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Verkaufen im Ausnahmezustand

Eine Erfahrung beim Vertrieb von steuerorientierten Anlagen dürfte sich mittlerweile weit verbreitet haben: Anders als noch vor drei oder vier Jahren spielt die Finanzierung auf Anlegerebene kaum mehr eine Rolle - selbst bei relativ großvolumigen Investments. Wenn es gelingt, den Kunden...

vom Engagement zu überzeugen,
dann ist das Geld in aller Regel auch vorhanden. Was auf den
ersten Blick nicht so recht mit der allgemein wahrgenommenen
Krise zusammen zu passen scheint, ist bei Licht betrachtet eher ein
Symptom der Krise. Freilich zeigt dieses Symptom auch die immer
vorhandenen Chancen für den Vertrieb.


Die Lage lässt sich soweit also kurz
fassen: Geld ist bei den privaten Haushalten
wegen der konstant hohen Ersparnisbildung
reichlich vorhanden
und es fehlt auch nicht grundsätzlich
an der Bereitschaft, die vorhandenen
Mittel anzulegen, wie die hauptsächlich
in Immobilien-Investments gehende
Sachkapitalbildung der privaten
Haushalte zeigt. Die Diskussion um den
steigenden privaten Anteil an der
Altersvorsorge hat dazu geführt, dass
anders als in vergangenen wirtschaftlichen
Schwächephasen die privaten
Haushalte ihr Konsumniveau nicht
durch nachlassende Ersparnis stabil
gehalten haben (während der Ölkrise


der 80er Jahre sogar teilweise durch
Auflösung von Ersparnissen). Solange
es bei diesem Trend bleibt, ist eine konjunkturelle
Wende kaum zu erwarten.
Gegenüber diesem Trend zum Sparen
fehlt es aber an überzeugenden Anlagealternativen,
die die Mittel aufnehmen.
Denn solange die Unternehmen
nicht einmal die Eigenmittel voll in Investitionen
verwenden, besteht hier
auch kein Bedarf für zusätzliche Mittel,
die von Anlegern aufgebracht werden.
Die Neigung zum Bargeld. Umgekehrt
scheint die Sicherheit des Investments
ein so starkes, alle anderen Faktoren
überwölbendes Bedürfnis der Anleger,
dass der Investmenttrend von hierher
bestimmt wird. Am deutlichsten ist
das an der Neigung zum Bargeld erkennbar,
die 2004 wie schon im Vorjahr
auf einem Niveau jenseits aller historischen
Erfahrung lag. Zwischen einem
Drittel und der Hälfte aller neugebildeten
Ersparnisse werden in bar oder auf
Girokonten gehalten, es geht dabei
immerhin um 50 bis 60 Milliarden Euro
jährlich, die derzeit lediglich zum
Auffüllen der Portemonnaies dienen.
Gewinner und Verlierer. Hier dürfte
neben der Neigung zur Liquidität auch
der niedrige Zins eine Rolle spielen:
Termingelder und Sparbriefanlagen
wurden per Saldo sogar abgebaut.
„Wenn es eh kaum noch Erträge bei der
Anlage gibt, kann man das Geld auch
gleich flüssig halten“, könnte die
Devise der Anleger heißen. Ebenfalls zu
den absoluten Verlierern zählen erstmals
seit langem die Investmentfonds,
die nicht nur nicht vom Vermögenszuwachs
profitierten, sondern erstmals
seit 1991 netto aufgelöst wurden. Die
Bundesbank betont in diesem Zusammenhang,
dass sich die Abwendung
der Anleger von den Investmentfonds
über alle Spielarten erstreckte.
Damit sollte aller Legendenbildung
vorbeugt sein, die an den Skandal der
offenen Immobilienfonds anknüpft nach
dem Muster:„Rückgang ist nur eine
kurzfristige Reaktion auf die Skandal–
Nachrichten ohne weitergehende Bedeutung“.
Die deutschen Investmentfonds
haben einige Reformarbeit vor sich, bevor
sie an alte Erfolge anknüpfen können. Die
Position der kapitalbildenden Versicherungen
(„Versicherungssparen“) hat sich
dagegen kaum verändert.
Gewinner in der Anlegergunst waren
vor allem die Rentenpapiere und innerhalb
dieser Gruppe die Bankschuldverschreibungen,
zu denen allerdings auch
Indexzertifikate und ähnliche Produkte
zählen, die als Verbindlichkeiten der
Banken aufgefasst werden.


Ein Blick in die alljährlich von der Bundesbank gelieferte
Vermögensrechnung zeigt: Das Angstsparen
der privaten Haushalte sorgt für absurd anmutende
Konsequenzen. Es zwingt die Unternehmen zur
Zurückhaltung bei den Investitionen, weil per Investition
erweiterte Kapazitäten derzeit wegen fehlender
Nachfrage überflüssige Kapazitäten sind. Stattdessen
bilden die privaten Haushalte mit 34, 2 Mrd. Euro mehr
Sachkapital als die Unternehmen („nicht-finanzielle
Kapitalgesellschaften“), die ihren Bestand an
Sachkapital netto nur um 22 Mrd. vergrößerten. Die
Unternehmen nutzen dabei nicht einmal die verfügbaren
Eigenmittel für Investitionen, sondern
finanzierten netto die Banken: Wie 2003 lagen
auch 2004 die Kredittilgungen um mehr als 40 Mrd.
Euro über der Kreditaufnahme bei den Banken. Dabei
kommt ihnen entgegen, dass sich – jedenfalls
nach Auffassung der Bundesbank – ihre
Gewinnsituation deutlich verbessert hat.



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