Ein Erfahrungsbericht
Von der Managerin in der Finanzdienstleistungsbranche zur Tai Chi Lehrerin
Jutta Fleck, Jahrgang 1955, studierte Jura und Soziologie und begann ihre berufliche Tätigkeit Mitte 1984 als Anwältin in einer Frankfurter Wirtschaftskanzlei. 1986 begann ihre Karriere in der Finanzdienstleistungsbranche – mit hohem Einsatz und Engagement. Ende 2001 war sie aufgrund einer schweren Erkrankung gezwungen, sich von ihrer Tätigkeit beurlauben zu lassen. Als sie bei dem Bemühen um ihre Genesung dem chinesischen Tai Chi Meister Zhang Xiao Ping, Wien, begegnete, bekam ihr Leben eine neue Wendung. Lesen Sie den mehrteiligen Erfahrungsbericht von Jutta Fleck, der ihre Entwicklung und ihren ungewöhnlichen Weg beschreibt.
Mein Leben verlief in „geordneten" Bahnen und mein beruflicher Werdegang entwickelte sich Schritt für Schritt: Nach dem Jura- und Soziologiestudium war ich drei Jahre in einer Frankfurter Wirtschaftskanzlei als Anwältin tätig, wechselte dann als Redaktionsmitglied zu einem Anlegerschutzdienst mit der eigenverantworteten Rubrik „Recht-Interna für Finanzdienstleistungspraktiker" und sechs Jahre später als Projektleiterin zu einer Immobilientochter der Deutschen Bank, wo ich berufsbegleitend die Ausbildung zum „Immobilienökonom ebs" an der European Business School in Oestrich Winkel absolvierte. Als ich 1996 gebeten wurde, in das Kernteam einer neu gegründeten, auf unternehmerische Beteiligungen spezialisierten Bankentochter einzutreten und die Gesellschaft mit auf- und auszubauen, nahm ich gern an und übernahm meine neue Aufgabe mit dem gleichen Engagement, wie zuvor meine anderen. Die Aufgabe war spannend, herausfordernd aber auch fordernd.
Als begeisterte Freizeitsportlerin stellten diverse Sportarten für mich stets einen körperlichen und seelischen Ausgleich zu meinen beruflichen Aktivitäten dar. Dennoch, mein hohes berufliches Engagement über viele Jahre forderte einen Preis. „Schleichend" ging es gesundheitlich bergab. Man kann das Resultat „burn-out" nennen, doch damit ist eigentlich nicht viel gesagt, da sich hinter diesem „Etikett" ein Konglomerat unterschiedlichster Krankheitsbilder verbirgt, die alle ihre besondere Behandlung erfordern. Und so war ich Ende 2001 gezwungen, mich beurlauben zu lassen, um "wieder auf die Beine zu kommen".
Bei meinen Bemühungen um Genesung begegnete ich dem chinesischen Tai Chi Meister Zhang Xiao Ping, Wien, und mein Leben nahm sehr behutsam aber stetig eine völlig neue und unerwartete Wendung.
In letzter Zeit wurde mir häufig die Frage gestellt: „Mal ehrlich, Jutta, diese Entwicklung von der Managerin zur Tai Chi Lehrerin ist doch sehr exotisch, oder?" Meine Antwort darauf lautet: „JA und NEIN. Ja absolut exotisch, wenn ich es von außen betrachte, sozusagen ohne Ansehen der Person. Nein für mich. Es ist mein individueller Weg und mir erscheint diese Entwicklung für mich absolut folgerichtig, fast schon zwingend." Aber langsam und der Reihe nach.
Die Aufgabenstellung und ihre UmsetzungUnd so begann ich. Ich machte mich also mit Begeisterung an die Arbeit und erinnerte mich an mein altes Handwerkszeug – gelernt ist schließlich gelernt: Aufgabenstellung konkretisieren, Zielgruppe klar definieren und Umsetzungsplan in Stichworten. Das altbekannte, leicht aufgeregte Gefühl zu Beginn eines Projekts stellte sich wie gewohnt wieder ein und ich legte los:
Aufgabenstellung: Klare konkrete Handlungsanweisungen zur persönlichen Stressbewältigung, Zielgruppe: Menschen wie ich, meine ehemaligen Vorgesetzten, meine Kollegen, Geschäftspartner etc. Ich versetzte mich gedanklich zurück und alles wurde wieder lebendig. Da waren Sie: meine ehemaligen Chefs, allesamt sehr außergewöhnliche, nicht unbedingt immer ganz einfache Menschen, bei denen ich sehr viel lernen durfte und die mir Leistungen zugetraut und Aufgaben übertragen haben, die ich mir selbst oft nicht zugetraut hätte. Dann meine Kollegen und Kolleginnen, die Mitarbeiter, die ich teilweise mit ausgebildet habe, die Geschäftspartner, Anwälte, Journalisten, Marketingexperten. Wie ein Film laufen die Ereignisse ab, werden Situationen wieder lebendig, Hochs und Tiefs, die alle mit diesen Menschen verbunden sind.
Der Vorschlag
Als mir der Vorschlag gemacht wurde, einen Erfahrungsbericht zu schreiben, um anderen Menschen, denen es vielleicht ähnlich ergeht oder ergangen ist, wie mir, ein paar Tipps zu geben, damit ihnen vielleicht Vergleichbares erspart bleibt, habe ich gleich ganz begeistert zugesagt. Hatte ich mir doch häufig selbst die Frage gestellt „Wie konnte es eigentlich dazu kommen, dass ich so abgestürzt bin? Was ist schief gelaufen und wann genau? Hätte ich es nicht vermeiden können? Wie und bis wann hätte ich das Ruder noch ´rumreißen können? Was hätte ich anders machen sollen?"
Nachdem ich mich damals in die Behandlung chinesischer Ärzte begeben hatte und die Erfolge sah und ich zudem dem chinesischen Tai Chi Meister Zhang Xiao Ping begegnet war und Tai Chi, Qi Gong und Meditation bei ihm erlernt hatte, nachdem ich also endlich wieder ein Instrumentarium hatte, womit ich mir selbst helfen konnte, habe ich häufig gedacht „Wenn ich nur früher auf diesen Weg gestoßen wäre! Wenn ich nur früher um all diese Dinge gewusst hätte....Warum hat mir das denn niemand rechtzeitig gesagt ???" Schon damals reifte der Wunsch, andere an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen.
Und plötzlich stocke ich: Ja, das ist meine Zielgruppe. Und was zeichnet sie aus? Sie sind alle ebenso unterschiedlich wie zahlreich. Haben alle ihre besonderen Stärken, ihre Persönlichkeit eben. Und ich hatte mir zur Aufgabe gesetzt, für all diese so unterschiedlichen Charaktere klare, einfache, einheitliche Handlungsanweisungen auf Basis meiner eigenen Erfahrungen zu formulieren. Unmöglich !!!!!
Und so kamen mir ernsthafte Zweifel hinsichtlich der Realisierung meines Vorhabens: „Was können meine Erfahrungen eigentlich nützen? Habe ich wirklich etwas zu sagen – für alle? Etwas, was eine praktische Hilfe wäre für diejenigen ist, die diesen Artikel vielleicht interessiert lesen werden, um konkret zu erfahren, was man tun und was man lassen sollte? Es sind meine Erfahrungen, sie passen gar nicht für jeden."
Meine Begeisterung hatte plötzlich einen deutlichen Knick. Ich beschloss aber, erst einmal darüber zu schlafen. So schnell wollte ich die Flinte nicht ins Korn werfen. Aber wie auch immer, einfach würde es nicht werden. Ich ließ die Sache einige Tage in meinen Kopf und meinem Bauch reifen und kam schließlich auf die Lösung: Die Aufgabenstellung war nicht korrekt!!! Einfache, alltagstaugliche allgemeingültige Vermeidungsstrategien aus meinen Erfahrungen zu extrahieren, das ist nicht möglich. Das aber, was ich als Problem wahrgenommen hatte, erschien mir als die eigentliche Lösung:
Der Weg ist immer andersDas, worüber ich reden kann, ist meine Erfahrung und mein Weg – sowohl rein in den Schlamassel, als auch wieder raus. Dieser Weg ist einzigartig, nicht verallgemeinerbar, nicht wiederholbar, nicht kopierbar und schon gar nicht so etwas wie ein Rezept. Eine konkrete Handlungsanweisung wie z.B. „Zur Stressbewältigung empfehle ich zwei mal Duft Qi Gong täglich – oder - wer ein bis zwei mal täglich diese oder jene asiatische Energieübungen macht, bleibt gesund, leistungsfähig, fit und fröhlich bis ins hohe Alter", wäre schlichtweg falsch.
Die Wahrheit ist: es gibt keine allgemeingültigen Vermeidungsstrategien. Denn: Jeder Mensch ist anders! Daher geht kein Weg daran vorbei, die Signale des eigenen Körpers (und der Seele) wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und auf sie zu vertrauen, manchmal auch gegen die gängige Meinung, gegen Ratschläge von Ärzten, gegen das, was allgemein erwartet wird, den eigenen Weg zu finden. Dazu jedoch gehört Mut und ein bisschen Glück. Allerdings, dies zu erkennen, darin liegt, nach meiner Erfahrung, die Chance und meiner festen Überzeugung nach sogar die einzige Chance. Vielleicht geben daher meine Erfahrungen dem Einen oder Anderen Hinweise für den jeweils eigenen Umgang mit Stress- oder Krisensituationen im beruflichen und privaten Alltag, oder Anhaltspunkte, wo Lösungen zu suchen sein könnten, um diese umzusetzen.
Gleichgültig, ob man sich als Selbständiger oder angestellter Mitarbeiter fragt, wie man seinen Arbeitsalltag und die Freizeit gestalten sollte oder als Firmenleiter/Vorgesetzter fragt, welche Bedingungen für nachhaltigen Geschäftserfolg bei gutem Betriebsklima und zufriedenen Mitarbeitern wohl am besten wären, es gibt kein Erfolgsrezept, keine "to-do-liste" zum Abhaken.
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe:
„Mein Weg im einzelnen“
„Die Warnsignale“
„Der Weg zum Arzt“
„Übergang in den freien Fall“
(Jutta Fleck)







