Ein asiatischer Euro?
Währungen
Im Windschatten des wirtschaftlichen Aufstiegs ist Asien auch politisch in Bewegung geraten, die westlich orientierten Staaten rund um den schon länger bestehenden ASEAN-Vertrag (Birma, Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien, Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam und die Philippinen) wachsen enger zusammen.
Die Wirtschaft hat mittlerweile eine enge regionale Verflechtung erreicht: Etwa 50 % des Exportvolumens der ASEAN-Staaten plus China, Taiwan und Südkorea (meist als ASEAN+3 gefasst) ist bereits Binnenhandel innerhalb dieser Gruppe, was in etwa den Verhältnissen innerhalb der EU in den 80er Jahren entspricht und eine weit engere Verflechtung darstellt, als von der nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA erreicht. Diese enge Verflechtung schafft gemeinsame Interessen, was bislang besonders bei der Abwehr von Bedrohungen und Problemen praktische Konsequenzen hatte: Vor allem die Finanzkrise von 1997 hob die Abhängigkeit und Verwundbarkeit der einzelnen Volkswirtschaften von den westlichen Finanzzentren und Institutionen wie dem US-dominierten IWF ins allgemeine Bewusstsein. „Daraus entstand die Forderung, dass die Asiaten ein Sicherheitsnetz schaffen sollten, um gemeinsam mit den Gefahren umgehen zu können“, nennt der japanische Politologe Kazuo Ogura die Konsequenz. Eine an das EU-Vorbild angelehnte Ostasiatische Gemeinschaft könne ein internationaler Puffer gegen wirtschaftliche Schocks sein. Zudem könnte der Auftritt unter dem Dach einer gemeinsamen Organisation auch die Vertretung der regionalen Interessen gegenüber Europa und den USA erleichtern.Die in praktischer Hinsicht wichtigsten Schritte zur weiteren Integration hin zu einer EAC (East-Asian-Community) leistet derzeit die an den Finanzmärkten etablierte Asiatische Entwicklungsbank (ADB), die die Integration in vier Feldern voranbringen soll. Als Entwicklungsbank finanziert und fördert sie derzeit schwerpunktmäßig grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte und -programme. Beispielhaft ist der 1.500 km lange Ost-West-Korridor, eine durch den Ausbau der Verkehrswege zusammengehaltene Wirtschaftszone, die den Indischen Ozean mit dem südchinesischen Meer verbinden soll und dabei die Staaten von Indien und Myanmar bis Vietnam und China verklammert. Zweiter Bereich ist die Handelspolitik, die nach innen mehr Integration und nach außen den gemeinsamen Auftritt gegenüber Dritten sichern soll. Dritter Bereich ist die Zusammenarbeit der staatlichen Stellen von gemeinsamen Frühwarnsystemen vor Naturkatastrophen bis hin zur gemeinsamen Entwicklung von Umweltstandards. Der vierte und weitaus spannendste Teil für die Finanzmärkte ist aber die Finanz- und Währungskooperation. Auf der Agenda stehen hier Integration der Anleihemärkte sowie die Stabilisierung der regionalen Währungen im Verhältnis zueinander. Das Erste soll die Abhängigkeit von den Institutionen und Märkten der USA und Europas abbauen, das Zweite zielt auf Pufferung der Region gegen Schocks, die sich von den internationalen Finanzmärkten her ausbreiten. ADB-Präsident Haruhiko Kuroda zeichnet die Möglichkeiten und Perspektiven: „Die Vereinheitlichung der Währung wird wahrscheinlich in kleineren Schritten vor sich gehen als die des Handels und der Finanzen“, da innerhalb der Gruppe eine eindeutig dominierende Ankerwährung wie die DM in Europa fehle und in Asien zudem die Politik weniger geneigt sei Kompetenzen an supranationale Organisationen abzugeben.
Kuroda erwartet hier als Einstieg zunächst die einvernehmliche Festlegung einer Währungsstruktur, die als Referenz zur Beurteilung der laufenden Bewegungen im Devisenmarkt und gleichzeitig auch als Bezugspunkt einer koordinierten Politik dient. Es gehört wohl nicht viel Phantasie dazu, aus diesen Eckpunkten die frühen Formen des Europäischen Währungssystems zu erkennen, das in den 70er Jahren als Schutz gegen die Unruhen etabliert wurde, die im Zuge von Ölkrisen, Dollarverfall und dem daraus folgenden Zusammenbruch des Festkurssystems von Bretton Woods immer wieder an den Finanzmärkten ausbrachen. Der Weg zum Euro begann mit einem System fester Paritäten und der Verpflichtung, sich gegenseitig dabei so weit zu stützen, dass die vereinbarten Paritäten gehalten werden können. Die gegenüber dem Dollar und anderen Währungen frei floatende „Währungsschlange“ mit stabilen Paritäten brachte uns zunächst die ECU als reine Rechnungsgröße, die zunächst nur dazu dienen sollte, die Abweichungen vom System zu erfassen. Letztlich ging diese Rechengröße glatt in den Euro ein, es war in gewisser Hinsicht schon ein Euro unter einem anderen Namen.
Die heute in Asien zu erkennenden Motive und Instrumente gleichen der Lage in Europa vor etwa 35 Jahren so sehr, dass es schwer fällt nicht auch das gleiche Ergebnis „Gemeinschaftswährung“ zu erwarten. Die ASEAN und ihre Partner sind offenbar dabei, sich auf einen vergleichbaren Weg zu machen, an dessen Ende mit großer Wahrscheinlichkeit eine Gemeinschaftswährung (ASEAN?) stehen könnte. Die Parallele zu Europa sollte nicht zu weit gezogen werden, denn die historischen und kulturellen Differenzen seien größer als in Europa, warnt Politologe Ogura. Schon allein das Konzept „Asien“ werde sehr unterschiedlich aufgefasst: Jüngst bezeichneten sich rund 40 % der Japaner und sogar über 70 % der Koreaner als „asiatisch“ – aber nur 6 % der Chinesen, zitiert er Befragungsergebnisse aus jüngerer Zeit. Die politische Integration setzt noch einige Überzeugungsarbeit voraus, die sich aber lohnen dürfte, wie der frühere chinesische Außenminister Qian Qichen festhält: „Das erfreuliche Wachstum der regionalen Kooperation“ sei entscheidend gewesen für die schnelle Überwindung der Asienkrise 1997/98. Wie schon in Europa ist auch in Ostasien die Erfahrung einer Krise zum Motor der Entwicklung geworden.
Wer sich mit den längerfristigen Perspektiven Asiens befassen möchte oder muss, bekommt mit der November-Ausgabe 2007 der Zeitschrift IP Internationale Politik, die von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) herausgegeben wird, einen hervorragenden Überblick. Zum Schwerpunktthema „40 Jahre ASEAN“ haben sich vor allem renommierte Autoren aus der Region zu Wort gemeldet. Kontakt über www.dgap.org oder www.internationalepolitik.de
(Martin Klingsporn)







