Das Preußen Asiens
Vietnam: ein sehr spezielles Land
Trotz momentan verlangsamten Wirtschaftswachstums hat Vietnam enormes Potenzial.
Vietnam leidet wie die meisten südostasiatischen Staaten stark durch den krisenbedingten Rückgang der Nachfrage in Europa und den USA. Vor allem die beschäftigungsstarken Branchen Textilien, Schuhe und Unterhaltungselektronik sind davon betroffen. Der rückläufige Ölpreis tat ein Übriges: In der Handelsbilanz des drittgrößten Ölförderers in Asien (nach Indonesien und Malaysia) tut sich eine wachsende Lücke auf, während gleichzeitig das reale Wachstum zurückgeht, nach letzten Meldungen auf derzeit etwa 6,5 %.
2008 wurde die Zielvorgabe von 22-25 % für das Exportwachstum mit 32 % gegenüber dem Vorjahr klar übertroffen. Allerdings war das Exportvolumen bereits vom III. Quartal an rückläufig. Die Konsequenz: Das zuständige Ministerium setzte die Zielvorgabe für den Export im laufenden Jahr auf 13 % herunter. Le Duong Quang, stellvertretender Minister für Handel und Industrie, erkannte ausdrücklich an, dass selbst dieses reduzierte Ziel angesichts der Krise immer noch schwierig zu erreichen sein dürfte. Er forderte die Exporteure daher auf, ihre Produktpalette zu diversifizieren, neue Märkte zu erschließen und die Qualität zu verbessern. Er kündigte gleichzeitig Unterstützung durch Zoll- und Steuererleichterungen an. Vor allem für traditionelle Agrarprodukte wie Reis, Pfeffer oder Naturkautschuk sowie Seefisch verlangen Wirtschaftsverbände zusätzlichen Schutz gegen die massiven Importe, die vor allem aus dem südlichen China kommen. Es werden auch Handelshemmnisse wie Quarantäneregeln ins Gespräch gebracht, mit denen die ausländische Konkurrenz ausgebremst werden soll.
Zur Verlangsamung des Wachstums trägt auch ein deutliches Abflauen der Baukonjunktur bei, die bisher die Binnenwirtschaft gestützt hatte. Offenbar gibt es in dieser Branche einen regelrechten Absturz, der nur indirekt aus den Zahlen des Planungsministeriums zu erschließen ist: Demnach sinkt das Wachstum der Industrieproduktion auf 16 %, wobei die Zunahme der Wertschöpfung noch 9,4-9,6 % ausmachen soll. Die Wertschöpfung für Bau- und Industrieproduktion zusammen liegt dagegen bei nur 7,3-7,5 %, was nach Angaben des Ministeriums auf eine negative Wertschöpfung in der Bauproduktion deutet.
Allerdings scheint der Immobilienmarkt vor allem im Süden um Saigon (Ho Chi Minh City, kurz HCMC) klar gespalten: Im Segment der als hochwertig bis luxuriös eingestuften Wohneinheiten drückt ein durch Fehlspekulationen entstandenes Überangebot auf den Markt, sodass die Entwickler teilweise bereits unter Einstandskosten anbieten müssen, wie etwa das lokale Büro von CB Richard Ellis (CBRE) in einem aktuellen Marktreport feststellt. Mittlerweile scheint eine ganze Reihe von entsprechenden Bauprojekten zu ruhen, weil die Finanzierung durch ausländische Investoren gestoppt wurde. So sind von 20 im Jahr 2006 von der Verwaltung angebotenen „Golden site"-Projekten heute gerade mal 2 tatsächlich in der Realisierung. Die wenigen noch laufenden Vorzeigeprojekte im Zentrum von HCMC sind überwiegend in der Hand einheimischer Entwickler.
Die besseren Geschäfte werden mittlerweile ohnehin unterhalb des Luxus-Segments gemacht, weil nach wie vor ein großer Nachholbedarf an modernem, aber bezahlbarem Wohnraum besteht. In diesem Zusammenhang haben die einheimischen Anbieter klare Vorteile, weil sie den besseren und schnelleren Zugang zur lokalen Administration und den politisch Verantwortlichen haben, was ihnen schnelleres Handeln ermöglicht.








