"Die Vorteile liegen vor allem in Diversifikation, Performancepotenzial und Risikomanagement"

30.07.2026

Christophe Jaubert - Foto: Copyright Mediolanum

Exklusiv

Christophe Jaubert von Mediolanum erklärt im exklusiven Interview, was es mit dem Thema Multi-Management auf sich hat. Worin liegen Unterscheidungsmerkmale, wie entwickelt sich der Markt für Multi-Manager-Fonds? Das und weitere Aspekte im Q&A. 

finanzwelt: Was ist Multi-Management und wie funktioniert es?

Christophe Jaubert: Multi-Management ist ein Ansatz, bei dem für verschiedene Anlageklassen und Anlagestile spezialisierte Fondsmanager ausgewählt und ihnen innerhalb eines einzelnen Fonds klar definierte Mandate übertragen werden. Bei Mediolanum International Funds verwalten wir nicht sämtliche Vermögenswerte selbst. Wir konzipieren die Portfolioarchitektur und Asset-Allokation und übertragen die tägliche Titelauswahl über ein Sub-Advisory-Modell an externe Manager mit spezifischer Expertise.

finanzwelt: Worin unterscheidet sich Multi-Management von einem Dachfonds?

Christophe Jaubert: Ein Dachfonds investiert in bestehende Publikumsfonds und fügt damit eine zusätzliche Gebührenebene hinzu. Zudem bleiben die Individualisierungsmöglichkeiten begrenzt. Im Multi-Management mandatieren wir Manager direkt, verhandeln institutionelle Gebühren, definieren die Anlagerichtlinien – einschließlich ESG-Integration – und können Manager ersetzen, wenn ihr Verhalten von den ursprünglichen Vorgaben abweicht.

Anleger erhalten dadurch ein transparentes, umfassend überwachtes Portfolio statt eines Bündels unabhängiger Produkte.

finanzwelt: Welche Vorteile bietet Multi-Management?

Christophe Jaubert: Die Vorteile liegen vor allem in Diversifikation, Performancepotenzial und Risikomanagement. Diversifikation entsteht nicht nur über Anlageklassen und Regionen, sondern auch über Manager, Anlagestile und Entscheidungsprozesse. Ein Beispiel: Ein Fonds wird von einer Value-Boutique mit überzeugungsbasiertem Investmentansatz, einem Quality-Growth-Spezialisten und einem Global-Macro-Manager verwaltet. Eine solche Kombination  unterschiedlicher Ansätze kann die Schwankungen im Portfolio reduzieren und die Abhängigkeit von einem einzelnen Manager senken.

Zugleich kann das die Performance verbessern. Anleger erhalten Zugang zu Managern mit nachweislicher Alpha-Kompetenz. Untersuchungen von Scope zeigen, dass 2025 rund 29 Prozent der aktiv gemanagten Aktienfonds ihre Benchmark übertroffen haben – gegenüber 19 Prozent im Vorjahr. Das erhöhte Risikoumfeld schuf zusätzliche Chancen für erfahrene aktive Manager.

Auch das Risikomanagement ist strukturell verankert: Unterschiedliche Sichtweisen auf denselben Markt helfen, blinde Flecken aufzudecken und Verluste in Abwärtsphasen zu begrenzen.

finanzwelt: Wie verhält sich Multi-Management in Stressphasen?

Christophe Jaubert: In Marktstressphasen – etwa geprägt von geopolitischen Spannungen, Zöllen und Zinsschwankungen – kann die unterschiedliche Entwicklung einzelner Manager ein wichtiger Vorteil sein. Stile wechseln oft rasch. Ein Multi-Manager-Portfolio kann sich daran anpassen, ohne dass Anleger ihre Produkte wechseln müssen.

finanzwelt: Gibt es auch Nachteile?

Christophe Jaubert: Der wesentliche Nachteil liegt in der Komplexität. Wirksame Überwachung, umfassende Due Diligence und kontinuierliches Monitoring erfordern erhebliche interne Ressourcen und Expertise. Fehlt diese Infrastruktur, bleibt Multi-Management lediglich ein Label und wird nicht zu einer echten Anlagephilosophie.

finanzwelt: Wie entwickelt sich der Markt für Multi-Manager-Fonds?

Christophe Jaubert: Der Markt befindet sich in einer Phase beschleunigten Wachstums. Die Treiber sind struktureller Natur: anhaltender Gebührendruck, die Notwendigkeit für Anbieter, spezialisierte Strategien auszulagern, die zunehmende Bedeutung von Boutique-Managern mit Alpha-Fokus sowie regulatorische Anforderungen, die einen nachweisbaren Mehrwert für Anleger verlangen. In all diesen Bereichen bietet die Multi-Manager-Architektur klare Vorteile.

Gleichzeitig beobachten wir intensive M&A-Aktivität in der Asset-Management-Branche. Traditionelle Vermögensverwalter erwerben Beteiligungen an Spezialisten für Private Markets oder gehen Partnerschaften mit Boutique-Häusern ein. Dies stärkt die Logik des Multi-Managements zusätzlich. Da Vermittler und Berater zunehmend differenzierte Lösungen für ihre Kunden suchen, entwickelt sich Multi-Management von einer Nischenlösung zu einem festen Bestandteil des europäischen Wealth Managements.

finanzwelt: Wie werden externe Fondsmanager ausgewählt?

Christophe Jaubert: Die Auswahl erfolgt über einen mehrmonatigen Prozess, der quantitative Analysen mit umfassender qualitativer Due Diligence kombiniert. Unterstützt wird dieser durch einen proprietären Fragebogen, der Informationen erfasst, die über öffentlich verfügbare Angaben hinausgehen.

Ziel ist es, die besonderen Stärken eines Managers zu identifizieren – also jene Eigenschaften, die nachhaltige Wertschöpfung ermöglichen. Erst wenn wir hinsichtlich Anlagephilosophie, Prozess und Unternehmenskultur vollständig überzeugt sind, erfolgt die Investition.

finanzwelt: Welche Rolle spielen große Asset Manager und Boutiquen?

Christophe Jaubert: Die Balance zwischen großen Vermögensverwaltern und Boutiquen wird bewusst gesteuert und variiert je nach Strategie. Große Asset Manager bieten Skaleneffekte, breite Expertise über verschiedene Anlageklassen hinweg, umfangreiche Research-Ressourcen und institutionelle Prozesse. Ihre Schwäche besteht darin, dass Größe Innovation einschränken und Überzeugungen verwässern kann.

Boutiquen zeichnen sich häufig durch hochkonzentrierte Portfolios, eine starke Interessengleichheit zwischen Eigentümern und Investoren, hohe Agilität und klaren Fokus aus. Das kann Alpha generieren – insbesondere bei Aktien, Unternehmensanleihen und in Nischensegmenten. Mögliche Nachteile sind begrenzte Vertriebsressourcen, Schlüsselpersonenrisiken und Kapazitätsgrenzen.

Gerade die Kombination beider Ansätze schafft den größten Mehrwert für Anleger.

finanzwelt: Wie ist das Fondsselektions-Team strukturiert?

Christophe Jaubert: Unser Bereich für Fondsselektion – das Multi-Manager-Team – ist innerhalb der Investmentfunktion unter dem CIO angesiedelt und arbeitet eng mit Portfoliomanagern, dem Risikoteam sowie ESG-Spezialisten zusammen. Analysten für Aktien, Anleihen und Multi-Asset-Strategien betreuen jeweils klar definierte Universen. Jeder Portfoliomanager trägt die Verantwortung für die betreuten Produkte und deren Ergebnisse.

finanzwelt: Nach welcher Methodik arbeitet das Team?

Christophe Jaubert: Die Methodik kombiniert quantitative und qualitative Analysen. Ausgangspunkt ist ein Screening des Anlageuniversums anhand von Kriterien wie Track Record, risikobereinigten Renditen, Faktorengagements, Kapazität und Verhalten in unterschiedlichen Marktphasen.

Erfolgversprechende Kandidaten durchlaufen anschließend einen mehrmonatigen Due-Diligence-Prozess. Dabei prüfen wir Teamstabilität, Investmentprozess, ESG-Integration, operative Strukturen und die Frage, ob Interessen im Einklang stehen. Alle Erkenntnisse werden durch Vor-Ort-Termine sowie einen strukturierten Due-Diligence-Fragebogen validiert.

Nach der Mandatierung erfolgt eine kontinuierliche Überwachung mittels Performance Attribution, Style-Drift-Analysen, Risikoprüfungen und regelmäßigen Gesprächen. Bestehen Zweifel an der ursprünglichen Investmentthese, werden entsprechende Maßnahmen eingeleitet.

finanzwelt: Welche Aspekte stehen bei der qualitativen Analyse im Fokus?

Christophe Jaubert: Im qualitativen Bereich stehen die Menschen im Mittelpunkt: die Stabilität des Investmentteams, die Qualität der Entscheidungskultur und die Interessengleichheit – idealerweise durch Beteiligungen wichtiger Entscheidungsträger am Unternehmen.

Anschließend analysieren wir den Investmentprozess: Ist er klar definiert, wiederholbar und konsistent mit dem beobachteten Performance-Muster? Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem ESG-Integration, Governance-Struktur, Risikobewusstsein und dem Umgang mit Kapazitätsgrenzen.

Abschließend analysieren wir, worin die besonderen Stärken des Managers liegen und warum sie dem Team langfristig einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern verschaffen können.

finanzwelt: Und worauf kommt es bei der quantitativen Analyse an?

Christophe Jaubert: Im quantitativen Bereich betrachten wir weit mehr als die reine Renditeentwicklung. Wir analysieren risikobereinigte Erträge über verschiedene Marktphasen, Drawdowns, die Konsistenz der Alpha-Generierung, Faktor- und Stil-Exposures, Portfoliokonzentration, Umschlagshäufigkeit und Active Share.

Entscheidend ist für uns die Frage, ob die Ergebnisse auf tatsächlichem Können beruhen oder lediglich auf Rückenwind durch einen bestimmten Stil, Beta-Exposure oder Hebelwirkungen. Beide Perspektiven – qualitativ und quantitativ – ergänzen sich und ergeben erst gemeinsam ein vollständiges Bild.

finanzwelt: Welche Faktoren werden für das Portfoliomanagement in der zweiten Jahreshälfte 2026 entscheidend sein?

Christophe Jaubert: Die dominierenden Themen bleiben Geopolitik, Zins- und Inflationsentwicklung sowie die Folgen restriktiverer Kreditbedingungen. Die Märkte haben politische Schocks und Handelskonflikte bislang als Chancen interpretiert. Die sekundären Auswirkungen auf Stimmung, Verhalten und Kapitalflüsse dürften jedoch zunehmend sichtbar werden und zu höherer Volatilität führen.

Unser Basisszenario geht davon aus, dass dieses Umfeld attraktive Einstiegsmöglichkeiten in Aktien- und Anleihemärkten für Anleger mit langfristigem Anlagehorizont schaffen wird.

finanzwelt: Was bedeutet das für den Portfolioaufbau?

Christophe Jaubert: Daraus ergeben sich drei zentrale Konsequenzen: Wir müssen die Diversifikation über Anlageklassen, Stile und Manager hinweg weiter ausbauen. Insbesondere in risikoreicheren Anlageklassen bevorzugen wir aktives Management mit spezialisierten Boutiquen, in denen das Alpha-Potenzial am größten ist. Zudem berücksichtigen wir weiterhin langfristige strukturelle Themen wie Nachhaltigkeit, Energiewende, KI-Infrastruktur und ausgewählte Schwellenmärkte.

Oberste Priorität bleibt eine risikobewusste Umsetzung, die Anleger durch systematische und schrittweise Investitionsansätze vor emotionalen Reaktionen auf Marktschwankungen schützt.

finanzwelt: Welche Empfehlungen geben Sie Anlegern und Beratern im aktuellen Umfeld?

Christophe Jaubert: Erstens: Versuchen Sie nicht, Märkte zu timen. Die Daten zeigen, dass Market-Timing-Entscheidungen die Renditen von Anlegern in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren regelmäßig geschmälert haben. Entscheidend ist ein Anlagehorizont, der zum Ziel passt – mindestens sieben Jahre für Aktienstrategien und drei Jahre oder mehr für Anleihestrategien. Und vor allem: Anleger sollten investiert bleiben.

Zweitens: Diversifikation sollte heute breiter gedacht werden. Sie bedeutet mehr als die Mischung von Aktien und Anleihen. Sie umfasst auch die Kombination unterschiedlicher Manager, Stile und Regionen sowie Lösungen, die einen systematischen und gestaffelten Einstieg ermöglichen. Unsere Intelligent-Investment- und Big-Change-Lösungen basieren genau auf diesem Prinzip und verzeichnen entsprechend starke Kundenzuflüsse.

Drittens: Aktives Management verdient wieder mehr Aufmerksamkeit. Die Daten aus dem Jahr 2025 zeigen, dass erfahrene aktive Manager von einem breiteren Chancenuniversum profitieren konnten – ein Muster, das in einem strukturell volatilen Umfeld häufig anhält.

Viertens: Nachhaltigkeit sollte als ökonomischer und nicht als ideologischer Faktor betrachtet werden.

Und schließlich: Anleger und Berater sollten sich auf Ergebnisse konzentrieren, nicht ausschließlich auf Kosten. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis umfasst das Gesamtpaket aus Performance, Finanzbildung, Planung und Unterstützung. Genau diese Faktoren sollten Berater bei ihrer Bewertung berücksichtigen. (ah)