Skandinavien
Stabil, kantig, (noch) ertragreich
© Foto: Andreas Gradin - Fotolia.comNach der Lehman-Pleite 2008 sucht uns dieses Jahr die nächste Krise heim. Umso wichtiger erscheint die Suche nach sicheren und dennoch attraktiven Anlagemöglichkeiten. Investments in den nordischen Ländern weisen beide Eigenschaften auf. Die wachstumsstarken Volkswirtschaften haben die vergangenen Jahre erfolgreich für Reformen genutzt. Bereits 2009 sind einige „Nordlichter“ besser durch die Krise gekommen. Das erspart aber nicht ein genaues Hinsehen, auch auf die etwaigen Risiken.
Skandinavien, eine Region mit nur 25 Mio. Menschen, hat seit den 90er Jahren politische Reformen eingeleitet, die die Märkte investorenfreundlicher gestalteten. Beinahe mustergültig machen die drei (Norwegen, Schweden und Dänemark) vor, wie sich einstmals kriselnde Wohlfahrtsstaaten in wachstumsstarke Volkswirtschaften verwandeln lassen. Von der aktuellen Krise sind sie zwar auch nicht verschont worden, verfügen jedoch über eindeutige, langfristige Vorteile, insbesondere gegenüber den Staaten Kerneuropas.
Rentiere, IKEA und letztlich die markanten, mittlerweile arg gebeutelten Automarken Volvo und Saab verbinden wir mit Skandinavien. Doch der hohe Norden hat mehr zu bieten und kann, gemessen an den ökonomischen Fakten, mit anderen „sicheren“ Häfen wie dem Alpenland Schweiz mithalten. In den vergangenen Jahren haben immer wieder exotische Anlageziele die Aufmerksamkeit der Investoren auf sich gezogen; die Entwicklung der skandinavischen Länder geriet oftmals zur Fußnote. Dabei sprechen die Fakten Bände. Zumindest Norwegen und Schweden sind kaum verschuldet und konnten die Wachstumslokomotive Deutschland abhängen.
Kleine Volkswirtschaften mit Außenhandelstradition. „Es steht fundamental gut um die Volkswirtschaften Skandinaviens. Wir haben in den vergangenen Jahren eine überdurchschnittliche Entwicklung der Unternehmensgewinne und der skandinavischen Aktienmärkte gesehen“, konstatiert Mike Judith, Vice President von DnB NOR Asset Management. Diese Einstellung wird im Hause Nordea, eines prominenten Vertreters für Investitionslösungen im hohen Norden, geteilt. Martin Nilsson, Manager des Nordea 1 - Nordic Equity Fund, ergänzt: „Eine verantwortungsvolle Finanzpolitik ist seit Jahren ein Kernpunkt der nordischen Länder. Dies führte dazu, dass die Haushaltsdefizite der Nordeuropäer sowie ihre Verschuldung so niedrig sind wie in kaum einem anderen europäischen Land.“ Aussagen, die sich empirisch belegen lassen. Im krisengeschüttelten Jahr 2009 schrumpfte beispielsweise die norwegische Wirtschaft lediglich um 1,4 %, während Deutschland mit einem Minus von 4,7 % fast desaströs abschnitt. Im vergangenen Jahr konnten wir mit 3,6 % ein deutlich höheres Tempo vorweisen als viele andere westliche Staaten, doch ein Plus von 0,4 % reicht den Norwegern, um uns unter dem Strich den Rang abzulaufen. Im laufenden Jahr dürften beide Staaten um rund 2,6 % vorankommen.
Im Nachbarland Schweden erwarten die Ökonomen für das laufende Jahr ein kräftiges Wachstum von 4,1 %, nach 5,5 % im vergangenen Jahr. Der Befund ist keine Ausnahme. „Die Daten zur Arbeitslosenquote, Verschuldungsquote (Leistungsbilanz/BIP) und zum Haushalt/BIP sind besser als die für die Eurozone oder Großbritannien. Dänemark ist das schwächste der vier Länder“, erläutert Bertrand Puiffe, Fondsmanager Fidelity Nordic Fund. Das Lernen aus der Vergangenheit, den eigenen Fehlern, scheint dem Norden Europas gut getan zu haben und folglich befindet sich Skandinavien in einer besseren Verfassung als die Kernstaaten Europas. Helge Arnesen, CEO Norway und Nordic CIO bei BNP Paribas Investment Partners, verweist in diesem Zusammenhang auf die Kreditkrise, die nach der Liberalisierung der Kreditmärkte Anfang der neunziger Jahre stattgefunden und die Marktteilnehmer in ihrem Verhalten und Geschäftsgebaren nachhaltig geprägt hat. Der Konsens quer durch die politischen Lager bestehe darin, dass die Steuereinnahmen die Staatsausgaben decken müssten, ergänzt Arnesen und fügt darüber hinaus noch die zögernde Haltung nordischer Banken bei Expansionen und den geringen Fremdfinanzierungsgrad ihrer Bilanzen als Gründe für das gute Standing Skandinaviens an.
Politische Stabilität und erfolgreiche Nischenplayer. Die gesamte Region mit nur 1/3 der Einwohnerzahl Deutschlands profitiert neben den oben genannten volkswirtschaftlichen Kennzahlen vor allem von der politischen Stabilität und den Investitionen in das Humankapital: Die öffentlichen und privaten Bildungsausgaben betragen in Dänemark 7 % und in Schweden 6,5 % des BIP – auf ähnliche Werte kommen nur die USA. Kaum verwunderlich, dass im internationalen Ranking Schweden vor Dänemark auf Platz 1 rangiert. Für alle skandinavischen Staaten trifft zu, dass sie aufgrund ihrer kleinen, aber offenen Ökonomien schon frühzeitig Produkte exportiert und den Boom der Schwellenländer sowohl als neuen Absatzmarkt aber auch als Möglichkeit günstiger Fertigung erkannt haben, bemerkt Arnesen. Gleichfalls darf nicht übersehen werden, dass die Länder keine homogene Masse bilden, sondern mehr durch ihre Vielfalt überzeugen. „Es bestehen deutliche Unterschiede zwischen diesen drei Ländern. Dänemark ist eine Marktwirtschaft mit einem stark ausgeprägten Sozialstaat. In der schwedischen Wirtschaft ist der Staat ebenfalls sehr stark. Hinzu kommt ein Fokus auf den Außenhandel. Der Industriesektor hat einen großen Anteil am gesamtwirtschaftlichen Output und dem Export. Telekommunikation, Automobilsektor und Pharmaindustrie spielen ebenfalls eine wichtige Rolle für Schwedens Wirtschaft“, kommentiert Nilsson. Norwegen ist dagegen vorrangig für die großen Ölvorkommen bekannt – ein Aspekt, den Tommi Saukkoriipi, Fondsmanager des SEB Nordic Fund, anfügt und der die Bedeutung von Energie und Rohstoffen im globalen Kontext unterstreicht. Für Judith sind momentan die Sektoren IT, Finanzen und Gesundheitswesen am attraktivsten. Investoren sollten bedenken, dass die skandinavischen Märkte im vergangenen Jahr über 30 % an positiver Wertentwicklung abgeliefert haben – deutlich mehr als andere europäische Aktienmärkte.
Volatilität und Immobilienpreise beeinträchtigen Performance. Einwände gegen einen Freifahrtschein für Investments im Norden Europas gibt es auch. Die skandinavischen Aktienmärkte sind historisch etwas schwankungsintensiver als andere Leitindizes, wenngleich sie eine bessere Rendite aufweisen können. Dänemark, als unser direkter Nachbar, schwächelt – bereits zwei Finanzinstitute sind im laufenden Jahr pleitegegangen. Investoren sollten sich bei ihrem Entdeckungszug gen Norden wohl eher direkt in Schweden und Norwegen umsehen. Fidelity-Fondsmanager Puiffe gibt aber zu bedenken, dass der schwedische Immobilienmarkt wohl seinen Scheitelpunkt erreicht habe. Die schwedischen Zinsen könnten dann von derzeit 2 % auf bis zu 0,5 % fallen – wie bereits vor gut zwei Jahren – und die schwedische Krone müsste abwerten. Mit Blick auf die Anleihemärkte sollte man sich zudem bewusst machen, dass die Wechselkursschwankungen zwischen dem Euro und der Schwedischen und Norwegischen Krone beachtlich sind, verglichen mit der zu erwartenden Rendite, fügt Claus Caroe, Portfolio Manager bei Sparinvest, an.
Fazit. Eine 100%ige Sicherheit gibt es nirgends. Volkswirtschaftlich sind die Nordlichter gut aufgestellt, insbesondere Schweden und Norwegen. Bricht die globale Konjunktur zusammen, leiden natürlich auch die dortigen Ökonomien. Die Skandinavier sind bittere Kälte sowie Gegenwind gewöhnt und dürften demzufolge auch einen Abschwung vergleichbar gut verkraften.
(Alexander Heftrich)







