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Datum: 19.07.2011

Zukunft der Eurozone

Rüdiger KerthRüdiger KerthAnsicht vergrößern

Die Sorge um den Euro und dessen Stabilität reißt nicht ab. Die Politiker untereinander sind sich uneins und es gibt diverse Zukunftsszenarien. Was kommt auf uns zu und wie würde die bestmögliche Lösungsoption aussehen? Rüdiger Kerth, Rentenfondsmanager bei Union Investment, stand Rede und Antwort.

finanzwelt: Nach dem Übergreifen der Krise auf europäische Kernländer wie Spanien und Italien ist die Europäische Union in einer ernsthaften Lage. Welche Dinge gilt es kurzfristig zu tun?

Rüdiger Kerth: Der EU-Sondergipfel am Donnerstag, 21.7. muss folgende Ergebnisse liefern, um zumindest kurzfristig Beruhigung zu bringen:

- Konkretisierung des Rettungspakets für Griechenland (Volumen, Verlängerung der Laufzeit und Senkung des Kreditzinses)

- Aussagen über die Ausweitung der Möglichkeiten des EFSF, z.B. Finanzierung von Käufen griechischer Staatsanleihen am Sekundärmarkt.

- Ergebnisse bei der Ausgestaltung der Beteiligung privater Investoren.

- Falls es auch zu Defaultrating kommt, müssen die EU und EZB aufzeigen können, wie den griechischen Banken geholfen wird, um systemische Risiken zu minimieren.

- Die Darlehen für Portugal und Irland müssen ebenfalls verlängert und die Kreditzinsen verringert werden.

 

finanzwelt: Wie ist die ökonomische Situation in Italien zu bewerten – droht hier ein Griechenland Teil II?

Rüdiger Kerth: Die ökonomische Situation in Italien hat sich zuletzt nicht verändert und ist innerhalb der PIIGS Staaten die Beste.

- Der Private Sektor ist mit 129 Prozent vom GDP weit unterhalb des Durchschnitts in der Eurozone verschuldet.

- Das Primärdefizit wird schon in 2011 in einen Überschuss verwandelt.

- Das Leistungsbilanzdefizit liegt in 2011 bei 4 Prozent und wird aufgrund der beschlossenen Sparmaßnahmen in 2014 ausgeglichen sein.

- Italien hat einen gesunden Bankensektor.

- Es gab in Italien keine Immobilienblase.

- Weitreichende Reformen im Pensionssystem sorgen dafür, dass die Alterungskosten der Gesellschaft in den kommenden Jahrzenten aufgefangen werden können.

- Die Laufzeit der italienischen Staatsanleihen beträgt 8 Jahre.

- Der italienische Bondmarkt ist sehr liquide und profitiert von einer breiten heimischen Investorenbasis, ca. 50 Prozent aller ausstehenden Anleihen werden von italienischen Investoren verwaltet.

- Von Nachteil ist natürlich der hohe Schuldenberg von 120 Prozent des GDP, der aber schon seit geraumer Zeit existiert.

- Die italienische Volkswirtschaft wird in 2011 wohl nur um 1 Prozent wachsen.

Alles in allem kann Italien mit guten Fundamentaldaten überzeugen. Italien hat kein Solvenzproblem.

 

finanzwelt: Welche Euro-Szenarien sieht Ihr Haus momentan am Wahrschein-lichsten? Wird ein „großer Wurf“ gelingen oder gibt es ein „muddling through“?

Rüdiger Kerth: Wir befürchten weiterhin ein muddling through. Die bisherige Performance der Politik und den entsprechenden Institutionen auf die Entwicklungen in Griechenland und der restlichen Peripherie war mangelhaft. Es wurde nur kurzfristig reagiert, nicht aktiv agiert. Die Leistung der deutschen Seite war bisher sehr enttäuschend. Deshalb ist der Glaube und das Vertrauen der Märkte an eine große Lösung innerhalb kurzer Zeit auch völlig verschwunden.

Der große Wurf müsste folgendes beinhalten:

- Umschuldung für Griechenland

- Einführung gemeinschaftlicher Bond

- Transferunion

- Fiskal- und wirtschaftspolitische Integration, deshalb Verzicht auf nationale Souveränität.

Der große Wurf  ist nur über mehrere Jahre denkbar, ist jedoch das mittelfristig wahrscheinlichste Szenario.

 

Das Interview führte Alexander Heftrich


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