Endstation Caracas
Schwierige Situation für AMIS-Anleger
Der Flurschaden ist beeindruckend – insgesamt rund 16.000 Anleger keilten die insolvente Wiener AMIS Asset Management Services AG und ihre deutsche Tochter, die allein etwa 6.000 der Anleger diesseits der Grenze geworben haben soll. Alles in allem kamen rund 140 Millionen Euro zusammen, die in Fonds nach Luxemburger Recht...
(SICAV) flossen.Als Depotbank im Großherzogtum fungierte ein Zweig der italienischen Banca Sella SpA. Von dem Geld sollen jetzt nur noch 60 bis 70 Millionen vorhanden sein. Beim jüngsten Termin des Insolvenzverfahrens in Wien wurden beim Masseverwalter (Insolvenzverwalter) Forderungen in Höhe von über 200 Millionen Euro angemeldet. Das wirtschaftliche Resultat ist ein Desaster.
Und die Verantwortlichen stehenunter Druck: Der aktuelle Vorstand Thomas Mitter kam kurz vor Weihnachten nach knapp zweimonatiger U-Haft wieder auf
freiem Fuß. Ein hochrangiger Bankier – immerhin Präsident des italienischen Bankenverbandes – wird verdächtigt, mitgeholfen zu haben. Die zuständigen Finanzmarktaufseher stehen allenthalben in der Kritik, weil sie zulange gewartet hätten. Auch den Wirtschaftsprüfern droht wieder einmal Ungemach, weil sie Probleme nicht rechtzeitig erkannt hätten. Harald Loidl und Dietmar Böhmer schließlich, als Ex-Vorstände und Hauptaktionäre der AMIS AG aus der Sicht der Staatsanwaltschaft die Hauptverantwortlichen des Desasters, hatten sich vor Beginn der Affäre aus ihren offiziellen Positionen an der AMIS-Spitze zurückgezogen, angeblich um sich neuen Auslandsaktivitäten der Amis zu widmen.
Sie setzten sich nach Südamerika ab und kämpfen aus der Haft in Venezuela heraus gegen die Auslieferung. In ihrem Gefängnis in Caracas stellten sie sich den Kollegen vom Wiener Magazin „profil“ zum Interview und behaupteten, sie wüssten nichts von fehlendem Geld („Das Geld liegt immer noch bei der Depotbank…“) und dem Konten-Karussell zwischen Wien, Luxemburg, den Caymans und Florida. Das sei auch alles gar nicht wahr. Alles sei in Ordnung gewesen bis zu ihrem Abgang aus dem Vorstand: „Es wurde alles von Experten geprüft, nie hat es dabei einen Anlass zur Kritik gegeben.“ Aus ihrer Sicht ist die inkompetente Finanzmarktaufsicht Hauptschuldige am Desaster: „Hätte die FMA die Leute einfach in Ruhe arbeiten lassen, wäre nichts passiert“. Allerdings gilt eine völlig unzureichende und chaotische Führung der Kundenkonten als eines der Hauptprobleme bei der derzeitigen Abwicklung.
Die vor allem gegen Loidl und Böhmer gerichteten Vorwürfe sind nicht von Pappe: Von den verschwundenen rund 70 Millionen Euro sollen knapp 50 Mio. durch überhöhte Provisionen verpulvert worden und etwas mehr als 20 Mio. in einer Loidl und Böhmer zugerechneten US-Firma mit Sitz in Florida geflossen sein. Letztere firmiert als Investment & Equity Group und ist im Immobiliengeschäft engagiert. Zentrale Stelle im Umverteilungssystem war laut amtlichem Verdacht die auf den Cayman Islands beheimatete Transcontinental Fund Administration Ltd. (TFA), hinter der wiederum Böhmer und Loidl stehen sollen. Die TFA war in den Fluss der von der AMIS-Vertriebsorganisation eingesammelten Anlegergelder zum Luxemburger Fonds mit der Vollmacht eingeschaltet, die Gelder nach Gutdünken zu verschieben.
Für den Berlusconi-Freund und Bankchef Maurizio Sella wird es gerade hier eng, glaubt die Arbeitsgemeinschaft Amis (www.arge-amis.de ), hinter der mit der Tübinger Kanzlei Tilp und der Frankfurter Anwaltsgesellschaft Nieding + Barth zwei einschlägig bekannte, renommierte Kanzleien stehen. Denn die Banca Sella hatte ihre Leute an dieser Stelle des AMIS-Netzes sitzen. Damit wären sie zumindest Mitwisser gewesen, was mit ihrer Stellung als Depotbank massiv kollidiert. Denn die Depotbank hat bei Investmentfonds eine Stellung, die grundsätzlich der eines Treuhänders ähnelt: Die Informationsund Aufsichtspflichten zugunsten der Anleger sind nach Auffassung der Anlegeranwälte so hoch zu veranschlagen, dass sie gute Chancen sehen, die italienischen Bankiers in Anspruch nehmen zu können.
Ins Rollen kam die AMIS-Affäre nachdem die österreichische Finanzaufsicht FMA im August 2005 einen Kommissär als Aufseher zur AMIS schickte, der auf allzu viele Merkwürdigkeiten stieß. Schon im Oktober stand der merkwürdige Geldfluss von Wien nach Luxemburg via Cayman Islands im Mittelpunkt des Interesses. Diese Datierung bringt nicht zuletzt die Wirtschaftprüfungsgesellschaft BDO Auxilia Treuhand in Schwierigkeiten, hatten deren Prüfer der AMIS AG doch noch im Juni 2005 ein uneingeschränktes Testat ausgestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren längst jene Strukturen etabliert, die nach Auffassung der Staatsanwälte unter Betrug und Untreue zu fassen waren. Das zeigt zumindest Chancen an, dass hier noch etwas für die Anleger zu holen sein könnte.
Zunächst gibt es da die Ansprüche aus der Liquidation der beiden SICAVs (AMIS-Funds und Top Ten Multifonds), mit der die Luxemburger Anwältin Yvette Hamillius in Luxemburg betraut worden ist. Noch scheint nicht endgültig sicher, dass die Erlöse einer Liquidation im Großherzogtum in einem österreichischen Insolvenzverfahren verwertet werden können. Anlegeranwalt Tilp hielt sich mit Aussagen gegenüber der Redaktion außerordentlich zurück, weil alle Beteiligten Stillschweigen in der Sache vereinbart hätten, beantwortete aber die Frage, ob man davon ausgehen könne, dass das Geld am Ende den Anlegern zur Verfügung stehe, mit einem knappen „Ja“. Das stützt die Nachricht des österreichischen Wirtschaftsblattes, die einen einheimischen Anlegervertreter mit der Bemerkung zitierte: „Die Anlegervertreter basteln mit den Masseverwaltern und der Liquidatorin an einer Lösung“.
Allerdings ist angesichts von Forderungen über 200 Millionen Euro bei allenfalls etwa 70 Millionen Vermögen klar, dass die Anleger durch schlichtes Warten auf die Verteilung der Insolvenzmasse keine Chancen auf einen vollständigen Ausgleich haben. Wer keinen Schadenersatz erzielt, bleibt auf seinem Verlust sitzen. Der Gang zum Anwalt ist also unerlässlich.







