Das neue Altersvorsorgedepot – Was die Kunden wollen

21.10.2026

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Zum 01. Januar 2027 tritt das Altersvorsorgedepot an die Stelle der Riester-Rente, neue Riester-Verträge können dann nicht mehr abgeschlossen werden. Die wichtigste Neuerung ist, dass staatlich geförderte Altersvorsorge erstmals ohne die bisher verpflichtende Garantie der eingezahlten Beiträge am Kapitalmarkt angelegt werden kann, etwa über Aktien-ETFs. Wer mehr Sicherheit möchte, wählt Produkte mit 80 oder 100 % Beitragsgarantie. Und für alle, die keine eigenen Anlageentscheidungen treffen wollen, ist ein Standarddepot mit gedeckelten Kosten vorgesehen.

Ob die Reform ihr Ziel erreicht, hängt aber auch davon ab, wie Anlegerinnen und Anleger sie annehmen. Genau das haben wir an den Universitäten Kassel und Paderborn untersucht. Für unsere Studie haben wir 1.726 Menschen befragt, die sich bereits mit dem Thema Geldanlage beschäftigen. Sie investieren selbst in Aktien, klassische Fonds oder ETFs oder haben sich zumindest konkret damit auseinandergesetzt. Mitgewirkt an der von der Stiftung Mercator geförderten Studie haben von der Universität Kassel Maurice Dumrose, Daniel Engler, Christian Klein, Torben Steinbrecher, Bernhard Zwergel sowie von der Universität Paderborn Gunnar Gutsche. Das Interesse am Altersvorsorgedepot ist vorhanden. Drei von vier Befragten können sich grundsätzlich vorstellen, eines zu nutzen. Spannend wird es bei der Produktwahl. Die Interessierten konnten angeben, welche der vier zentralen Produktvarianten für sie in Frage kommen, Mehrfachnennungen waren möglich. Das Ergebnis: 47 % wählten das Produkt mit voller Beitragsgarantie, 40 % die 80-%-Garantie, 34 % das Standarddepot. Das weitgehend frei gestaltbare Depot ohne Garantie, also genau die Neuerung, die den Kern der Reform ausmacht, landete mit 19 % auf dem letzten Platz. Damit würden viele Sparerinnen und Sparer faktisch wieder Verträge abschließen, die denen der RiesterRente ähneln. Genau davon wollte die Reform ja wegkommen.

Das Problem daran ist, dass Garantien die erwartete Rendite senken, vor allem weil der Aktienanteil zur Absicherung reduziert werden muss. Marco Wilkens und sein Team an der Universität Augsburg haben die neuen Produktvarianten in Simulationsrechnungen durchgespielt. Garantien erweisen sich darin als tendenziell unattraktiv, eben wegen der im Durchschnitt niedrigeren Aktienquote. Hinzu kommt, dass ihre Kosten, anders als beim Standarddepot, nicht gedeckelt sind. Die Augsburger Musterrechnung macht greifbar, was das über die Jahrzehnte bedeutet. Ein Anleger spart darin vierzig Jahre lang monatlich rund 212 Euro, davon 117 Euro aus eigener Tasche, der Rest kommt aus Zulagen und Steuervorteilen. Legt er das Geld in der Ansparphase voll in Aktien an, ergibt das bei 0,5 % Gebühren eine kaufkraftbereinigte Monatsrente von durchschnittlich 724 Euro. Bei 1 % Gebühren sind es nur noch 594 Euro. Und wird in der Auszahlungsphase ganz auf Aktien verzichtet, sinkt die Rente um rund 18 %, das Risiko aber kaum.

Der zweite Befund betrifft die Bekanntheit der Reform. Rund drei von zehn Befragten hatten vor unserer Befragung noch nichts von ihr gehört, obwohl sie sich aktiv mit dem Thema Geldanlage beschäftigen. In der Gesamtbevölkerung dürfte die Bekanntheit noch einmal deutlich geringer sein. Erste Auswertungen unserer Daten deuten außerdem darauf hin, dass die Bekanntheit mit dem Einkommen steigt. Das würde bedeuten, dass ausgerechnet die Haushalte, für die eine Aufbesserung der späteren Rente besonders wichtig wäre, am seltensten von den neuen Fördermöglichkeiten wissen. Bis zum Start Anfang 2027 bleibt nicht mehr viel Zeit, daran etwas zu ändern.

Der dritte Befund betrifft ein Thema, das in der Debatte um das Altersvorsorgedepot bisher kaum vorkommt: die Nachhaltigkeit. Dabei ist sie in der Anlageberatung längst Pflichtprogramm, seit August 2022 müssen Beraterinnen und Berater die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kundschaft abfragen. In den Regelungen zum Altersvorsorgedepot kommt Nachhaltigkeit dagegen bisher praktisch nicht vor. Gemessen an den Wünschen unserer Befragten ist das eine Lücke. 67 % finden, das Standarddepot sollte Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen, nur 12 % lehnen das ab. 65 % befürworten eine höhere staatliche Förderung nachhaltiger Produkte. Und 65 % möchten selbst entscheiden, ob ihr Produkt Nachhaltigkeit berücksichtigt. Eine deutliche Mehrheit wünscht sich also, dass Nachhaltigkeit im neuen System eine Rolle spielt. Sie soll fest im Standarddepot verankert sein, und zugleich wollen die Befragten die Freiheit behalten, bei ihren eigenen Produkten selbst zu entscheiden. Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Beides lässt sich aber verbinden, etwa über eine nachhaltige Voreinstellung im Standarddepot, gegen die man sich aktiv entscheiden kann. Das schwedische Vorbild AP7, an dem sich die Reform orientiert, fährt seit Jahren genau eine solche Nachhaltigkeitsstrategie.

Was heißt das für die Beratungspraxis?

Aus unserer Sicht deuten alle drei Befunde darauf hin, dass es auf Seiten der Kundinnen und Kunden erheblichen Aufklärungsund Beratungsbedarf gibt. Denn das neue System verlangt den Sparerinnen und Sparern deutlich mehr eigene Entscheidungen ab als das alte, von der Produktwahl über das Garantieniveau bis zur Anlagestrategie. Die Aufklärung, die es dafür bräuchte, liefert die Reform bisher nicht mit. Nicht einmal ein verständlicher Vergleich, wie sich die Garantiestufen auf die spätere Rente auswirken, ist in den Produktinformationen verbindlich vorgesehen.

Genau diese Lücke ist das Feld der Vermittlerinnen und Vermittler. Es beginnt damit, die Reform überhaupt bekannt zu machen. Wer sich dann für ein Garantieprodukt interessiert, sollte vorher verstanden haben, was die Sicherheit über vierzig Jahre kostet. Und wer in der Beratung nach seinen Nachhaltigkeitspräferenzen gefragt wird, sollte auch beim Altersvorsorgedepot eine Antwort auf die Frage bekommen, wie sich diese dort umsetzen lassen. Die Wahl bleibt am Ende frei, aber sie sollte auf informierter Grundlage getroffen werden.

Das Altersvorsorgedepot ist eine echte Verbesserung gegenüber der Riester-Rente, mit mehr Flexibilität, mehr Renditechancen und mehr Eigenverantwortung. Ob die Reform hält, was sie verspricht, entscheidet sich daran, ob die Menschen ihre neuen Möglichkeiten kennen, verstehen und klug nutzen. Bis Januar bleibt dafür nicht mehr viel Zeit.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Christian Klein, Fachgebietsleiter Nachhaltige Finanzwirtschaft, Universität Kassel