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Das Leiden der großen Vertriebe

Wenn Riesen schrumpfen!

Die Gesichter bei den Branchenriesen sind bestimmt lang und länger geworden, als die Halbjahreszahlen bekannt wurden. So haben sowohl OVB, MLP als auch AWD deutliche Verluste hinnehmen müssen.

Autsch1. Es könnte so schön sein in Wiesloch. Das Fernduell mit Carsten Maschmeyer/Swiss Life scheint gewonnen und der Beratungsbedarf in Deutschland ist so hoch wie schon lange nicht mehr. Doch wirtschaftlich hat es den unabhängigen Finanz- und Vermögensberater MLP schwer erwischt. So gingen im ersten Halbjahr 2009 die Gesamterlöse auf 231,4 Mio. Euro zurück (H1 2008: 282,2 Mio. Euro). Die darin enthaltenen Provisionserlöse sanken um 16 % gegenüber dem Vorjahr auf nun 203,5 Mio. Euro. Besonders „geknallt“ hat es dabei im Bereich der langfristigen Altersvorsorge. Während nämlich die Erlöse in Sach- und KV im Vorjahresvergleich gehalten werden konnten, ist der demographisch notwendige Altersvorsorgemarkt um über 27 Mio. auf nun 123 Mio. Euro Erlöse eingebrochen. Man erhofft sich jedoch für den weiteren Geschäftsverlauf eine schrittweise Verbesserung. Verbessern lässt sich das laufende Geschäftsjahr zunächst mit dem Verkauf der MLP-Fehlschlag-Auslandseinheit in Österreich an die Aragon AG. Der Kaufpreis, der nach Abschluss sämtlicher Bewertungsfragen endgültig festgelegt werden soll, liegt laut MLP zwischen 2,5 und 5 Millionen Euro und soll über mehrere Jahre gezahlt werden. MLP plant, den Betrag im laufenden Geschäftsjahr zu verbuchen.

Autsch2. Auch der AWD musste bluten. Der deutliche Umsatzrückgang im Konzern, kurzfristig nicht anpassbare Fixkostenblöcke sowie hohe Einmalaufwendungen im Berichtszeitraum führten zu einem Rückgang des Ergebnisses vor Zinsen und Steuern (EBIT). Im ersten Halbjahr 2009 erreichte das EBIT im Konzern -10,3 Mio. Euro im Vergleich zu 27,2 Mio. Euro im analogen Vorjahreszeitraum. Das Halbjahresergebnis 2009 beläuft sich damit auf -8,9 Mio. im Vergleich zu 20,0 Mio. Euro zum Ende des 1. Halbjahres 2008. Besonders heftig war der Konzernrückgang in Österreich/CEE und Großbritannien. Hier wurde im 1. Halbjahr ein Umsatz von gerade mal noch 35,6 Mio. bzw. 22,3 Mio. Euro erzielt, was einem Minus von 44,9 % bzw. 40,2 % im Vergleich zu 2008 entspricht. Das wird die Mutter Swiss Life sicherlich nicht besonders freuen. Viel schlimmer ist für die Hannoveraner jedoch der voraussichtliche Verlust des Claim „Unabhängigkeit“ sowie die daraus folgenden Reaktionen.

Autsch3. Auch für den Kölner Finanzvertrieb OVB sind es keine guten Zeiten: Das operative Ergebnis der OVB belief sich auf 4,9 Mio. Euro. Es liegt damit deutlich unter dem Vorjahreswert von 16,7 Mio. Euro. Die Gesamtvertriebsprovisionen im Konzern verringerten sich auf 100,7 Mio. Euro, gegenüber 132,5 Mio. in der entsprechenden Vorjahresperiode. Die Ergebnismarge, bezogen auf die Gesamtvertriebsprovisionen, stellte sich auf 4,9 %, gegenüber 12,6 % im Vorjahr. Und: Als ob die kurzfristige Entlassung des Vorstandschefs Michael Frahnert und die traurigen Halbjahreszahlen sowie die daraus folgende „Gewinnwarnung“ nicht ausreichten, mussten zudem Bilanzierungsfehler eingestanden werden.

So seien in dem Bilanzposten „Andere Rückstellungen“ enthaltene Rückstellungen für Stornorisiken um 711.000 Euro und der Bilanzposten „Steuerrückstellungen“ um 78.000 Euro zu gering angesetzt worden. Ergebnis: Das Eigenkapital wurde mit 789.000 Euro zu hoch ausgewiesen. Auch die G- und V-Rechnung war davon betroffen: Höhere Erträge und geringere Steuern sorgten dafür, dass im Ergebnis der Konzernperiodenüberschuss zu hoch dargestellt wurde. Den Gründen für diese Schieflage wird dabei beim Kölner Finanzunternehmen intensiv nachgegangen.

Auch wenn es manche große Vertriebe nicht gerne hören möchten, aber die Zeiten haben sich geändert. Alte klassische Systeme und Denkmuster gilt es daher – auch aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen und den Anforderungen des Vertriebs – einmal zu überdenken und eventuell zu modernisieren. Denn auch große alte Dampfer können irgendwann untergehen, wenn sie nicht einen neuen Anstrich und neue Technik erhalten.

(Marc Oehme)


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