochen gering. Der Durchschnittsbeitrag für eine Riester-Rente liegt zur Zeit bei 16 Euro im Monat, während für klassische Rentenversicherungen durchschnittlich 108 Euro aufgewendet werden, wie Reinhard Fuchs, Vorstandsvorsitzender der WWK Leben und WWK Allgemeinen, auf der Pressekonferenz seines Hauses am 10. April erklärte. Fondssparpläne aber fangen normalerweise mit 50 Euro im Monat an. Lebensversicherer sind zwar mit weniger zufrieden, doch Untergrenzen für die monatliche Beitragshöhe sind auch in ihrer Kalkulationssoftware eingebaut. Wer mit Riester reüssiert, wird im laufenden Jahr bei den Beitragseinnahmen also kräftige Einbußen hinnehmen müssen.
Die Bilanzen 2002 der Riester-Matadore im Lebensversicherungsgeschäft werden es zeigen. Investmentgesellschaften, die sich nun verstärkt um Riester-Kunden bemühen, wird es kaum anders ergehen. Der Mittelzufluss mit Riester wird geringer werden. Boomen werden allein die Stückzahlen neuer Verträge.
(Michael J. Glück)







