Fed: Zinsentscheid ohne Leitplanken
28.07.2026

Eric Winograd, Director—Developed Market Economic Research bei AllianceBernstein. Foto: AllianceBernstein
Am Mittwochabend deutscher Zeit gibt die US-Notenbank Fed ihre nächste Zinsentscheidung bekannt. Die Unsicherheit um eine mögliche Erhöhung ist so hoch wie lange nicht mehr – ein Zinsschritt wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 35 Prozent eingepreist. Zwar geht Eric Winograd, Director—Developed Market Economic Research und Chefvolkswirt USA bei AllianceBernstein, weiterhin davon aus, dass die US-Währungshüter die Leitzinsen unangetastet lassen. Die bewusste Entscheidung von Fed-Chef Warsh, keinen möglichen Zinspfad aufzuzeigen, hält er dennoch für problematisch. Auf welche Punkte er bei der Sitzung am Mittwoch besonders achtet, erklärt der Finanzmarktexperte in folgendem Kommentar.
In den vergangenen Jahren stand das Ergebnis der meisten Fed-Sitzungen bereits im Voraus fest. Mit dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh hat sich dies jedoch geändert. Warsh verzichtet bewusst darauf, eine klare „Forward Guidance“ zu geben. Er hofft, dass sich die Märkte damit stärker auf Daten und weniger auf die Fed konzentrieren. Ironischerweise hat dies die Unsicherheit rund um die Fed-Sitzungen erhöht und sorgt damit auch für eine höhere Aufmerksamkeit. Jede Sitzung wird in einem Maße live verfolgt, wie es seit mehreren Jahren nicht mehr der Fall war.
Was also ist für die Sitzung in dieser Woche zu erwarten? Vorab: Ich gehe nicht davon aus, dass die Fed diese Woche die Zinsen anheben wird – und mir ist auch kein namhafter Analyst bekannt, der einen solchen Schritt erwartet. Ausgeschlossen ist eine Erhöhung dennoch nicht. Immerhin preist der Markt einen Zinsschritt mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 35 Prozent ein. Im Großen und Ganzen sind die Argumente für eine Zinserhöhung derzeit schwächer als vor der letzten Fed-Sitzung. Die Inflations- und Beschäftigungsdaten vom Juni fielen sowohl im Vergleich zum Trend als auch im Vergleich zu den Erwartungen schwach aus. Gleichzeitig haben sich die finanziellen Rahmenbedingungen in den vergangenen Wochen verschärft.
Dass der Markt dennoch mittlerweile mit einer durchaus beachtlichen Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung einpreist, liegt daran, dass mehrere Mitglieder des FOMC signalisiert haben, dass sie zu einer Zinserhöhung bereit sind und wahrscheinlich in diese Richtung stimmen werden – sei es mit einer Mehrheit oder als Einzelstimmen. Würde Kevin Warsh eine Zinserhöhung vorschlagen, wäre es wahrscheinlich, dass er dafür eine Mehrheit finden würde. Doch weil er bislang zu seinem Standpunkt geschwiegen hat, weiß niemand, wie er zu einer möglichen Zinserhöhung steht. Wahrscheinlich, unterstützt er einen Zinsschritt diesmal nicht. Aber es ist genau diese Unsicherheit, die sich aktuell in den Marktpreisen widerspiegelt.
Bislang war ich überzeugt, dass die Fed kein Problem damit haben würde, die Zinsen unverändert zu lassen, solange sich die zugrunde liegende Inflation nicht beschleunigt. Nun scheinen jedoch viele US-Währungshüter bereit zu sein, die Zinsen anzuheben, wenn die Inflation nicht zurückgehen sollte. Sie haben einfach keine Geduld mehr. Sollte sich diese Sichtweise durchsetzen, würde dies eine Abweichung von dem Rahmen darstellen, innerhalb dessen die Fed in den vergangenen Jahren agiert hat.
Mit einer Beschreibung über einen möglichen Zinspfad könnte die Fed diese Unsicherheit ausräumen. Vorsitzender Warsh hat sich jedoch in seiner kurzen Amtszeit jeglicher Diskussion über den künftigen Pfad strikt verweigert. Auch diese Woche wird er es wahrscheinlich so halten.
Dies könnte ein Irrtum sein. Denn wenn Warsh möchte, dass der Markt die Erwartungen auf der Grundlage eingehender Daten und nicht anhand von Kommentaren der Fed einpreist, muss der Markt verstehen, wie die Fed auf diese Daten reagieren wird. Die Beschreibung eines möglichen Handlungsrahmens ist nicht dasselbe wie eine „Forward Guidance“. Je länger Warsh diesen Unterschied nicht erkennt, desto größer wird die Unsicherheit sein. Sie wird die Aufmerksamkeit, die der Markt der Fed schenkt, eher erhöhen als verringern, was genau das Gegenteil von dem ist, was Warsh möchte.
Vorausgesetzt, es gibt in dieser Woche keine Zinserhöhung, sollten Anleger am Mittwoch insbesondere auf zwei Punkte achten. Erstens: Wird Warsh den Handlungsrahmen der Fed klarer umreißen? Und zweitens: Falls er dies tut, wie sieht dieser konkret aus? Ist eine höhere Inflation erforderlich, um eine Zinserhöhung auszulösen? Oder eine niedrigere Inflation, um einen solchen Schritt zu vermeiden? Wenn wir das Rahmenkonzept der Fed besser verstehen, können wir uns endlich auch stärker auf die Daten konzentrieren als auf Spekulationen rund um die Fed-Politik.
Eine Kolumne von AllianceBernstein US-Chef-Volkswirt Eric Winograd.

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