Der Manager geschlossener Fonds
Sisyphos oder Zeus?
© Foto: Helder Almeida - Fotolia.comfinanzwelt hat sich in Heft 04/2009 mit der Problematik des Managements geschlossener Fonds beschäftigt und erstaunliche Defizite in Prospekten und bei Prüfinstitutionen festgestellt. Wir haben weiter recherchiert und schier Unglaubliches entdeckt.
„Bosse oder Crash Test Dummies“, das war die Überschrift unserer Titelgeschichte in der Ausgabe 4 des letzten Jahres. Es ging um die Bedeutung des Fondsmanagements der Branche geschlossener Fonds. Darin monierte ich unter anderem, dass Fondsmanager in IDW S 4 Prospektgutachten (Institut der Wirtschaftsprüfer) und Rating-Reports kein Prüfthema sind. Der wichtigsten Person des Fonds wird in Prospekten ebenso kaum Beachtung geschenkt. Weder über deren Namen, Verträge, Know-how, Verantwortung oder Einkommen wird berichtet oder gar der Inhalt von Prüfern gecheckt.
Für den erfolgreichsten Investor aller Zeiten und einen der reichsten Erdenbürger wäre das undenkbar. Bei Gesellschaften, deren Management ihm nicht allerbestens bekannt ist, legt Warren Buffett nicht an.
Der wichtigste Investitionsgrundsatz, sozusagen die Basis der Kunst der Geldanlage, den Buffett stets stringent einhält, ist: „Investiere nur, wenn das Management sicherstellt, dass sich das Unternehmen mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten fünf bis zehn Jahren positiv entwickelt“. Die Lehre Nr. 1 im Immobilienbereich heißt „Lage, Lage, Lage“, Buffetts Lehre Nr. 1 bei Investitionen würde heißen: „Manager, Manager, Manager“. So jedenfalls interpretiere ich seine Strategien des Investierens. Übrigens nachzulesen in „Das Buch für Investoren“, die Essays von Warren Buffett.
Nachdem wir die ersten Aspekte in finanzwelt präsentierten, hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ein Erlebnis hat mich darin bestärkt: Beim letzten Kongress, dem „2. Fondsmanagement-Tag“ von Ratingwissen in Hamburg im letzten Herbst, leitete ich eine Podiumsdiskussion mit vier Initiatoren. Auf das Thema angesprochen war die Reaktion der Diskutanten eher frostig: „Wir haben solche Probleme nicht, unsere Fonds-Geschäftsführer sind Profis.“ Anders die Reaktion der Vermittler im Auditorium: „Richtig, genau, jawohl, das Fondsmanagement ist meistens unqualifiziert, darauf sollte viel mehr geachtet werden.“ Das war die fast einstimmige Reaktion.
Wir sind dem nachgegangen und baten die marktführenden Emissionshäuser um Informationen hinsichtlich der Geschäftsführer sämtlicher existierender geschlossener Fonds. Wir fragten, wie viele Mitarbeiter wie viele Geschäftsführerfunktionen wahrnehmen.
Eines der Emissionshäuser teilte uns mit, dass 17 Mitarbeiter als Geschäftsführer tätig sind. Acht Mitarbeiter haben dabei mehr als zehn Geschäftsführerposten inne, vier davon jeweils 44, 47, 51 und 56 Posten.
Ein anderer Initiator erklärte, dass die Geschäftsführung der jeweiligen Komplementärin obliegt. Dort führen insgesamt 7 Mitarbeiter die Geschäftsführerfunktion aus. Der Durchschnittswert der Geschäftsführerfunktionen liegt aktuell bei rund 18 Fondsgesellschaften.
„Die Geschäftsführung unserer Fondsgesellschaften bekleiden in der Regel zwei Mitarbeiter des Emissionshauses gemeinschaftlich mit zwei Mitarbeitern der jeweiligen Asset-Partner“, so ein weiterer Emittent. „Bei 100 laufenden Fondsgesellschaften bekleiden aktuell acht Mitarbeiter des Hauses die Geschäftsführung mit den jeweiligen Geschäftspartnern.“
Ein anderer Initiator bat um Verständnis, dass „mit Blick auf die Vielzahl der Beteiligungen“ eine Einzelaufstellung der Geschäftsführungen nach Personen nicht angeboten werden könne.
Noch ein weiteres Emissionshaus teilte mit, dass aktuell 323 Fonds laufen, überwiegend Schiffsfonds. Dort stellen für jedes Schiff die jeweiligen Vertragsreeder die Geschäftsführung. In einigen Fällen sind Mitarbeiter aus der Schiffssparte des Emittenten als zweiter Geschäftsführer tätig. Zurzeit sind das drei Mitarbeiter für rund 40 Fonds. Fonds anderer Assetklassen werden meist von Tochtergesellschaften gemanagt. „Diese Managementgesellschaften können jeweils für bis zu zehn Fonds zuständig sein. Jede Gesellschaft verfügt über mindestens zwei Geschäftsführer“, so der Emittent. Zurzeit sind rund 10 Mitarbeiter als Geschäftsführer tätig.
Im Rahmen unserer Recherchen haben wir auch
die Leistungsbilanzen der Emissionshäuser
durchgesehen. Wir konnten darin keine
Bilanzinformationen über die wirtschaftlichen
Verhältnisse der Initiatoren finden. Wir fragten
nach, ob diese Feststellung richtig sei.
Ein Emissionshaus begnügte sich mit der simplen Antwort: „Ja“.
Etwas ausführlicher, aber in die gleiche Richtung äußerte sich ein anderer Initiator: „Zu einer Offenlegung der Bilanzinformationen in der Leistungsbilanz oder den Verkaufsprospekten sind wir nicht verpflichtet und halten dies auch nicht für notwendig“, so das Unternehmen.
Ein weiterer Emittent verwies darauf, dass die wirtschaftlichen Ergebnisse im Rahmen der Quartals- und Geschäftsberichterstattung „ausführlich und transparent“ dargestellt werden. Ziel einer Leistungsbilanz sei es nicht, die wirtschaftliche Situation des Emissionshauses darzustellen, sondern „ein zutreffendes und vollständiges Bild der bisher angebotenen Fonds zu vermitteln“.
Dass sich in der Leistungsbilanz keine Bilanzinformationen zum Emissionshaus befinden, bestätigte ein anderer Initiator. „Als börsennotiertes Unternehmen veröffentlichen wir regelmäßig Quartals- und Geschäftsberichte. Diese stehen auf unserer Internetseite zur Verfügung und sind somit, ebenso wie die Leistungsbilanz, öffentlich zugänglich.“
Ein weiteres Emissionshaus vertritt die Ansicht, dass der aktuellen Leistungsbilanz wesentliche Informationen zum Emittenten entnommen werden können. Dazu gehören Angaben zu den Vorständen, z. B. zum Werdegang. Ferner sind „unternehmensrelevante Daten“ zu finden, wie die bisher angebotenen Vermögensanlagen, das Gesamtinvestitionsvolumen sowie platziertes Eigenkapital.
Liebe Leser, wenn Sie bis hierher gekommen sind, dann
werden Sie sich jetzt fragen, ob Sie richtig gelesen haben.
Lesen Sie doch einfach nochmal!
Jetzt wissen Sie’s genau, es ist keine Ente. Es gibt Fondsgeschäftsführer in der deutschen Landschaft der 10.000 geschlossenen Fonds, die sich seit 30 Jahren gebildet haben, die über 50 (in Worten fünfzig) solcher Aufgaben wahrnehmen müssen. Wenn ein Fonds im Schnitt 20 Mio. Euro Gesamtinvestitionsvolumen zu verwalten und zu führen hat, errechnet sich eine Milliarde Investitionsvolumen für diesen Posten. Ein solcher Manager hat eine Sisyphos-Aufgabe, die eigentlich nur ein überirdisches Wesen wuppen kann – im Vergleich dazu haben DAX-Vorstände oft kleinere Verantwortungsbereiche.
Jeder Fonds hat einen Prospekt aufgelegt und hunderte oder viele tausend Anleger. Das Management muss Planungen überprüfen, Prognosen beachten, Kooperations- und Geschäftspartner auf deren vertragsgemäßes Verhalten hin untersuchen. Und: Das Ganze muss ins Berichtswesen an die Anleger einfließen. In der Krise, wenn vielleicht parallel alle oder fast alle Gesellschaften, die ein Geschäftsführer zu managen hat, tief im Dreck stecken, eine unlösbare Aufgabe. Und wenn der Geschäftsführer es nicht hinkriegt? Wer kontrolliert ihn? Der Beirat (meist Amateure)? Das Emissionshaus (hat meist andere Interessen)?
Nun werden die Chefs der Emittenten auf ihre Leistungsbilanzen verweisen, die meist, jedenfalls bei den Top-Playern, gute Ergebnisse belegen. Prospektgemäße Ergebnisse belegen gutes Management. Mag sein. Aber wie wären die Ergebnisse, wenn ein wirklicher Profi mit ausreichend Zeit den Geschäftsführerhut aufgehabt hätte? Und: Hätte der Anleger investiert, wenn er gewusst hätte, dass sein Fondsgeschäftsführer gerade mal vier Tage im Jahr Zeit für den Fonds hat? Das Argument, dass die Vertragsreeder die jeweilige Fondsgeschäftsführung machen, ist nicht schlagend. In der Krise geht die Interessenlage der Fondsanleger, die der Geschäftsführer zu vertreten hat, und die des Vertragsreeders nicht zwingend konform.
Was bleibt, ist für uns dieser Rat an Emittenten und Fondsgesellschaften: Wählen Sie mit mehr Sorgfalt Ihre Geschäftsführer des Platzierungskandidaten und beschreiben Sie diese oder diesen sorgfältig im Prospekt. Wirtschaftsprüfer, die ein Prospektprüfungsbericht fertigen: Checken Sie diesen Sachverhalt und prüfen Sie, ob die Geschäftsführer etwas taugen. Sie, liebe Berater: Empfehlen Sie keinen Fonds, der nicht lückenlos aufklärt, wer die Zügel des Fonds in der Hand hat und welche Qualitäten diese Person aufweist.
Bei der Darstellung dieser Ergebnisse verzichteten wir auf namentliche Nennungen. Wir wollten negative Auswirkungen auf viele zehntausend Zeichner vermeiden. Zumal die Leistungsbilanzen der Betroffenen und die hier relevanten Fonds ordentliche Ergebnisse ausweisen. finanzwelt legt mit diesem Bericht einen Finger auf Wunden, die sich für künftige Fonds vermeiden lassen.
Da wären noch die Rating-Agenturen. Diese haben ihre Beurteilungen derzeit kaum von Qualitätsprofilen des Fondsmanagements abhängig gemacht. Deshalb haben wir die Agenturen eingeladen, mit finanzwelt darüber zu reden. Vier Kollegen sind unserer Einladung (s. Roundtable S. 32 ff.).
(Dieter E. Jansen, Recherche: Kim Brodtmann)





