Die Zukunft der Finanzberatung ist nicht weiblich, sondern persönlich

28.07.2026

Gemma Livermore, International FS Marketing Lead bei Seismic. Foto: © Seismic

Exklusiv

Frauen sind keine homogene Anlegergruppe. Viele starten noch immer mit strukturellen Nachteilen. Geringere Einkommen, häufigere Teilzeitbeschäftigung und ein größerer Anteil unbezahlter Care-Arbeit führen zu weniger Möglichkeiten für die private Vorsorge. Die Folgen zeigen sich oft erst Jahrzehnte später: geringere Rentenansprüche und ein höheres Risiko für Altersarmut. Hinzu kommt, dass Frauen im Durchschnitt länger leben und ihr Vermögen entsprechend länger reichen muss.

Parallel dazu verschieben sich die Vermögensverhältnisse. Mehr als die Hälfte der Erbenden der kommenden Jahrzehnte wird weiblich sein. Durch höhere Erwerbsquoten wächst zudem das selbst erwirtschaftete Vermögen. Frauen werden damit so viel Kapital kontrollieren wie nie zuvor und zu einer der wichtigsten Kundengruppen der Finanzbranche werden.

Viele Institute haben diese Entwicklung erkannt und bieten spezielle Coachings, Formate und Anlageangebote für Frauen an. Doch entscheidend ist nicht, Frauen als neue Zielgruppe zu vermarkten, sondern ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten zu verstehen.  Ihre Lebenswege und damit auch ihre Anforderungen an die Vermögensberatung sind so vielfältig wie nie zuvor. Wer Frauen als Kundinnen gewinnen und langfristig begleiten möchte, muss Beratung weniger an demografischen Merkmalen als an individuellen Lebenssituationen ausrichten.

Frauen investieren mit langfristigem Blick

Anlegerinnen unterscheiden sich in einigen Punkten von männlichen Investoren. Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt langfristiger investieren, seltener impulsiv handeln und stärker auf Diversifikation achten. Dieses Verhalten kann sich positiv auf Anlageergebnisse auswirken: In verschiedenen Untersuchungen erzielten Frauen teilweise höhere Renditen als Männer. Dabei verbinden viele Anlegerinnen finanzielle Sicherheit weniger mit kurzfristigen Chancen als mit Stabilität, Planbarkeit und langfristiger Absicherung.

Auch Werte spielen für viele Frauen eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit, Transparenz und soziale Verantwortung fließen häufiger in Anlageentscheidungen ein. Dabei geht es nicht darum, Frauen grundsätzlich als nachhaltigere Anlegerinnen darzustellen. Vielmehr setzen viele Kundinnen zusätzliche Prioritäten: Neben Rendite und Sicherheit möchten sie verstehen, welche Wirkung ihre Investition hat und ob sie zu ihren persönlichen Überzeugungen passt. Breit gestreute ETFs, diversifizierte Portfolios oder ESG-orientierte Investments können diese Bedürfnisse erfüllen.

Anlageentscheidungen entstehen nie unabhängig vom persönlichen Lebensweg. Karriereplanung, Familienphasen, Teilzeit, Selbstständigkeit oder die Übernahme von Familienvermögen beeinflussen, welche Strategie sinnvoll ist. Spezielle Angebote für Frauen sind deshalb nur dann sinnvoll, wenn sie auf konkrete Lebenssituationen eingehen, etwa auf den Einstieg in die Geldanlage oder den Aufbau langfristiger Vermögensstrategien.

Problematisch wird es dort, wo das Geschlecht zum Verkaufsargument wird und individuelle Bedürfnisse hinter Marketingbotschaften zurücktreten.