Die Märkte von morgen – Unternehmerhölle oder -himmel
Spielregeln für die Märkte der Zukunft
Es braucht nicht viel Phantasie, um sich die Welt von morgen als Unternehmerhölle vorzustellen: Das Märchen von der arbeitsplatzvernichtenden Technik, die uns alle fertig macht, haben wir alle von Deutschlands Schwarzsehern gelernt: Wissen Sie noch wie die Schallplattenindustrie in einem Jahr ratzfatz von der CD-ROM pulverisiert wurde?
Derartige Entwicklungen treffen rechtschaffene Unternehmer, die konsequent und hart arbeiten, nichts wirklich falsch machen und trotz dem innerhalb kürzester Zeit den Teppich unter den Füßen weggerissen bekommen: Wenn die Märkte von heute einer regennassen Straße ähneln, dann sind die von morgen spiegelblankes Eis. Wer dann immer noch mit Ledersohlen unterwegs ist, wird auf die Nase fallen.
Die Frage ist also: Wie kriegen wir Spaß an den Glatteis-Märkten der Zukunft? Antwort: Verabschieden Sie sich zunächst von dem Vorurteil, das die meisten Menschen heute grundlegend blockiert, dass nämlich Technik bedrohlich sei. Ledersohlenträger glauben: Technischer Fortschritt vernichtet Arbeitsplätze. Schlittschuhläufer wissen: Technischer Fortschritt hat in den letzten 50 Jahren 90% aller Arbeitsplätze geschaffen. Sie glauben auch: Wir haben ein Arbeitslosigkeitsproblem. Schlittschuhläufer wissen: Wir haben Lernprobleme.
Ledersohlenträger glauben: Technik wird immer mehr Arbeitsplätze vernichten und unsere Gesellschaft immer stärker bedrohen. Schlittschuhläufer wissen: Neue Technik schafft täglich neue Wachstumschancen für uns alle.
Wenn Sie sich von einem Ledersohlenträger zu einem Schlittschuhläufer wandeln wollen, dann müssen Sie einigen „angelernten Ballast” abwerfen: Vor der Steinzeit also bevor wir über die Technik verfügten, Steine zu bearbeiten waren Steine kein ökonomisch interessantes Gut. Vor der Eisenzeit war Eisen ebenfalls nichts wert. Und bis zum vorletzten Jahrhundert war Erdöl eine schwarze, klebrige Masse, die jeder zum Teufel wünschte. Dies zeigt: Unser technisches Know-how entscheidet darüber, was überhaupt ein Rohstoff ist.
Die Wirtschaft der Alchemisten
Der Traum der Alchimisten war, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man aus wertlosen Rohstoffen Gold herstellen könnte. Wie schon diese Vision zeigt, waren die Alchimisten in Ökonomie nicht sehr bewandert: hätten sie nämlich tatsächlich einen Weg gefunden, um aus Dreck Gold zu machen, wäre Gold anschließend so wertlos gewesen wie Dreck.
Für uns viel wichtiger ist jedoch, dass in der neuen Wirtschaft der Traum der Alchimisten für jeden von uns in Erfüllung geht: Unsere Wirtschaftsentwicklung ist nämlich so weit, dass heute die Mehrheit der ökonomischen Werte mit Ressourcen geschaffen wird, die niemals zu Ende gehen, weil wir Menschen sie im Kopf immer neu erfinden. Zuvor müssen wir allerdings noch ein anderes Vorurteil aus dem Weg räumen, nämlich: „technischer Fortschritt vernichtet Arbeitsplätze“.
Deshalb zur Aufklärung ein möglichst simples Beispiel: Stellen Sie sich eine Südseeinsel vor, auf der 10 Ureinwohnerfamilien leben. Jeden morgen schwimmen die Väter hinaus ins Meer, um mit bloßen Händen einen Fisch zu fangen. Nach langen 10 bis 12-Stunden-Tagen kommen sie dann stolz zurück und präsentieren ihren Familien einen Fisch, den die Mutter dann zum Abendessen präpariert. Eines Abends stellen zwei Eingeborene fest, dass das Fischen mit bloßen Händen vor allem deshalb so mühevoll ist, weil erstens ihre Hände so klein und zweitens Fische so glitschig sind. Sie brainstormen am Lagerfeuer und haben eine gigantische Idee: Sie erfinden das Fischernetz, knüpfen spätabends eines aus Lianen, schwimmen vor Sonnenaufgang ins Meer, fangen 10 Fische und präsentieren sie ihren Stammesgenossen zum Frühstück. Testfrage: Wie werden die Stammesgenossen reagieren?
Typisch Deutsch: die Fischer mit Netz werden mit Sozialneid und dem Titel „Ausbeuter der Meere“ bedacht. Die Einkommenssteuer wird auf 53% festgelegt. Dazu Solidaritätszuschlag, plus Mehrwertsteuer, Sektsteuer und Tabaksteuer. Die acht Fischer ohne Netz melden sich arbeitslos und werden vom ganzen Stamm bemitleidet. Es wird das „noboat-Gesetz“ verabschiedet, damit durch weitere Innovationen nicht alle arbeitslos werden.
Normal: Alle freuen sich, weil das gleiche Bruttosozialprodukt von 10 Fischen mit weniger Man-Power erreicht wird. Der Stamm entwickelt sich weiter: einer der acht bisherigen Fischer wird Lehrer, ein anderer Strohhüttenarchitekt, ein dritter Medizinmann, der nächste Pfarrer, Polizist…
Fassen wir also zusammen. In der Welt des technischen Fortschritts gilt: Neue Arbeitslosigkeit ist das erste Anzeichen von Wirtschaftswachstum! Und lassen Sie uns zusammenfassen, was wir als ökonomisches Hintergrundverständnis auf dem Weg vom Ledersohlenträger zum Schlittschuhläufer gelernt haben:
Jeden Abend, wenn wir schlafen gehen, ist irgendwo in den Labors dieser Welt eine neue Technik entwickelt worden, die uns hilft, menschliche Bedürfnisse schneller, besser, preiswerter oder mit geringerem Aufwand zu befriedigen.
Wer als Erster die Lücke schließt zwischen dem, was heute abend geht und dem, was heute morgen noch nicht ging, hat die Nase vorn: das Potential einer Branche läßt sich beschreiben durch die Technologielücke zwischen dem neu Möglichen und dem aktuell genutzten Standard.
Womit also klar ist, dass Technik unser Freund ist. Sie befähigt uns, vorher wertlose Brocken wie Steine oder klebrige schwarze Schmiere wie Erdöl zu unserer Bedürfnisbefriedigung einzusetzen: sie entscheidet, was überhaupt ein Rohstoff ist. Sie hilft nicht nur, neue Rohstoffe zu erfinden. Sie unterstützt uns auch, alte zu finden, zu fördern, zu verteilen und immer effizienter zu nutzen.
Technik ist unser Freund, weil sie uns erlaubt, das gleiche Bruttosozialprodukt mit immer weniger Menschen zu erzielen: Immer mehr Menschen werden für neue Aufgaben frei, mit denen unsere Gesellschaft weiterentwickelt wird.
Technik ist unser Freund, weil sie uns erlaubt, immer neue Produkte und Dienstleistungen zur Bedürfnisbefriedigung zu entwickeln zum Beispiel Dinge wie den einst völlig überflüssigen PC, ohne den heute kaum noch jemand leben kann oder leben will. Technik ist zudem unser Freund, weil sie uns erlaubt, Produkte und Dienstleistungen immer preiswerter herzustellen.
Technik ist unser Freund, weil sie ständig neue Berufe und Möglichkeiten schafft, mit unserem Talent entsprechend zu arbeiten: Gab es 1950 weniger als hundert unterschiedliche Berufe, so gibt es heute schon über 10 000. Technik ist unser Freund, weil sie uns erstmals in der Geschichte der Menschheit erlaubt, den Traum der Alchimisten zu verwirklichen und aus „nichts“ Gold zu machen.
Also: Die größten ökonomischen Werte werden in der Neuen Welt nicht aus natürlichen Ressourcen gewonnen, sondern aus den kulturellen (= von Menschen geschaffenen) Ressourcen unseres Geistes. Diesen gilt es zu nutzen.
(Alexander Christiani)







