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Dortmunder Erklärung

Transparenz: Ja! Aber wie?

© Foto: arsdigital - Fotolia.com

Wir wollen transparent sein – diesen Satz hört man immer wieder aus den unterschiedlichsten Branchen. Doch sollte kritisch geprüft werden, ob es sich bei dieser Aussage nur um ein Lippenbekenntnis handelt oder ein echter Wille hinter diesen Worten steht. Auch in der Finanzbranche hat der Begriff „Transparenz“ schon einen festen Platz im Wortschatz.

„Ein ausgeglichenes Verhältnis von Transparenz und Intransparenz schützt uns Menschen vor Informationsüberflutung, ermöglicht den pragmatischen Umgang mit wachsender Komplexität und schafft Systemvertrauen.“ Schon 2009 wählte Prof. Miriam Meckel, Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, diese Formulierung, die besser denn je zur vorherrschenden Diskussion innerhalb der Versicherungsbranche passt.

Ende Oktober 2011, pünktlich zur DKM, sorgte die „Dortmunder Erklärung“ für ordentlichen Zündstoff in der Branche. Ein Schwerpunkt in dem Schriftstück war der Wunsch nach mehr Transparenz bei den Vertrieben und Pools vonseiten der Versicherer. Mittlerweile ist es ruhiger geworden um das Papier – aber damit ist der Wunsch immer noch nicht in Erfüllung gegangen. „Die Idee der ‚Dortmunder Erklärung‘ war aus unserer Sicht sehr gut. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen, wenn man die Inhalte im Dialog mit allen Beteiligten abgestimmt hätte. Ein ‚Alleingang‘ funktioniert bei solch sensiblen Themen nicht“, meint Stefan Liebig, Geschäftsführer vfm Versicherungs- & Finanzmanagement GmbH.

Ein altes Sprichwort sagt: „Gut gemeint und gut gemacht sind zwei unüberbrückbare Gegensätze“, muss man so auch die „Dortmunder Erklärung“ ansehen? „Die ursprünglichen Überlegungen zu einer Selbsterklärungsverpflichtung haben zumindest eine öffentliche Diskussion über die Transparenz von Maklerpools angestoßen, was ich sehr begrüße“, sieht Dietmar Bläsing, Vertriebsvorstand VOLKSWOHL BUND, die Aktion. „Transparenz ist natürlich im Sinne aller Beteiligten. Allerdings gilt es hier zu beachten, dass eine Offenlegung von betrieblichen Interna eine Grenze darstellt. Kurz gesagt: Offenlegung von Informationen ja – Darlegung von Betriebsinterna nein“, ist die Meinung der Geschäftsführung der DOMCURA AG. Nicht nur betriebliche Interna hemmen den Wunsch zur Transparenz. Rainer Gelsdorf, Geschäftsführer Württembergische Vertriebsservice GmbH, verweist seinerseits auch auf die Bestimmungen des Datenschutzes, die beachtet werden müssen. Auch wenn gerade die Versicherer mit dem Entwurf der „Dortmunder Erklärung“ den Stein ins Rollen gebracht haben, wird damit nicht die unternehmerische Freiheit beschnitten. „Denn Transparenz muss da aufhören, wo Geschäftsgeheimnisse in Gefahr geraten, fairer Wettbewerb missbraucht wird und ein von grundsätzlichem Vertrauen geprägtes Miteinander gestört wird“, erklärt Jürgen Kempen, Leiter Maklerzentralbereich Allianz Lebensversicherung und Allianz Krankenversicherung.

Transparenz „Ja“, aber alles mit Maß und Ziel. Doch wie sieht dieses Maß aus und wo genau ist das Ziel? „Wichtig ist doch, dass alle Marktakteure, also Versicherungsunternehmen, Pools und Vermittler, aber auch die Politik in eine Diskussion um mehr Transparenz in der Branche einbezogen werden, um so eine gemeinsame Vorgehensweise aller Beteiligten in Sachen größtmöglicher Transparenz schnellstmöglich zu erreichen“, stellt Dr. Sebastian Grabmaier, Vorstandsvorsitzender Jung, DMS & Cie. AG, fest. Ebenso wenig wie das Wort Transparenz wirklich greifbar ist, da es viele unterschiedliche Definitionen gibt, ist auch der Zeitfaktor sehr unterschiedlich. Zwar wurde in der Erklärung das Jahr 2012 zur Umsetzung für mehr Transparenz genannt, aber da diese nun in der „Überarbeitung“ ist, wackelt auch das Datum.

Spekulationen oder die Frage: „Was wäre wenn?“ sind immer müßig. Was würde sich denn beim Inkrafttreten einer „Transparenz-Vereinbarung“ in der Finanzbranche ändern? „Sicherlich hat solch eine Erklärung eine durchaus positive Außenwirkung als image- und vertrauensbildende Maßnahme“, führt Jürgen Kotulla, Vorstand Vertrieb und Marketing OVB Vermögensberatung AG, an. Nicht nur die Teilnehmer der Branche werden in das Gedankenspiel mit einbezogen, auch die Kunden spielen eine Rolle. „Vor allem wäre für uns das Offenlegen aller einzelnen Untervermittler hilfreich. Damit wüssten wir immer, welcher einzelne Vermittler hinter welchem Vertrag steht. Das würde wiederum die Kommunikation mit den Endkunden und den Vermittlern einfacher machen“, ist der Wunsch von Peter Schneider, Vorstandssprecher Janitos Versicherung AG.

Transparenz als Basis für einen funktionierenden und sauberen Wettbewerb ist der Wunsch. „Jeder Versicherer kann den Umgang mit Pools etc. selber frei gestalten und dabei kann er Inhalte aus der ‚Dortmunder Erklärung‘ in einer Verabredung mit seinen Geschäftspartnern auch aufnehmen“, meint Prof. Dr. Hans-Wilhelm Zeidler, Vertriebsvorstand Zurich Gruppe Deutschland. Ähnlich sieht es auch Thomas Bahr, Vorstandsvorsitzender Heidelberger Leben: „Letztendlich entscheiden wir als Versicherer selbst, mit welchen Vertriebspartnern wir zusammenarbeiten möchten, und wir tun dies schon immer auf der Basis von bestimmten Prüfkriterien.“ Individualität und Transparenz sollen in einer harmonischen Co-Existenz bestehen. Das macht den angestrebten Veränderungsprozess gleich spannender.

Transparenz, so hat es Prof. Miriam Meckel formuliert, ermöglicht den pragmatischen Umgang mit wachsender Komplexität. Gerade auf der rechtlichen und technologischen Ebene sehen sich die Vermittler immer komplexeren Inhalten gegenüber. Klare transparente Hilfestellung ist daher ein oft geäußerter Wunsch. „Die Generali ist dem GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V.) Verhaltenskodex beigetreten. Dies haben wir an unsere Vertriebspartner kommuniziert. Wir unterstützen unsere Vermittler bei der Anwendung des Verhaltenskodex auf unterschiedliche Art, bspw. stellen wir ihnen Beratungsprotokollformulare zur Verfügung“, berichtet Dr. Karsten Eichmann, Vertriebsvorstand der Generali Versicherung AG.

Eine zeitgemäße Vertriebsunterstützung setzt heute technologische Unterstützung voraus. „Die Vertriebspartner wollen in diesem Punkt dort abgeholt werden, wo sie sich zum momentanen Zeitpunkt befinden. Dies ist sehr heterogen und fängt bei kleineren Maklern mit einem übersichtlichen Vertriebsangebot im Makler-Extranet an – unterfüttert mit einer gut verzahnten persönlichen Betreuung über qualifizierte Maklerbetreuer und Servicemitarbeiter – und endet beim Angebot von genormten Web-Services zur Unterstützung des gesamten Vertriebsprozesses vom Angebot über den Antrag bis hin zur Bestandsauskunft“, beschreibt Dr. Josef Beutelmann, Vorstandsvorsitzender Barmenia Allgemeine Versicherungs AG.

Um immer „up to date“ zu sein, gehört natürlich eine zeitnahe Informationsweitergabe bei allen Branchenteilnehmern zum Standard. „Es ist wichtiger denn je, seine Vertriebspartner bestmöglich zu unterstützen“, so der Appell von Sven Enger, Managing Director Standard Life Deutschland. Hier spielt das Web die zentrale Rolle. „Wir geben Unterstützung durch ständige Aktualisierung des Vermittlerportals in Form von Rechenkomponenten und Ablaufprozessunterstützung für den Vermittler sowie durch Mailingaktionen, Support durch Besuche vor Ort und Hotlineangebote“, erklärt Frank Kettnaker, Vorstand Vertrieb/ Marketing ALTE LEIPZIGER – HALLESCHE Konzern, das System.

Immer steht der Mehrwert für den Makler im Fokus aller Bemühungen. „Wir stellen fest, dass gerade ‚produktfremde‘ Themen, also z. B. rechtliche oder steuerrechtliche Veränderungen, von den Vertriebspartnern sehr gerne angenommen werden. Dies greifen wir thematisch auch in Angeboten unserer Akademie auf“, erklärt Bahr. Gerade bei Schulungen, in welcher Art und Weise diese gestaltet sind, rückt immer mehr die Individualität der Vermittler in den Vordergrund. So sollen z. B. die Angebote zur Weiterbildung bei Standard Life noch individueller gestaltet werden. Bei einigen Marktteilnehmern werden daher auch die Maklerportale immer wieder – im Blick auf ihren Mehrwert für den Makler – auf den Prüfstand gestellt. Jürgen Kempen dazu: „Wir gehen diesen Monat mit einem Relaunch unserer Maklerportale online. Neuerungen sind u. a. eine von vielen Maklern geforderte Kunden-Schnellsuche in der Rubrik ‚Bestandsmanagement‘, die – analog Google – nach den ersten Buchstaben Vorschläge unterbreitet. Darüber hinaus gibt es für die Sach-, Lebens- und Krankenversicherung eine tagesaktuelle Ansicht der Kunden- und Vertragsdaten sowie aller eingereichten Anträge.“

An vielen Stellschrauben wird in der Branche noch gedreht. Ein deutliches Zeichen, dass man sich eben hier nicht mit Lippenbekenntnissen zufrieden gibt, sondern wirklich handelt. Dies ist natürlich auch ein Zeichen für Transparenz, denn so wird dafür gesorgt, dass Prozesse überdacht und modifiziert werden. Experten raten daher zu einer detaillierten Transparenzstrategie, die genau festlegt, in welchen Bereichen ein Unternehmen, aber auch eine ganze Branche sich für wen und warum transparenter machen möchte.

Fazit. Die von Prof. Miriam Meckel gewählte Argumentation für Transparenz passt sehr gut in die derzeitige Diskussion der Branche. Denn nur Klarheit, also Transparenz, gibt allen Branchenteilnehmern das nötige Vertrauen in das Finanzsystem.


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