Die Gesetze des Marktes
Wasser, Wasser!
© Foto: Lsantilli - Fotolia.comDass der Wasserbedarf parallel zu Einkommen und Bevölkerungszahl steigt, wird niemanden überraschen. Die Frage ist nur, wie die Mittel aufgebracht werden, um die benötigten Kapazitäten sicherzustellen. Denn der vor allem in den Emerging Markets heranwachsende Bedarf ist gewaltig: Um das Angebot auf Höhe des Verbrauchs zu halten, werden 400 bis 500 Mrd. Euro jährlich an Investitionen nötig, schätzt das Research der Deutschen Bank (DBR).
Die Wasser-Branche zu sehr speziellen Bedingungen: Von ihrem Rohstoff scheint es mehr als genug zu geben, es bedeckt 70 % der Erde. Allerdings sind „nur“ 2,5 bis 3% prinzipiell nutzbares Süßwasser. Davon lagern zwei Drittel wiederum tiefgefroren in den Eiskappen der Polarregionen und Gletscher. Kein Zweifel: Wasser gibt es mehr als genug, nur eben nicht an der richtigen Stelle und in der richtigen Qualität. Die globale Beschaffung von Trinkwasser stützt sich auf allenfalls 1 % des globalen Wasserbestandes. Das klingt nach wenig, ist aber mehr als ausreichend, denn der Kreislauf aus Verdunstung und Niederschlag sorgt beständig für Nachschub – solange das Wasser halbwegs vernünftig bewirtschaftet wird. Genau davon kann aber immer weniger die Rede sein.
Das European Social Investment Forum (EUROSIF), ein Verband der auf Nachhaltigkeit orientierten Investmentfirmen, hat den Stand der Dinge in einem Sektorenreport zusammengefasst: Mehr als einer Milliarde Menschen weltweit fehlt der Zugang zu einer hygienisch akzeptablen Wasserversorgung. 2,6 Milliarden Menschen müssen auch ohne Systeme zur Abwasserbeseitigung auskommen, was in Kombination mit der Verstädterung ein gravierendes Problem ist: Das Hygiene-Problem wird potenziert, wenn die Betroffenen eng zusammenleben müssen. Genau das passiert aber: Der Anteil der städtischen Bevölkerung lag 1950 bei 30 %, hat 2008 die 50 % überschritten und wird im nächsten Jahrzehnt weiter steigen bis 60 %.
Durch die Verstädterung wird (salopp gesprochen) Dreck genau an den neuralgischen Punkten konzentriert, wo Menschen eng zusammenleben.
Mit der Konzentration großer Bevölkerungteile auf engem Raum („Städten“) geht die Industrialisierung einher, die ihrerseits durch zusätzliche Umweltverschmutzung die nutzbaren Reserven weiter begrenzt: Große Flüße spielen vor allem in der dritten Welt eine zentrale Rolle für die Versorgung, sind aber längst durch Industrieabwässer über die Grenze des Gesundheitsschädlichen hinaus belastet und ohne Aufbereitung kaum mehr nutzbar.
Die Verschwendung hat in Europa dazu geführt, dass etwa 60 % der Städte ihre Grundwasserreservoire überlasten, d. h. mehr herausziehen, als über den Kreislauf von der Verdunstung über den Niederschlag und das Versickern zurückfließt. Der Grundwasserspiegel fällt daher vielerorts, die Hälfte der Feuchtgebiete gilt deshalb als gefährdet. Zudem sind 20 % aller Oberflächengewässer durch industrielle Umweltverschmutzung gefährdet.
Allein schon diese kurze und unvollständige Liste der Probleme zeigt ziemlich deutlich, dass auf dem globalen Markt für Anlagen und Technologien ein enorm großer Bedarf an Bewirtschaftung des Wassers besteht. Die Wasserversorgung ist allerdings eine besondere Branche: „Steigende Knappheit einer wertvollen Ressource wie Wasser sollte zusätzliche Investitionen in neue Kapazitäten und Technologien zur effizienteren Nutzung auslösen“, merkte die Beratungsfirma McKinsey im vergangenen Jahr in einer Studie zum globalen Wassermarkt sinngemäß an. Allerdings gilt auch hier wieder: Aus einem gegebenen Bedarf etwa an Trinkwasser wird nicht automatisch eine effektive Nachfrage, aus der die Anbieter der Anlagen und Techniken zur Trink- und Abwasserbehandlung Umsätze generieren können. Fördern, aufbereiten und verteilen von Trinkwasser („upstream“) sind ebenso typische öffentliche Aufgaben wie der „downstream“ mit der Kanalisation und Aufbereitung der Abwässer. Die zugunde liegenden Leitungsnetze sowie die Bewirtschaftung begrenzter natürlicher Ressourcen sorgen für Eigenschaften öffentlicher Güter, die für sich genommen keinen funktionierenden Markt ausbilden können.
Die Regulierung und ein Teil des Angebotes sind und bleiben Staatsaufgaben.
Etwa 70 % der Investitionen werden denn auch bisher von staatlichen Instanzen getragen, notieren die Volkswirte der DB-Research. Sie stellen in diesem Zusammenhang aber auch heraus, dass der Sektor global unter einem Investitionsrückstand leidet, weil die öffentliche Hand die Anreize aus sozialen Gründen zulasten einer effizienten Nutzung verzerrt hat: Schon allein die generell zu niedrig angesetzten Preise schränkten einerseits die Investitionsmöglichkeiten ein und würden gleichzeitig eine ineffiziente Nutzung fördern, etwa weil es sich für Vebraucher nicht lohnt, Leitungsverluste durch Wartungsarbeiten und Reparaturen zu begrenzen. Und dieser Rückstand beschränkt sich nicht auf die Emerging Markets, er findet sich auch in Industrieländern: „So haben die Anbieter in den USA über viele Jahre zu wenig in die Strukturen investiert – mit der Folge, dass die Leitungsverluste 50 % und mehr erreichen“, erläutert Frank Fey, der den Fonds Water for Life der Luxemburger Ökoworld steuert.
Trotz dieser spezifischen Regulierungsprobleme ist doch weitgehend sicher, dass die Nachfrage nach Technologien und Anlagen zur Wasserbehandlung und -verteilung erheblich zulegen wird, weil sich vor allem in den asiatischen Ländern die Wachstumsschübe der letzten Jahre in effektiver Nachfrage niederschlagen werden. Gerade dort ist nicht nur der Bedarf, sondern auch die Kaufkraft entsprechend gestiegen.
(Martin Klingsporn)







