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Emerging Markets

Von der Marketing-Idee zur Weltmacht?

Die Finanzkrise hat die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China unterschiedlich stark erwischt.

Hinter dem Kürzel BRIC verbergen sich gleich mehrere Erfolgsgeschichten: Mitten in die schlechte Stimmung aus geplatzter Hightech-Blase und Sorgen um die Überalterung der westlichen Industriestaaten wurde sehr erfolgreich ein neuer Markt definiert, ein Marketing-Triumph der Investmentbranche. Dieser Stimmungserfolg war sogar in dem Sinne nachhaltig, dass damit eine ganze Produktgruppe dauerhaft etabliert werden konnte: Wer heute auf den üblichen Plattformen mit dem Kürzel BRIC sucht, bekommt schnell mehr als 100 Produkthinweise. Nach kurzem Sortieren bleiben für den deutschen Markt immer noch 30 unterschiedliche Aktienfonds, die sich diesem Segment widmen.

Die Abkürzung BRIC wurde 2003 vom Goldman-Sachs Chefvolkswirt Jim O’Neill geprägt und steht für die Anfangsbuchstaben der vier Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Ihre Gemeinsamkeit: Sie erreichten bis zur Krise nicht nur Wachstumsraten von 5-10 % des realen BIP, sondern weisen auch (Ausnahme Russland) ein klar positives Bevölkerungswachstum auf. Damit lieferten sie 2003 den perfekten Gegensatz zu den am Rand zur Stagnation dahin dümpelnden Industriestaaten beiderseits des Atlantiks. Mit einem Taschenrechner und dem Mut, solche Trends über mehrere Jahrzehnte hochzurechnen, ergeben sich rosigste Prognosen: Die vier könnten bis 2050 rein rechnerisch sogar die G7-Staaten (Nordamerika, Westeuropa und Japan) überflügeln, womit die westlichen Staaten erstmals seit Jahrhunderten ihre dominierende Stellung verlieren könnten. Und die weitere Entwicklung bis zum Ausbruch der Krise im Herbst 2007 bestätigte die guten Aussichten: Von 2000 bis 2007 stieg der Anteil der Emerging Markets an der Weltwirtschaft insgesamt von 37 % auf 45 %, wobei die fantastischen vier BRICs allein ihren Anteil von 16 % auf 22 % erhöhen konnten. Im genannten Zeitraum lieferten die vier 60 % des globalen Wachstums.

Hinter diesen Perspektiven steht ein mehr oder weniger tiefgreifender politischer Wandel hin zu marktwirtschaftlichen Ordnungen. In allen Fällen steht ein gewisser Zwang dahinter, durch wirtschaftliche Properität die sozialen Spannungen zu kanalisieren.

Solche Perspektiven elektrisieren die Investmentgesellschaften allemal: Solche Stories lassen sich in Fonds verpacken und verkaufen; und das erst recht, wenn die Ergebnisse so weit stimmen. Der Blick auf zwei gute BRIC-Fonds zeigt, dass die Ergebnisse sich durchaus sehen lassen können (siehe Chart): Sie laufen konstant besser als der MSCI-World-Index und haben zwar auch seit Mitte 2007 ihren Einbruch gesehen, sich aber deutlich schneller als der Durchschnitt der Märkte erholt.

So viel wirtschaftliche Kraft schafft Selbstbewusstsein und politische Ansprüche: Im Juni 2009 trafen sich die Staatsund Regierungschefs im russischen Jekaterinburg zum Gipfel, den Russlands Medwedew zum „Epizentrum der Weltpolitik“ erklärte. Aus diesem Kreis kommen etwa die Initiativen, mit denen die Rolle des US-Dollar als Leitwährung infrage gestellt wird.

Indes bewies das Treffen in erster Linie, dass die vier eben nicht viel mehr gemeinsam hatten als das Blatt Papier, auf dem sie zusammen geschrieben worden waren: China und Indien konkurrieren um Einfluss rund um den Indischen Ozean, während in Zentralasien russische und chinesische Ambitionen aufeinandertreffen. Selbst bei der Handelspolitik gibt es klare Gegensätze: China wünscht weitere Fortschritte bei der Liberalisierung des internationalen Handels durch die stockende Doha-Runde, während Indien zu den wichtigsten Bremsern des Welthandels zählt und auf Abschottung seiner Märkte setzt, um heimischen Produzenten bessere Chancen in der Konkurrenz zu den westlichen Industrieländern zu verschaffen. Gerade der letzte Punkt zeigt, dass die politischen Gegensätze durchaus auch an strukturelle Unterschiede anknüpfen: China hat sich zu einem klar exportorientierten industriellen Produzenten entwickelt, während in Indien Dienstleistungen und die Bedienung des Binnenmarktes traditionell eine sehr viel größere Rolle spielen. Auch die Handelsstrukuren im engeren Sinne sind gegensätzlich: Brasilien und vor allem Russland sind Rohstoffexporteure, während China der weltgrößte Importeur ist.

Die Bewährung in der Krise fällt recht unterschiedlich aus: Während China und Indien ein immer noch beeindruckendes, auf 5-6 % reduziertes Wachstumstempo vorlegen und Brasilien nach einem kurzen Ausrutscher in die roten Zahlen schnell wieder auf Wachstumskurs kam, hat es Russland voll erwischt: Allein im 2. Quartal 2009 lag das reale BIP um 10,9 % unter Vorjahr. Nach einer Schätzung des Finanzministers Kudrin wird es vier bis fünf Jahre dauern, bevor das BIP wieder einen Stand wie vor der aktuellen Krise erreicht. Die wichtigste Voraussetzung dabei ist aber, dass der Ölpreis in den nächsten Jahren dauerhaft in einer Größe von 55-60 USD je Barrel (159 Liter) liegt.

Die Ursachen der russischen Krankheit liegen in der Politik: Der von Putin wiederbelebte Zugriff auf die Wirtschaft als politisches Instrument hat zwei negative Konsequenzen: Die Eigentumsrechte der Investoren sind bestenfalls unter ungeschriebenen politischen Vorbehalten zu sehen und bremsen damit den Kapitalfluss. Daneben steht eine politisch gewollte Konzentration auf Branchen, die wirksame politische Hebel versprechen wie die Energierohstoffe. Ergebnis ist eine gebremste, wenn nicht sogar verkrüppelte Entwicklung.

Demgegenüber haben die drei anderen BRICs in viel größerem Maß auf marktwirtschaftliche Prinzipien gesetzt und bleiben – bei allen Unterschieden – auf der Gewinnerstraße, wobei unterschiedliche natürliche Ausstattungen (Rohstoffe, Bevölkerung) zu jeweils auseinanderstrebenden Konzepten geführt haben. Daher überlebt sich das BRIC-Konzept jetzt ziemlich schnell und dampft auf ein willkürliches Portfolio der Emerging Markets ein. Je ein Fonds für Brasilien, China und Indien ergänzt um einen Rohstofffonds dürfte zukünftig den BRIC-Fonds überlegen sein.

(Martin Klingsporn)


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