„Die Reform holt die geförderte Altersvorsorge aus der Sackgasse“
19.06.2026

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer, GDV / Foto: © GDV
Die Versicherungswirtschaft steht 2026 vor entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV, spricht im Interview über die Reform der Altersvorsorge, steigende Klimarisiken, regulatorischen Druck und die Auswirkungen geopolitischer Krisen auf die Branche. Zudem erklärt er, warum die Nachfrage nach Absicherung trotz schwacher Konjunktur stabil bleibt und wo der größte Nachholbedarf in Deutschland besteht.
finanzwelt: Herr Asmussen, was sind bisher die bestimmenden Themen im Versicherungsjahr 2026?
Jörg Asmussen: Das Jahr 2026 ist für die Versicherungswirtschaft ein Jahr wichtiger Weichenstellungen, da es in Deutschland ein Jahr der umfangreichen Gesetzgebung ist. Drei Themen prägen das Jahr: die Reform der Altersvorsorge, der Umgang mit Klimarisiken – vor allem beim Elementarschutz – und weiter steigende regulatorische Anforderungen.
finanzwelt: Die Versicherungswirtschaft hat sich 2025 trotz eines schwierigen wirtschaftlichen Umfelds stabil gezeigt. Über alle Sparten hinweg stiegen die Beitragseinnahmen um 6,6 % auf 254 Mrd. Euro. Mit welcher Entwicklung rechnet der GDV für das laufende Jahr 2026?
Asmussen: 2025 war für die Versicherungswirtschaft ein solides Jahr. Dass wir ein Beitragswachstum von 6,6 % auf 254 Mrd. Euro erzielen konnten, zeigt die Stärke der Branche – trotz des gesamtwirtschaftlich schwierigen Umfelds. Für 2026 erwarten wir weiteres Wachstum, mit 4,7 % aber leicht geringer als im Vorjahr. Wir sind zeitverzögert ein Spiegelbild der gesamten Volkswirtschaft: Wenn weniger gebaut, weniger investiert und weniger konsumiert wird, trifft das langfristig auch uns. Gleichzeitig bleiben die strukturellen Treiber stark: In Häusern, Autos und Betrieben stecken höhere Werte, und der Bedarf an Absicherung wächst, etwa bei Naturgefahren und im Gesundheitsbereich. Das hält die Nachfrage stabil, auch wenn das Umfeld schwieriger wird.
finanzwelt: Welche Auswirkungen sehen Sie durch den Krieg im Iran auf die Versicherungswirtschaft in Deutschland?
Asmussen: Der Krieg wirkt vor allem zunächst über die Energiepreise nach Deutschland. Er hat dazu beigetragen, dass die Inflation im April bei 2,9 % lag. Das belastet Haushalte und Unternehmen und damit auch die Versicherer, weil viele Leistungen im Schadenfall teurer werden. Besonders sichtbar ist das im Transportgeschäft. Die Lage rund um die Straße von Hormus setzt Lieferketten unter Druck, Routen werden angepasst, und die Absicherung wird anspruchsvoller. Trotzdem funktioniert der globale Versicherungsmarkt, Transport- und Schiffsversicherungen funktionieren weiter. Die Unternehmen reagieren mit angepassten Konditionen und genauerer Risikoprüfung, ziehen sich aber nicht zurück.
finanzwelt: In welchen Sparten wird das größte Wachstum erwartet? Wo geht die Nachfrage zurück?
Asmussen: In der Schaden- und Unfallversicherung erwarten wir weiter kräftiges Wachstum – bei Wohngebäude und Kfz ebenso wie im gewerblichen Bereich. In Häusern, Fahrzeugen und Betrieben stecken heute deutlich höhere Werte. Gleichzeitig nehmen Naturgefahren zu, und viele Unternehmen haben ihren Schutz zuletzt bewusst überprüft und angepasst. In der Lebensversicherung ist das Bild gemischt. Die Beiträge steigen, aber vor allem durch Einmalbeiträge. Die laufende Vorsorge wächst nur verhalten. Viele Menschen sparen eher dann, wenn gerade Spielraum da ist. Mit der Reform der geförderten privaten Altersvorsorge kommt endlich Bewegung ins System.
finanzwelt: Was sind aktuell die größten Herausforderungen für die Versicherer? Wo gibt es die größten Chancen?
Asmussen: Die Versicherer stehen derzeit unter doppeltem Druck. Die wirtschaftliche Lage ist verhalten, und gleichzeitig nehmen Risiken und regulatorische Anforderungen weiter zu. Auf der anderen Seite gibt es klare Chancen. Der Bedarf an Absicherung wächst, weil in Häusern, Fahrzeugen und Betrieben heute deutlich höhere Werte stecken und Klimarisiken stärker ins Bewusstsein rücken. Das gilt auch für die Altersvorsorge. Hier setzt die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge nach einem Vierteljahrhundert einen neuen Rahmen. Jetzt kommt es darauf an, dass die Produkte einfacher, transparenter und renditestärker werden und dass faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber dem staatlichen Anbieter des Standardproduktes gelten. Wenn das gelingt, wird die Versicherungswirtschaft ihre Stärke in der langfristigen Absicherung und in der Kapitalanlage voll ausspielen.
finanzwelt: Vor kurzem haben Sie eine neue Auswertung zur Verbreitung des Versicherungsschutzes in Deutschland auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamts veröffentlicht, die alle fünf Jahre erhoben wird. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Asmussen: Deutschland ist gut im Alltagsschutz, aber bei der langfristigen Vorsorge fürs Alter haben wir Nachholbedarf. So erreicht die private Haftpflichtversicherung mit rund 90 % einen Spitzenwert, auch bei jüngeren Haushalten sehen wir ein klares Plus. Ebenso legen Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen leicht zu. Finanzielle Grundabsicherung wird also zunehmend als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Anders die Entwicklung bei der Altersvorsorge. Starre Garantien, wenig Flexibilität und das veränderte Zinsumfeld haben diese Produkte für viele Menschen unattraktiv gemacht. Umso wichtiger ist es jetzt, die gesetzlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass private und betriebliche Absicherung in der Breite funktioniert.
finanzwelt: Der Bundestag hat Ende März die Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge beschlossen. Wie beurteilen Sie diese? Gibt es noch Möglichkeiten zur Nachbesserung?
Asmussen: Die Reform war längst überfällig. Sie holt die geförderte Altersvorsorge aus einer Sackgasse. Riester war zu kompliziert, zu unflexibel und für viele nicht attraktiv genug. Dennoch hatte Riester auch gute Punkte: eine großzügige Kinderförderung, oder einen guten Beitrag zum Schließen des Gender Pay Gaps. Gleichzeitig gibt es einen offenen Punkt: Mit dem staatlichen Standardprodukt kommt ein Anbieter hinzu, der zugleich die Regeln setzt. Das ist ein sensibler Rollenkonflikt. Wettbewerb belebt zwar das Geschäft, aber nur, wenn für alle die gleichen Bedingungen gelten – bei Kosten, Regulierung und Haftung. Hier sehen wir noch Klärungsbedarf. (mho)

Kundennutzen in der Lebensversicherung





