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Von Abwrackprämien und Resteverwertung

Wilde Zeiten im Vertrieb

© Foto: Tyler Olson - fotolia.com

Das Thema der letzten Wochen kam aus Kassel. Was wird nun mit der Marke MEG AG? Und was passiert mit den Mitarbeitern? Aber auch andere Vertriebe und Maklerpools machten auf sich aufmerksam.

Wracken Sie Ihren alten Pool ab. Ganz nach dem großen „Auto- Abwrackvorbild“ machte der Hamburger Maklerpool Netfonds von sich reden. So forderte das Unternehmen seine Partner auf, ihnen zusätzliche Geschäftsbereiche zu übertragen. „Wir zahlen Ihnen 500 Euro Prämie, wenn Sie bis Oktober mit uns in ein Geschäftsbereich starten, den Sie bislang noch nicht über Netfonds abgewickelt haben“, so der Slogan. Und wer schon über Netfonds „Geschäft einreicht“, der kann die Abwrackprämie auch anders einkassieren: Analog zum Auto-Vorbild haben auch die Hamburger einen Budgettopf mit 100.000 Euro eingerichtet, das für maximal 200 neue Partner reichen sollte. Zum Ergebnis äußerte sich Geschäftsführer Karsten Dümmler: „Die Resonanz war sehr gut, vor allem, weil auch bestehende Partner die Möglichkeit haben, die Prämie zu erhalten. So haben auch viele Netfonds- Partner die Gelegenheit genutzt, eine weitere Sparte unseres Angebotes zu testen. Für 75 % der Prämie sind die Voraussetzungen erfüllt, Auszahlungen laufen. Wir rechnen damit, dass wir die Aktion noch bis Ende November verlängern.“

Die einen suchen, die anderen schmeißen raus! So reduzierte der Lübecker Pool blau direkt drastisch die Maklerzahlen. Insgesamt 2.800 Partnern wurde aus Kostengründen die „Freundschaft“ gekündigt. Konsequent trennte man sich auch von „nicht gewinnbringenden“ Ausschließlichkeitsagenten oder Mehrfachvertretern. Eine Truppe von 800 investmentorientierten Mitgliedern wurde dem Partnerpool Monad zugestellt. Als Antwort auf die Krise ist das Ziel, die Anzahl der Vertriebspartner auf maximal 1.000 Personen zu reduzieren. Für diesen elitären Kreis stelle der Pool einen herausragenden Service mit allen notwendigen Leistungen zur Verfügung. Und als Gegenleistung erwartet man nun aber Mindestumsätze und eine monatliche Gebühr.

Andere Pools wiederum haben die Tore gleich für alle Partner geschlossen. Anfang des Jahres noch groß auf die Rekrutierungs- Werbetrommel gehauen, und Ende September dann die Pool-Tore für immer dichtgemacht. CARPEDIEM AG hieß der Maklerpool aus Seligenstadt im Kreis Offenbach, der sich gegen die Versicherungs- Poolwelt entschied. So habe das Unternehmen um Chef Daniel Shahin feststellen müssen, dass außer den Anbietern selbst kein Dritter wirklichen Nutzen aus der Vermittlungsleistung erziele. Im Carpe Diem Newsletter heißt es zu dieser strategischen Umorientierung: „Die Reform des Versicherungsvertragsgesetzes hat unter anderem zur Folge, dass die Gesellschaften die Provisionshaftung bei Lebens- und Berufsunfähigkeitsverträgen bis zu 5 Jahren verlängert haben. Sie und Ihre Kollegen und damit auch wir, die CARPEDIEM AG, bauen so unsere Geschäftsgrundlage und damit unser Einkommen auf einen (Provisions-)Kredit mit fünfjähriger Haftung auf. Und das ist, wie Sie uns sicherlich zustimmen werden, finanziell nicht tragbar. Somit kann es eine Überlegung wert sein, die Schwerpunkte auf Immobilien und/oder Beteiligungen zu verlagern. Dort gibt es keine Stornos.“ Fazit: 900 Makler erhielten die Aufhebung ihres Kooperationsvertrages. Vorab wurden die Partner noch darüber informiert, dass Carpe Diem sämtliche Versicherungsbestände zum 1. Juni 2009 an einen dritten Anbieter übertragen werde, sofern sich der Poolpartner nicht bis dahin entscheidet, seinen Bestand auf andere Agenturen zu übertragen. Im gleichen Zusammenhang verkündete Carpe Diem Vorstand Shahin in einer Pressemeldung im Mai dieses Jahres, dass „... man ab Juni 2009 eine strategische Partnerschaft mit der 1:1 Assekuranzservice AG eingehen werde“. Neues Beratungsfeld der Carpe Diem Vertriebs GmbH als auch der Carpe Diem AG wird demnach das Feld Kapitalanlage/ Immobilienbereich.

Und dann war da noch die Geschichte von dem Mann namens Mehmet E. Göker aus Kassel, der aus dem Nichts kommend den zweitgrößten Spezialvertrieb im PKV-Geschäft auf- und nach einiger Zeit wieder abbaute. Aufgrund verschiedener unternehmerischer Fehlentscheidungen und dem leichten Umgang mit Geld – das Thema Sponsoring wurde der MEG AG sehr großgeschrieben und gerne wurde auch mal die Prominenz mit dem Hubschrauber eingeflogen – geriet das Unternehmen seit einiger Zeit in starke wirtschaftliche Schwierigkeiten. Nach dem Abgang von MEG-Boss Göker und der scheinbaren Rettung durch die Aragon AG glaubten die MEG-Mitarbeiter noch an eine Zukunft. So gewährte der Wiesbadener Finanzdienstleister im Zusammenhang mit dem Kauf der MEG AG – wobei der Kaufpreis aufgrund der schlechten Datenlage so strukturiert wurde, dass zum Vollzug lediglich ein symbolischer Kaufpreis von 1 Euro geflossen ist – ein Sanierungsdarlehen in Millionenhöhe. „Aus der zufließenden Liquidität konnte die MEG AG dringende Verbindlichkeiten begleichen, unter anderem ihre Mitarbeiter und Vermittler bezahlen“, so Dr. Sebastian Grabmaier, Vorstandsvorsitzender der Aragon AG. Gesichert war das Darlehen unter anderem mit den Beständen der MEG AG. Neben dem Sanierungsdarlehen der Aragon AG war eine erfolgreiche erste Stundungsrunde mit fünf Großgläubigern (allesamt Versicherungen) wesentliche Vollzugsvoraussetzung für die Beteiligung der Aragon an der MEG AG. Die Stundungen über ca. 16 Mio. Euro konnten in der ersten Gläubigerrunde erfolgreich abgeschlossen werden. Diese wurden durch die plötzliche Insolvenzmeldung dann aber erschüttert. Nach Durchforsten der Unterlagen sind laut Angaben der Aragon-Spitze zu den vorherigen 16 Mio. MEG-Schulden weitere Verbindlichkeiten im zweistelligen Millionenbereich aufgetaucht, die eine Sanierung des Unternehmens unmöglich machten. Nach der vorherigen Liquiditätsspritze durch Aragon bzw. entsprechende Investoren einfach zu viel für eine Buy-and-build-Akquisitionsstrategie. Ob eine intensivere Prüfung der MEG vorab möglich gewesen wäre? Laut Aragon war dies nicht der Fall!

Somit bleibt es dem Insolvenzverwalter überlassen, einen neuen Eigentümer zu finden, die Immobilien und Möbel zu veräußern und den Mitarbeitern ein neues Zuhause zu besorgen. Strikt nach dem Motto „Alles muss raus“, heute in den MEG-Wochen „Resteverwertung“. Gleich ob Fondsfinanz, Südfinanz oder Inpunkto: Viele Vertriebe und Pools wurden mit den Ex-MEG-Vertriebspartnern bzw. mit den MEG-Büros ins Gespräch gebracht. „Zwar haben Ex-MEG-Vertriebsmitarbeiter bei uns angefragt, wir haben und werden jedoch kein Geschäft mit ihnen machen“, so Pressesprecherin Ferial Azizi gegenüber finanzwelt. Geschäftsführer Norbert Porazik habe auch seine Führungskräfte per Mail ermahnt, keine MEG-Vertriebsmitarbeiter aufzunehmen. Sogar eine Stellungnahme wurde auf der Homepage abgegeben (http://www.fondsfinanz.de/meg).

Mehr Interesse zeigten Südfinanz oder Inpunkto, die auf Einladung des Insolvenzverwalters der MEG-Führungsspitze ihr Konzept vortragen konnten. Wichtig war dabei den durch finanzwelt befragten Unternehmen, dass sie weder das Unternehmen MEG AG kaufen wollten, noch Interesse an der Marke MEG AG hatten. „Unser Philosophie passt nicht zu der, die MEG vertreten hat“, erklärt Inpunkto-Geschäftsführer Alexander Rak, der 75 % Anteil am Unternehmen besitzt (die restlichen 25 % sind in der Hand von Aragon). „Wir bieten unseren Partnern eine vernünftige, nachhaltige Plattform“, erklärt Rak weiter. So möchte das Unternehmen mit Schwerpunkt PKV maximal 100 bis 130 der MEG-Topleute gewinnen. Wichtig hierbei ist das Auswahlverfahren. „Wir achten stark darauf, dass unsere Interessenten keine Bonitätsprobleme haben und beäugen zudem sehr stark die vergangenen Stornoquoten. So mussten wir bereits 40 % der MEG-Interessenten ablehnen, weil sie einfach nicht zu uns gepasst hätten“, so Rak.

Einige MEG-Alt-Vorstände gehen derzeit einen ganz anderen „alten“ Weg und machen sich bundesweit selbstständig. Nach Informationen von finanzwelt sollen es 10 bis 15 Gruppen sein – unter anderem auch Dirk Willig. Der ehemalige MEG-Vorstandsreferent soll in Kassel Büroräume für sein neues Unternehmen (GoldenLife) gemietet haben, die Platz für etwa 80 Leute bieten sollen. Die MEG-Porsches werden demnach auch weiterhin fahren. Nur unter neuer Flagge.

Interessant im gesamten MEG-Krimi ist auch, was mit den wichtigen Kundendatensätzen der MEG geschieht. Kriminelle Energien wurden bereits gezeigt, indem der „MEG-Besitzer“ Aragon bzgl. des Kundenbestands erpresst wurde. So sind sowohl beim Wiesbadener Unternehmen als auch bei verschiedenen Krankenversicherungsgesellschaften Schreiben eingegangen, in denen ein anonymer Verfasser Zahlungen bis zum 6. November von Aragon gefordert und mit der Versendung von MEG-Daten gedroht hat. Aragon informierte die Staatsanwaltschaft, die direkt die Geschäftsräume der MEG AG sowie die Privaträume eines Verdächtigen untersuchte. „Dank des schnellen und engagierten Eingreifens der Staatsanwaltschaft Kassel konnte indes ein Schaden für die Versicherer, die Aragon AG oder/und die MEG AG vermieden werden. Die Ermittlungen laufen weiter“, so Dr. Grabmaier.

Und so bleibt die abschließende Frage, was wohl der junge Mehmet E. Göker derzeit macht. Eventuell ist er ja bereits wieder in der PKV-Branche aktiv. Den Beraterjob bei der MEG musste er doch frühzeitiger abgeben als geplant. Und ob der Selfmade-Mann sich bei seinen ehemals gesponserten Freunden (Fußballverein VfB Süsterfeld und Basketball- Bundesligist Göttingen bekamen ebenso Geld wie Handball-Regionalligisten Kasse oder Boxer Artur Abraham) derzeit ablenken darf, ist sicher mehr als fraglich.

(Marc Oehme)


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