Deutschland im Abstiegskampf?

09.06.2026

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Kurz vor der Fußballweltmeisterschaft drängt sich ein Vergleich zwischen der wirtschaftlichen und fußballerischen Entwicklung in Deutschland auf. Sowohl der VFL Wolfsburg, als auch die Nationalmannschaft erinnern hierzulande, genau wie die Ökonomie in unserer Republik, an einen ehemaligen Riesen, der gewaltig ins Wanken geraten ist.

Deutschland wirkt derzeit wie eine Fußballnation, die vergessen hat, dass Erfolg nicht konserviert werden kann. Man kann ihn feiern, verwalten, vermarkten – aber nicht einfrieren. Und genau darin liegt die bedrückende Parallele zwischen der deutschen Wirtschaft, dem Absturz des VfL Wolfsburg und der Debatte um Manuel Neuer.

Es gibt diese Momente im Fußball, in denen man erkennt, dass ein Verein nicht plötzlich abstürzt. Der Niedergang kommt schleichend. Erst werden Warnsignale ignoriert. Dann werden Probleme schöngeredet. Schließlich lebt man nur noch von der Erinnerung an frühere Triumphe. Der Abstieg des VfL Wolfsburg aus der Bundesliga ist deshalb weit mehr als eine sportliche Randnotiz. Er ist ein Symbol für den Zustand der deutschen Wirtschaft. Ausgerechnet der Klub des Volkswagen-Konzerns steigt nach 29 Jahren Bundesligazugehörigkeit, in dem Moment ab, in dem Europas größter Autobauer selbst um Orientierung ringt.

Volkswagen verliert Milliarden, plant massive Stellenstreichungen und kämpft mit einer Transformation, die andere längst aggressiver und mutiger angegangen sind. Der Konzerngewinn brach zuletzt dramatisch ein, zehntausende Jobs sollen wegfallen. Gleichzeitig verliert Wolfsburg sportlich genau jene Tugenden, die Deutschland wirtschaftlich einmal stark machten: Klarheit, Mut, Tempo und Innovationskraft.

Entgegen jeglicher Fankultur, war der VfL Wolfsburg über Jahre das perfekte Sinnbild deutscher Industriepolitik. Viel Geld, große Infrastruktur, stabile Strukturen. Aber irgendwann reichte Stabilität nicht mehr. Während andere Vereine schneller, kreativer und datengetriebener arbeiteten, vertraute Wolfsburg auf Besitzstandswahrung. Das Ergebnis: Mittelmaß, Orientierungslosigkeit – und schließlich der Absturz.

Die deutsche Wirtschaft wirkt inzwischen ähnlich: Jahrzehntelang lebte das Land von Ingenieurskunst, Exportstärke und industrieller Dominanz. Doch während China bei Elektromobilität vorbeizog, die USA digitale Plattformen erschufen und Südkorea Zukunftstechnologien massiv subventionierte, diskutierte Deutschland über Faxgeräte in Behörden und die Schuldenbremse als Staatsreligion.

Besonders sichtbar wird diese Mentalität in der Rückkehrsehnsucht des deutschen Fußballs. Dass Manuel Neuer mit bald 41 Jahren erneut als Lösung für die  Nationalmannschaft herhalten muss, mag sportlich nachvollziehbar sein – gegenüber anderen ambitionierten Torhütern unserer Fußballballnation wirkt es jedoch demotivierend und kulturell entlarvend. Es zeigt die deutsche Sehnsucht nach vertrauter Autorität, Sicherheit und einem Hang zur Vergangenheit – bloß keine Weiterentwicklung und Veränderung.

Natürlich war Neuer in früheren Jahren revolutionär und wahrscheinlich der beste Torwart seiner Generation. Aber die entscheidende Frage lautet doch: Warum hat Deutschland nach über einem Jahrzehnt keinen klaren Nachfolger aufgebaut, dem man ernsthaft vertraut? Wie ein Trainer, der immer wieder auf seine alternden Stars setzt (schöne Grüße an die italienische Nationalmannschaft), anstatt dem Nachwuchs eine Chance zu geben, sich in kaltem Wasser freizuschwimmen, vertraut auch Deutschland auf die Verlängerung bestehender Erfolgsrezepte. Doch weder im Fußball noch in der Wirtschaft gewinnt man in Zukunft mit den Lösungen von gestern, wenn eine Verweigerungshaltung die zukunftsgewandten, innovativen Weiterentwicklungen einbremst. Es lebe die Hoffnung, dass Erfahrung noch einmal rettet, was strukturell längst erneuert werden müsste.

In der Wirtschaft sieht man das besonders drastisch in der Autoindustrie. Volkswagen, Mercedes und andere Konzerne kämpfen mit Gewinneinbrüchen, schwacher Nachfrage und wachsender Konkurrenz aus China. Die deutsche Industrie wirkte lange wie der FC Bayern der Weltwirtschaft: dominant, selbstbewusst, unangreifbar, innovativ. Heute erinnert sie eher an einen Amateurverein, der überrascht feststellt, dass die Konkurrenz moderner trainiert.

Deutschland leidet dabei nicht an mangelnder Qualität, sondern an einer Kultur des fehlenden Mutes. Das Land hat Angst vor Kontrollverlust. Deshalb wird selten radikal modernisiert – sondern lieber verwaltet. Es wird jedoch verdrängt, dass genau dadurch die Kontrolle verloren geht.

Während andere Nationen scheitern, experimentieren und neu anfangen, versucht Deutschland permanent, den alten Erfolg künstlich zu konservieren. Doch im Sport wie in der Wirtschaft gilt dieselbe Regel: Wer zu lange auf seine Vergangenheit setzt, wird irgendwann von der Zukunft überholt.

Der VfL Wolfsburg ist deshalb nicht bloß abgestiegen. Der Klub ist ein Gleichnis geworden. Ein Verein mit enormen Ressourcen, getragen von einem Industriegiganten, der dennoch den Anschluss verliert, weil Geld allein keine Idee ersetzt. Der umgangssprachliche Slogan, dass Geld Tore schießt, gilt sowohl im Fußball als auch in der Wirtschaft nur eingeschränkt. Schließlich ist es entscheidend die finanziellen Mittel, die aus historischen Erfolgen resultieren, zielgerichtet und zukunftsgewandt einzusetzen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Warnung für Deutschland: Große, veraltete Namen gewinnen keine Spiele mehr. Weder auf dem Platz noch auf den Weltmärkten. Irgendwann reicht Tradition nicht mehr aus – dann braucht es den Mut, neu anzufangen.

Marktkommentar von Dr. Andreas Schyra, Vorstandsmitglied der PVV AG Essen.