"Einfache Regeln, Disziplin und Geduld"

27.04.2026

Prof. Dr. Oscar Stolper / Foto: © Rolf Wegst

Erfolgt die Geldanlage rein rational? Nein, Emotionen spielen in diesem Kontext eine nicht zu unterschätzende Rolle. Welche Fallstricke beim Investieren lauern und wie die „Lösung“ aussieht, das legte Prof. Dr. Oscar Stolper von der Philipps-Universität Marburg im persönlichen Gespräch dar.

finanzwelt: Herr Professor Stolper, Geldanlage und Psyche – was sind die häufigsten Denkfehler von Anlegern?

Prof. Dr. Oscar Stolper: Ein verbreiteter Denkfehler besteht darin, nominale Werte mit realem Vermögen zu verwechseln. Viele Anleger sehen ihr Kontoguthaben wachsen oder zumindest stabil bleiben und übersehen dabei, dass Inflation und niedrige Zinsen die Kaufkraft schleichend erodieren. Genau das passiert derzeit mit großen Teilen des deutschen Geldvermögens, die in kaum verzinsten Bankeinlagen liegen.

finanzwelt: Überschätzen Anleger ihr Wissen über Geldanlage?

Stolper: Durchaus. Viele Menschen glauben, für eine erfolgreiche Geldanlage Spezialwissen zu benötigen. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass nachhaltiger Vermögensaufbau weniger von ausgefeilten Prognosen abhängt als davon, typische Fehler zu vermeiden – etwa auf den perfekten Ein- oder Ausstiegszeitpunkt zu spekulieren oder kurzfristige Marktbewegungen überzubewerten. Langfristiger Vermögensaufbau ist in Wahrheit erstaunlich unspektakulär: Er funktioniert über einfache Regeln, Disziplin und Geduld.

finanzwelt: Wie lassen sich emotionale Fehlentscheidungen vermeiden?

Stolper: Emotionen lassen sich nicht ausschalten, aber man kann ihre Wirkung begrenzen. Eine zentrale Rolle spielen feste Anlagestrukturen – etwa regelmäßige Sparpläne und breite Diversifikation. Dadurch wird die Versuchung reduziert, auf kurzfristige Marktentwicklungen zu reagieren oder den ‚richtigen‘ Zeitpunkt zu suchen. Regelmäßiges Investieren hilft, Schwankungen zu glätten und langfristig vom Zinseszinseffekt zu profitieren.

finanzwelt: Welche Rolle spielen Sozialisation und kulturelle Prägung beim Investieren?

Stolper: Finanzverhalten wird in erheblichem Maße sozial erlernt. Kinder übernehmen häufig nicht nur Einstellungen zu Risiko und Sparen von ihren Eltern, sondern auch konkrete Anlagepräferenzen. In Deutschland hat Sicherheit traditionell einen sehr hohen Stellenwert. Das führt oft dazu, dass Sparen mit Bankeinlagen als besonders sicher gilt – obwohl diese Anlagen häufig negative Realzinsen erwirtschaften und mit einem schleichenden Kaufkraftverlust verbunden sind.

finanzwelt: Viele Anleger suchen den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg.

Stolper: Die Vorstellung, den optimalen Einstiegszeitpunkt zuverlässig bestimmen zu können, gehört zu den hartnäckigsten Illusionen der Kapitalanlage. Es zeigt sich aber: Der Anlagehorizont ist wichtiger als das Timing. Je länger der Anlagezeitraum, desto stärker nähern sich die erzielten Renditen langfristigen Durchschnittswerten an und desto geringer wird das Risiko, Verluste zu realisieren. Geduld ist daher einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren beim Vermögensaufbau.

finanzwelt: Sie haben eine Professur für Behavioral Finance. Worum geht es dabei?

Stolper: Behavioral Finance untersucht, wie psychologische Faktoren Finanzentscheidungen beeinflussen. Wir verstehen heute deutlich besser, warum Anleger bestimmte Entscheidungen treffen – etwa warum viele Menschen Risiken am Aktienmarkt überschätzen, gleichzeitig aber den sicheren Kaufkraftverlust durch Bankeinlagen unterschätzen. Dieses Verständnis hilft, bessere Anlagestrategien und eine bessere Finanzberatung zu entwickeln. (ah)