Dauerhaft unhaltbare Verhältnisse?
US-Defizit
Der erste Blick auf die Grafik zur Auslandsposition der USA dürfte bei den meisten Lesern wohl ungläubiges Staunen hervorrufen. Das US-Defizit nähert sich der Marke von einer Billion Dollar (d.h. 1.000 Mrd. USD pro Jahr, derzeit über 850 Mrd.), was bereits rund 7 % der Brutto-Wirtschaftsleistung in den USA ausmacht.
Der Blick auf die vorausgegangenen Krisen erleichtert die Einordnung: In den 70er Jahren war das teure Abenteuer des Vietnam-Krieges zu verdauen, die 80er zeigen den massiven Einbruch durch die Ölkrise mit Defiziten von immerhin bis zu 200 Mrd. USD. Seit dem Beginn des Superbooms Mitte der 90er Jahre scheint das Defizit schließlich stärker zu expandieren als jede Spekulationsblase. Bemerkenswert ist eine Spitze um das Jahr 2000 herum, als die Clinton- Regierung versuchte, die öffentliche Verschuldung abzubauen und der ebenso radikale Kurswechsel durch Bush mit einer bis dahin nie gesehenen Verschuldung des Staates bei ausländischen Gläubigern: Vom kleinen Überschuss auf ein Defizit von etwa 500 Mrd. USD in vier Jahren – das darf man atemberaubend nennen. Bleibt die Frage: Sind solche Verhältnisse haltbar? Schließlich ist jedes Defizit als Netto- Neuverschuldung im Ausland anzusehen, die der Staat, die privaten Haushalte und die Unternehmen zusammengenommen eingegangen sind.Noch 2005 fragte Norbert Walter, Chef- Volkswirt der Deutschen Bank, rhetorisch zurück: „Welche Krise?“. Solange die Defizite von ausländischen Investoren ohne Probleme finanziert werden, sei das Defizit ein Nicht-Problem – womit er auch völlig recht hat. Der Schlüssel zum Problem liegt in den Kapitalmärkten. Auf die Dauer können die realen Defizite nicht größer sein als eben der Betrag, den die Investoren im Rest der Welt an US-Vermögen halten wollen. Damit liegen die zwei zusammenhängenden Fragen auf dem Tisch, die letztlich bei jeder Kreditentscheidung zu beantworten sind: Zu welchen Konditionen kann finanziert werden (wie hoch muss die Ertragsrate sein) und wie viel Schulden können die USA eigentlich tragen?
Tatsächlich können die USA als Vormacht des Westens in der Tat ein gewisses Defizit dauerhaft völlig schmerzfrei (d.h. kostenlos) tragen, weil die Regierungen und Notenbanken im Rest der Welt einen ständigen Bedarf an Dollar und Dollarpapieren als Reserven haben, der bislang jedenfalls mit Schuldscheinen der US-Regierung (Dollarnoten, TBonds etc.) gedeckt wird. Tatsächlich wird aktuell der weitaus größte Teil der in das Ausland gehenden US-Staatspapiere von asiatischen Notenbanken aufgenommen, die damit bislang ihre Reserven auffüllen.
Aus dieser Konstellation ergibt sich zunächst, dass die USA zusammengenommen weniger auf die von Ausländern gehaltenen US-Titel (ihre „Schulden“) zahlen, als sie selbst mit ihrem Auslandsvermögen verdienen. Das liegt nicht zuletzt an der Zusammensetzung der Auslandsvermögen der Amerikaner im Vergleich zum US-Vermögen der Ausländer.
Hier wird deutlich, wie die USA mit ihrem Auslandsvermögen von etwa 8 Bio. USD (8.000 Mrd. USD) immer noch Erträge in der Größenordnung erzielen, wie die Ausländer mit ihren rund 12 Bio. Dollar US-Vermögen. Allerdings scheint hier auch die Grenze erreicht, denn 2006 war die Einkommensbilanz, die diese Flüsse erfasst, definitiv negativ, wenn auch nur mit rund 7 Mrd. USD, was angesichts der sonstigen Größenordnungen (weniger als 1 % des Gesamtdefizits in 2006) ja noch als eine Art rote Null betrachtet werden kann. Allerdings zeigt der Trend wohl eher weiter nach unten, vor allem die Chinesen, die mit ihren Devisenreserven einen Drachenschatz von etwa 1 Bio. USD (1.000 Mrd.) hüten, wollen sich nicht mehr mit den geringen Erträgen der Staatsanleihen zufrieden geben. Die Errichtung der „State Investment Company“ und deren Beteiligung an der Blackstone LP ist da nur ein erster Schritt, der aber bereits eine Fülle von Problemen vorausahnen lässt.
Steigende Ertragsraten auf das US-Vermögen laufen im Endeffekt auf eine Art Zinserhöhung in den USA hinaus, zumindest werden die Amerikaner ihrem wichtigsten Gläubiger lukrativere Konditionen bieten müssen, wenn sie weiter frisches Geld haben wollen (sprich: ein rund 800 bis 900 Mrd. USD schweres Defizit für 2007 finanzieren wollen). Tatsächlich verlangen die Politiker in Washington effektiv aber das Gegenteil, eine Aufwertung des Yuan zum Dollar, was aus chinesischer Sicht eine Absenkung der Erträge auf praktischn Null bedeutet.
Sollten sich die asiatischen Gläubiger der USA jetzt zurückhalten, wäre ein massiver Absturz des Dollar unvermeidlich, der die US-Wirtschaft bis an den Rand einer Depression bremsen könnte – was freilich auch wieder auf die ausländischen Vermögen in den USA zurückschlagen könnte. Insofern hätte die Regierung in Peking durchaus einen Anreiz, den Macht-Konkurrenten jenseits des Pazifiks weiter zu finanzieren. Der chinesische Wachstumstrend würde dagegen nicht nennenswert von einer US-Rezession getroffen, wie zumindest die Goldman Sachs Analysten glauben: Das Team um Chef-Volkswirt Jim O´Neill sieht eine Entkoppelung Chinas von den USA. Die starke US-Nachfrage nach chinesischen Produkten als den bislang entscheidenden Taktgeber für das enorme Wachstumstempo würde demnach durch die mit dem Aufschwung in Europa steigende Nachfrage nach Importen aus dem Reich der Mitte, so wie eine im Gefolge des starken Wachstums anspringende inländische Konsumnachfrage, kompensiert. Solange der Wachstumstrend ungebrochen bleibt, ist der Preis eines graduellen Rückzugs von der Finanzierung des US-Defizits etwa durch stärkere Beimischung von Gold oder Euro und anderen Währungen in den Devisenreserven aus Pekinger Sicht überschaubar. Umgekehrt ist klar erkennbar, dass die US-Behörden wohl auch weiterhin mit voller Rückendeckung durch die politischen Instanzen die Beteiligungen ausländischer Investoren im Hinblick auf die strategischen Interessen der USA überwachen und im Zweifel auch unliebsame Übernahmen blockieren werden. Im letzten Jahr etwa wurde so die Übernahme der Kontrolle sechs wichtiger US-Häfen (darunter New York, New Orleans und Miami) durch die von der Regierung Dubais (also US-Verbündeten !) beherrschte DP World verhindert. DP World hatte für fast 7 Mrd. USD den britischen Seefahrt-Konzern P&O übernommen und damit den Betreiber der sechs US-Häfen. Und auch die Chinesen bekamen fast gleichzeitig diese Art regierungsamtliche Fremdenfeindlichkeit direkt zu spüren: Der Versuch der chinesischen Ölfirma CNOOC, die kleine US-Ölfirma Unocal zu übernehmen, scheiterte ebenfalls am rein politisch motivierten Einspruch der Regierung.
Demgegenüber dürfte es für die Chinesen schwierig werden, ihr US-Vermögen tatsächlich jenseits der T-(Treasury)- Bonds anzulegen: Allein aus den laufenden Überschüssen können sie jedes Jahr etwa zwei bis drei Unternehmen aus dem Dow Jones Industrial kaufen und hätten so innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten das Herz der US-Wirtschaft in der Hand – ohne ihre Reserven anzutasten. Die würden bereits aus dem Stand dazu reichen, fast ein Drittel der Dow Jones Unternehmen aufzukaufen, auf der Basis der aktuellen Marktwerte. Speziell die rüstungsrelevanten US-Unternehmen wie Boeing, Honeywell Bull oder United Technologies haben Börsenwerte im unteren zweistelligen Milliardenbereich, Peanuts aus chinesischer Sicht.
Tatsächlich ist es wohl so, dass mittlerweile jeder ernsthafte Versuch, das chinesische US-Vermögen zu nennenswerten Teilen in Unternehmensbeteiligungen anzulegen, allein durch die schiere Größe zum strategischen Risiko für die USA wird. Das ist für Anleger die mit Abstand unangenehmste Lage: Der Dollarkurs und die Finanzierung der USA werden immer stärker von politischen Entscheidungen in Peking abhängig – ein letztlich unkalkulierbares Risiko.
(MARTIN KLINGSPORN)







