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Schöner scheitern

Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien gehören zum so genannten freien Finanzmarkt wie die Skandale um gescheiterte und zuweilen ja auch kriminelle Anbieter.

Wo der freie sich als richtig grauer Markt präsentiert, blühen sie am schönsten. Jeder Spezialist für Bankgarantiehandel und Ähnliches nutzt den Klassiker „Die Bankenlobby fürchtet meine Konkurrenz und nutzt daher ihren Einfluss, mein Produkt mit juristischen Tricks vom Markt zu drängen“. Aktuell arbeiten der „Daytrader“ Ulrich Engler und seine Vertriebe mit diesem Muster. Auch die Internetseiten, mit denen die Akzenta-Gläubigen ihre Propaganda verbreiten, zeigen einen deutlichen Trend in diese Richtung.
Im Zusammenhang mit der nunmehr endgültig zur Abwicklung durch die Insolvenzverwalter anstehenden Göttinger Gruppe hält sich nachdrücklich die Legende, dass sie „alle Prozesse gewonnen und trotzdem vom Gerlach-Report niedergeschrieben“ worden sei. „Der Schmidt hat nur 20 % des Kapitals in Filme investiert und den Rest über die Weichkosten abgegriffen“ als Erklärung für die Affäre VIP gehört wohl in die gleiche Kiste.

Fragt man sich, woher der Bedarf für solche Geschichten stammt, wird man zunächst beim Berliner Historiker Wolfgang Wippermann fündig. Der hat in einer jüngst veröffentlichten Arbeit die Geschichte der politischen Verschwörungstheorien von der Spätantike bis zu den Anschlägen vom 11. September nachgezeichnet. Die erste Voraussetzung für eine schöne Verschwörungstheorie heißt „Krisenzeiten sind Verschwörungszeiten“. Erst wenn ein Verlust, eine Katastrophe zu bewältigen ist, entsteht das Bedürfnis, eine Erklärung zu finden, die einen Schuldigen präsentiert. Denn das ist das zweite zentrale Kennzeichen: Die Verkettung unglücklicher Umstände scheint in gewissen Lagen eine unzureichende Erklärung für das Unglück, es muss schon ein Schuldiger her, ob Jude, Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminat, Demagoge oder Kommunist. Offenbar wird zuweilen ein Bösewicht vom Fach benötigt – und manchmal eben nicht. Der für viele Anleger schmerzliche Crash 2001 beim Platzen der High-Tech-Blase hat kaum solche Bedürfnisse freigesetzt und auch der totale Zusammenbruch Deutschlands am Ende des II. Weltkriegs war in dieser Hinsicht nicht besonders ergiebig. Anders die Niederlage von 1918: Da kam kaum einer ohne Dolchstoßlegende aus.

Eine plausible Erklärung für diesen Unterschied bietet ausgerechnet Theodor Fontane. Er notierte im Zusammenhang mit der am Ende des 18. Jahrhunderts auch in Preußen grassierenden Neigung zu Spiritismus, Rosenkreuzerei und anderen Geheimgesellschaften: „… was Wunder, wenn der individuelle Ehrgeiz, der kein legitimes Feld fand, sich geltend zu machen, auf Abwege geriet und im Dunkeln und Geheimen nach Macht suchte.“ Ohnmacht und das Gefühl, nicht durchschaubaren Mächten ausgeliefert zu sein, sind ein starker Antrieb, die Ursachen und vor allem Schuldige „im Dunkeln“ zu suchen. Die genannten Gegenbeispiele unterstützen diese Sicht. Nach 1945 ging es nicht zuletzt dank US-Hilfe relativ schnell an den Wiederaufbau. Wer mit einem Wirtschaftswunder beschäftigt ist, hat keine Zeit für Verschwörungstheorien und auch keinen Bedarf, denn wer so sichtbar erfolgreich sein eigenes Glück schmiedet, braucht keinen unbekannten Dritten zur Erklärung der Ergebnisse. Und hierin dürfte auch die relative Ruhe nach dem High-Tech-Crash ihre Ursache haben: Es gab einfach genügend Anleger, die rechtzeitig ausstiegen. Zumal die wirklich schmerzhaften Verluste bei jenen Anlegern anfielen, die mangels Erfahrung mit immer neuen Anläufen immer weiter auf eine Hausse setzten und gegen einen fallenden Markt nspekulierten, statt sich aufs Abwarten zurückzuziehen und in den weiter funktionierenden Märkten alternative Anlagen zu suchen.

Wer große Gesellschafterversammlungen bei kriselnden Beteiligungsgesellschaften erlebt hat, wird diese Stimmung der ohnmächtigen Wut sehr wohl kennen. An der Wurzel liegen unklare oder beschönigende Aussagen zur Lage, zuweilen unterfüttert mit gekauften Gutachten, ein kaltschnäuzig-unverschämter Umgang mit den Gesellschafterrechten, durch den Kritik aus den Reihen der Anleger mundtot gemacht werden soll, und, wenn alles das nicht hilft zur Disziplinierung, schließlich die erpresserische Drohung mit Horrorszenarien über Pleiten und Nachschuss-Pflichten oder Schadenersatzforderungen zwischen Anlegergruppen, wenn nicht sogar der Initiatoren gegen aufmüpfige Anleger. „ . . . was Wunder“, kann man da nur Fontane zitieren, dass es sogar Rechtsradikalen und Neo-Nazis immer mal wieder gelingt, unter den geleimten Anlegern neue Anhänger zu rekrutieren. Vor allem aber bereiten die Verantwortlichen damit den marketingstarken so genannten Anlegeranwälten das Feld: Denn ebenso dringend wie die Schuldigen werden in solchen Fällen auch „Retter“ benötigt.

Wenn Initiatorenhäuser sich mit einer wachsenden Zahl von aggressiv auftretenden Anwaltskanzleien und Anlegerinitiativen auseinandersetzen müssen, sollten sie nicht in Verschwörungstheorien verfallen. Sie sind selbst schuld. Verschwörungstheorien sind nur der Versuch, ein unbewältigtes Scheitern emotional zu verpacken – auch bei Initiatoren.


(MARTIN KLINGSPORN)


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