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Osteuropa

Von der Erholung profitieren

Wie entwickelt sich die Wirtschaft in den osteuropäischen Staaten?

Mit Blick auf die aktuellen Revisionen der Prognosen für Osteuropa könnte man auf die Idee kommen, dass da hormongeschüttelte Jugendliche von „zu Tode betrübt“ auf „himmelhoch jauchzend“ umschalten: So setzten die Volkswirte der Commerzbank jüngst ihre Wachstumsprojektionen für die Region insgesamt von -3,6 % und +1,3 % für 2009 und 2010 auf -2,8 % bzw. +2,8 % recht deutlich herauf. Hintergrund dieser Revisionen sind die überraschend guten Wachstumszahlen aus den großen EU-Ländern, wo vor allem Deutschland und Frankreich mit positiven Überraschungen aufwarteten. Die im Westen offenbar wieder aufwärts tendierende Konjunktur strahlt natürlich auch auf den östlichen Rand der EU und ihre Nachbarn aus. Wie stark der gefühlte Umschwung ist, zeigt sich an der Veränderung der Prognosen für die vier wichtigsten Volkswirtschaften dieser Zone: Vor allem die Zahlen für 2010 werden deutlich heraufgesetzt.

Das in der Region wirtschaftlich führende Tschechien hat offenbar die Talsohle erreicht, wie die überraschend guten Zahlen zum 2. Quartal zeigen: Nach zwei Quartalen Schrumpfung gegenüber dem Vorquartal (Q 04/08 mit -1,3 % und Q 01/09 mit -4,8 %) brachte das 2. Quartal mit +0,1 % die Rückkehr zum Wachstum. Im Jahresvergleich steht das 2. Quartal 2009 allerdings noch mit einem Minus von 5,5 % zu Buche. Die Schwäche geht durch die ganze Wirtschaft, positive Impulse neben dem Export liefern nur Staatsaufträge und Konjunkturprogramme. Es ist vor allem die sich im Ausland belebende Nachfrage, die zur Erholung geführt hat.

Polen ist dagegen sehr viel besser mit den Widrigkeiten fertig geworden und hat eine Rezession vermeiden können, wie sich aus den aktuellen Zahlen zum 2. Quartal ergibt: Die Wirtschaft wuchs um 0,5 % gegenüber dem 1. Quartal und gegenüber dem Vorjahresquartal um 1,4 %. Damit steht für Polen lediglich das 4. Quartal 2008 mit einem Minus (-0,1 %) zu Buche. Polen profitiert von seiner Wirtschaftsstruktur, die stärker auf den Binnenmarkt ausgerichtet ist und daher weniger vom Einbruch Westeuropas betroffen wurde.

Das dritte Schwergewicht, Ungarn, ist der gewichtigste unter den regionalen Problemfällen: Eine hohe Staatsverschuldung im Ausland und Finanzierungen in fremder Währung von privaten Haushalten und Unternehmen machten Ungarn beim Ausbruch der Krise besonders anfällig: Es kam zu einer Zahlungsbilanzkrise, die durch gemeinsames Eingreifen von IWF und EU gestoppt werden musste. Entsprechend scharf war auch der Konjunktureinbruch, weil die überbordende Nachfrage scharf beschnitten wurde. So waren auch die BIPZahlen zum 2. Quartal wenig erfreulich: Im Jahresvergleich ging es 7,5 % abwärts, im Vergleich zum Vorquartal ergaben sich immer noch -2 %. Nur bei der Bautätigkeit waren erste positive Anzeichen zu erkennen, die dank staatlicher Aufträge für Verkehrswege und andere Infrastruktur leicht zulegen konnte. Die Krise sorgt für die nötige Korrektur gegenüber dem Ausland: Die Importe fallen mit -22,6 % schneller als die Exporte mit -14 %, so dass sich die Position verbessert und der Finanzbedarf sinkt.

Allerdings ist auch hier eine klare Aufwärtsentwicklung zu erkennen: Die Notenbank war zunächst gezwungen, den Forint um jeden Preis zu stützen. Die drohende Abwertung des Forint hätte wegen der hohen Kredite in fremder Währung (vor allem Euro, aber auch Schweizer Franken und US-Dollar) zu einer alles verschlingenden Pleitewelle geführt. Die Leitzinsen wurden in kurzer Frist auf 11,5 % hochgeschleust, um die ausländischen Finanziers ruhig zu stellen. Solche Zinsen würgen die Binnenkonjunktur ab, erst recht wenn sie mit sinkenden Preisen und schwacher Nachfrage zusammentreffen. Insofern hängt viel davon ab, möglichst schnell das Vertrauen der Märkte wiederherzustellen, um von diesen Bremsklötzen herunterzukommen. Das ist in Ungarn gelungen, die Leitzinsen wurden seit Ende November bis auf 8 % zurückgeschraubt, ohne den Forint ins Rutschen zu bringen. Damit ist das Schlimmste wohl überstanden.

Die Krise der baltischen Staaten ist den ungarischen Verhältnissen sehr ähnlich, nur dass die Kosten der Anpassung hier noch höher waren: Das von den Märkten erzwungene Sparen ist schnell effektiv geworden, die Salden der Leistungsbilanz drehten von Defiziten von 17-20 % vom BIP im 1. Quartal 2008 innerhalb eines Jahres ins Positive. Diese gewaltige Bremsung der Nachfrage hat ihr Gegenstück am Arbeitsmarkt, wo die Arbeitslosenquote im gleichen Zeitraum von Größen um 3,5-5 % auf 12-14 % sprang. Das ist keine harte Landung, sondern ein Absturz. In Lettland mussten die Zinsen zur Stützung der lokalen Währung zeitweilig sogar bis auf Größen um 30 % gehievt werden. Inzwischen deuten alle Zeichen darauf, dass auch Lettland und Litauen am Ende sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen, weil mit den akuten Anpassungen auch strukturelle Reformen vom Arbeitsmarkt und der Arbeitslosenversicherung bis zur Besteuerung auf den Weg gebracht wurden.

Wer als Anleger auf diese deutlichen Erholungstendenzen setzen will, hat neben den an anderer Stelle angesprochenen Anleihe-Instrumenten natürlich auch den Aktienbereich zur Verfügung. Aus unserer Sicht besonders interessant sind in der derzeitigen Konstellation Aktienfonds, die sich tatsächlich auf die EU-orientierten Staaten Osteuropas konzentrieren und das völlig anders strukturierte und orientierte Russland außen vor lassen. Hier sind Enttäuschungen wahrscheinlich (siehe BRICArtikel Seite 84), die sich auch in vielen Osteuropafonds niederschlagen werden. Denn viele dieser Fonds gewichten Russland sogar sehr hoch (bis über 60 %) in ihren Depots. Wir haben dagegen zwei russlandfreie Fonds ausgewählt, die mit jeweils fünf Sternen von Morning Star eine gewisse Qualität mitbringen und zudem mit Volumina um 100 Mio. Euro auch standfest sind.

(Martin Klingsporn)


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