„Für ein Reinheitsgebot bei Investmentfonds“
Wie die Fondsbranche einmal mehr das Vertrauen ihrer Anleger riskiert
Vom Saulus zum Paulus – so könnte man den Sinneswandel mancher Fondsgesellschaft beschreiben, die ihre einstige Ablehnung gegenüber Zertifikaten inzwischen abgelegt hat. Grund für dieses Verhalten dürfte wohl der rasante Aufschwung der Zertifikate-Industrie in Deutschland sein. Und natürlich ist die Versuchung groß, auf diesen neuen Trend im Anlagegeschäft mit Hilfe von Zertifikatefonds aufzuspringen.
Das Kalkül der Marketing-Strategen, die Werbetrommeln für diese vermeintliche Innovation gerade jetzt besonders heftig zu schlagen, ist einfach zu durchschauen: Seit 2003 ging es an den meisten Aktienmärkten für rund drei Jahre bei niedriger Volatilität nur aufwärts. Doch spätestens seit dem Frühjahr 2006 ist das Risiko auf das Börsenparkett zurückgekehrt. Darum suchen viele Investoren jetzt erst einmal nach sicheren Häfen, um sich in dem neuen Umfeld zurecht zu finden.
Die Versprechungen der Anbieter von Zertifikatefonds mögen da wie Musik in den Ohren von Anlegernaturen klingen, denen der Börsenkater des Jahres 2000 noch in den Knochen steckt. Doch bei genauerem Hinhören dürfte sich so mancher vermeintliche Wohlklang als Sirenengesang erweisen. Denn wie ist es um das Chancen-Risiko-Profil der Zertifikatefonds wirklich bestellt? Zu dieser für jede Art der Geldanlage ja nicht völlig unerheblichen Frage hüllen sich die Anbieter in dezentes Schweigen. Selbst nach intensiver Lektüre der Hochglanzprospekte bleibt unklar, was die Anleger erwarten dürfen, ganz zu schweigen von der mangelnden Vergleichbarkeit mit anderen Anlagemöglichkeiten.
Benchmark-Orientierung. Vielleicht liegt der Verzicht auf entsprechende Aussagen ja an der geringen Erfahrung der Emittenten mit Zertifikatefonds – erst recht dann, wenn diese in sehr unterschiedliche Zertifikatetypen investieren. Unversehens wünscht sich selbst der eingefleischteste Absolute-Return-Fan ein wenig mehr gute alte Benchmark-Orientierung. Denn sie erlaubt zumindest ganz einfach zu beurteilen, ob der Fondsmanager die in Anbetracht der meist sehr konservativen Ausrichtung der Zertifikatefonds doch eher großzügigen Managementgebühren wirklich verdient hat.
Den Trade-Off von Risiko und Rendite außer Kraft setzen? Interessanterweise erinnert die Rhetorik der Zertifikatefondsanbieter vielfach stark an die nicht lange zurückliegenden Vermarktungskampagnen für Hedgefonds. Dass deren Versprechungen bislang nicht aufgingen, hat glücklicherweise keine nennenswerten materiellen Schäden bei den Anlegern hinterlassen. Denn diese waren jener vorletzten Generation von Wunderfonds nämlich mit einer gesunden Portion Skepsis begegnet. Das immaterielle Schadenpotenzial unerfüllter – und letztlich unerfüllbarer –Verheißungen ist dagegen nicht zu unterschätzen: Wer stets aufs Neue suggeriert, er könne den Trade-Off von Risiko und Rendite außer Kraft setzen, schadet letztlich nur dem Anlegervertrauen in die Fondsindustrie. Aufgabe langfristig orientierter Vermögensverwalter muss es vielmehr sein, den Anlegern die wesentlichen Grundzusammenhänge der Geldanlage zu vermitteln, damit sie Chancen und Risiken unterschiedlicher Anlageprodukte sinnvoll gegeneinander abwägen können.
Auch die Transparenz fehlt. Aber es sind nicht allein die Marketing-Methoden, aufgrund derer die Anbieter von Zertifikatefonds mit dem Vertrauen der Anleger spielen: Die mangelnde Kostentransparenz ist ein weiterer neuralgischer Punkt ihrer Produkte. Sie bedeutet einen deutlichen Rückschritt gegenüber dem von der Branche erreichten Transparenzstandard. Den Ausweis einer echten Gesamtkostenquote bleiben die Emittenten bisher schuldig. Sicher ist nur, dass Kosten bei Zertifikatefonds auf zwei Ebenen anfallen. Nachvollziehbar für den Anleger sind aber allein die Kosten für das Fondsmanagement. Hingegen wird nicht offen gelegt, mit welcher Kostenbelastung in den unterliegenden Zertifikaten zu rechnen ist oder wie die Marktgerechtigkeit der Zertifikatekurse sichergestellt wird.
Vor allem, wenn das Fondsmanagement in hohem Maße in konzerneigene Produkte investiert, besteht die Gefahr, dass den Anlegern „über Gebühr“ in die Tasche gegriffen wird. Ein klares Verbot solcher „Doppeldecker-Gebühren“ gibt es nicht – anders übrigens als bei klassischen Dachfonds, die in Produkte aus dem eigenen Haus investieren.
Fazit: Bleibt zu hoffen, dass die Deutschen auch den Zertifikatefonds erst einmal mit Gelassenheit begegnen. Zu verpassen gibt es ohnehin wenig, wie der Blick auf die bislang mageren Renditen der meisten Produkte beweist. Bis dahin sollten Anleger beherzigen, dass eine solide Vermögensstrukturierung mit traditionellen Fonds unverändert das beste Rezept für den langfristigen Anlageerfolg darstellt – und das bei geringeren Gesamtkosten und voller Transparenz. Den Anbietern hingegen ist zu raten, den über Jahrzehnte hinweg erarbeiteten Vertrauensbonus des Investmentfonds bei Anlegern nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit zugunsten von Marketing-Gags zu gefährden. Wer als Fondsgesellschaft letztlich Treuhänder von Anlegergeld ist, dem muss das Vertrauen seiner Kunden das höchste Gut sein. Dass die Selbstverpflichtung auf mehr Produktwahrheit und -klarheit für die Fondsbranche durchaus nicht schädlich wirken muss, legt ein Blick auf ein ungleich älteres Gewerbe nahe, in dem es ebenfalls um, „Flüssiges“ geht: die deutschen Brauereien. Seit 1516 machen sie einträgliche Geschäfte – trotz oder gerade wegen des Reinheitsgebotes.
(KLAUS-JÜRGEN BAUM)







