„Diversifikation funktioniert wieder“

23.06.2026

Julian-Benedikt Hautz (mi.) und Stephan Scheeren (re.) im Gespräch mit Chefredakteur Alexander Heftrich /Foto: © Flossbach von Storch / Thomas Fähnrich Fotografie

Feiern gemischte Portfolios ein Comeback? Mitte Mai traf die Chefredaktion Stephan Scheeren und Julian-Benedikt Hautz, Fondsmanager bei Flossbach von Storch. Wir sprachen zur allgemeinen Lage an den Märkten und zur Investmentphilosophie der Fonds.

finanzwelt: Meine Herren, auch 2026 sehen wir ein doch turbulentes Umfeld. Nicht zuletzt der Iran-Krieg sorgt für volatile Märkte. Wie nehmen Sie die Großwetterlage wahr?

Julian-Benedikt Hautz: Wir erkennen eine äußerst komplexe Gemengelage mit vielen interagierenden Faktoren, die den klaren Blick auf die Märkte erschweren. So ist das geopolitische Umfeld nach wie vor ungewiss. Der US-Präsident kündigte Fortschritte und eine bevorstehende Einigung im Iran-Krieg an. Dennoch bleibt der Druck auf die Energiepreise hoch. Zumindest kurzfristig zieht dadurch die Inflation an. Auf der anderen Seite sind die Börsen weiter im Aufwind. An dieser Stelle ist eine stringente Anlagestrategie das Motto der Stunde. Und vor genau diesem Hintergrund sehen wir derzeit ein gutes Umfeld für Multi-Asset, weil die verschiedenen Assetklassen unterschiedliche Chance-Risikoprofile und Renditepotenziale bieten. So verstehen wir Diversifikation in Reinkultur.

finanzwelt: Sie sprachen die schwierige geopolitische Lage an. Ukraine, Irak und weitere Krisenherde. Das macht das Agieren nicht einfacher, oder?

Stephan Scheeren: Ja, aber wir lassen uns dadurch nicht treiben oder ändern grundlegend die Investmentphilosophie der Fonds. Vielmehr fußt unser Leitgedanke darauf, die Portfolios robust aufzustellen, indem wir breit streuen, auf das Bewertungsniveau der Titel achten und aktiv managen, damit die Fonds Krisen gut überwinden und langfristig stabile Renditen erzielen können. Die Strategien der Fonds reichen von Defensiv bis Growth und variieren dementsprechend bei ihrem jeweiligen Aktienanteil.

Hautz: Die Portfolios müssen zum Umfeld passen und werden natürlich an die jeweiligen Rahmenbedingungen angepasst. Aber in einer Art und Weise, wie wir unseren Investmentprozess aufgesetzt haben. Mit Bedacht, guter Analyse der Unternehmen und nicht zu fokussiert auf kurzfristige Marktveränderungen oder ausschließlich nachrichtengetrieben.

finanzwelt: Sie sprachen von robusten Portfolios. Multi-Asset ist Ihr Spielfeld. Gemischte Fonds hatten es in der Vergangenheit nicht einfach. Hat sich der Wind nun gedreht?

Scheeren: Für viele Kunden sind Multi-Asset-Fonds ein gutes Einsteigerprodukt oder Investment. Die Varianten sind vielfältig, von defensiv bis offensiv. Sicherlich hat das höhere Zinsniveau dazu beigetragen, dass diese Anlageklasse wieder Rückenwind bekommen hat. Die relative Attraktivität von Aktien gegenüber Anleihen hat sich zugunsten der Bonds verschoben. Auf der anderen Seite weisen qualitativ gute Aktien immer noch eine positive Ertragserwartung auf. In der Summe sind diese beiden Komponenten mit ausschlaggebend für die ‚Wiederentdeckung von Multi-Asset‘. Diversifikation ergibt Sinn, da Anleihen ein auskömmliches Renditeniveau aufweisen, laufenden Ertrag liefern plus die Aktienkomponente mit der Aussicht auf gutes Gewinnwachstum.

Hautz: Die Botschaft ist, dass Diversifikation wieder funktioniert. Heute haben wir unterschiedliche Renditequellen – das war vor wenigen Jahren nicht der Fall. Anleihen, Aktien aber auch Gold, das in den zurückliegenden Jahren außerordentlich gut performt hat. Viele Zutaten, die in der Gesamtheit die Komposition von Multi-Asset im Berateralltag wieder attraktiv macht. Risiken werden gezielt minimiert, gleichzeitig die Ertragschancen verbreitert.

finanzwelt: Viele Investoren denken bei Multi-Asset an das klassische 60/40-Portfolio. Ist das noch oder wieder zeitgemäß?

Scheeren: 2022 war ein besonderes Jahr, in dem Aktien als auch Anleihen gleichzeitig gefallen sind. Selten kommt es zu gleichzeitigen Abwärtsbewegungen beider Assetklassen. Wir sagen, dass das klassische 60/40-Portfolio zumindest wieder in ein besseres Bild gerückt ist als im besagten Krisenjahr. Durch seine Aufteilung in Aktien und Anleihen zeigt es sich widerstands- und anpassungsfähig. Eine Lösung für jene, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wachstum und Stabilität wollen.

finanzwelt: Lassen Sie uns mal auf Ihre Investmentphilosophie zu sprechen kommen. Was ist die DNA?

Hautz: Zentral sind die fünf Spitzen unseres Pentagramms, das sich auch in unserem Firmenlogo widerspiegelt.

• Diversifikation: Die Zukunft lässt sich nicht präzise vorhersagen. Daher sollte ein Vermögen nicht nur über verschiedene, sondern auch innerhalb einzelner Anlageklassen klug gestreut werden.

• Qualität: Die Werthaltigkeit einer Anlage hängt von ihrer Qualität ab. Entsprechend sollte die Attraktivität des Zukunftspotenzials jedes Investments umfassend geprüft werden.

• Flexibilität: Um Verluste zu vermeiden und sich ergebende Chancen zu nutzen, braucht es Manövrierfähigkeit. Folglich sollte der überwiegende Teil eines Vermögens in sehr liquiden Vermögenswerten investiert werden.

• Solvenz: Hohe Verschuldung macht ein Vermögen anfällig für größere Verluste. Deshalb sollte Fremdkapital nur wohldosiert eingesetzt werden.

• Wert: Hohe Qualität verspricht noch keine attraktive Rendite. Deshalb sollte der faire Wert eines Investments immer mit seinem Preis verglichen werden.

Scheeren: Neben diesen Leitsätzen, die Richtschnur unseres Handelns sind, spielt die Verantwortung jedes Einzelnen eine große Rolle. Jeder Portfoliomanager muss auch ein guter Analyst sein und für seine Entscheidung geradestehen. So wählen wir die infrage kommenden Titel sowohl auf der Aktien- als auch Anleiheseite nach tiefgründiger Recherche, Research und Gesprächen mit dem Management der Unternehmen aus. Und noch ein Fakt ist uns an diesem Punkt wichtig: Ist beispielsweise die Aktie eines möglichen Portfoliounternehmens nach unserer Ansicht zu teuer, können wir im Rahmen unseres Multi-Asset-Ansatzes und im Team vor Ort immer noch die Anleiheseite betrachten.

finanzwelt: Wie steuert man generell Multi-Asset-Anlagen? Schichten Sie oft innerhalb der Portfolios um?

Scheeren: Multi-Asset ist ohne einen stringenten aktiven Ansatz in unserer Philosophie nicht umsetzbar. Unser Investmentprozess ist so angelegt, dass wir in der Regel zwar Titel rein- bzw. rausnehmen, aber das hält sich in Grenzen. Wir verstehen uns als Langfristinvestoren, heißt: wir beteiligen uns an guten Unternehmen – möglichst dauerhaft. Andersherum: Wir sind keine Spekulanten! Wichtig ist außerdem, dass das Portfolio nicht zu groß beziehungsweise unübersichtlich wird. So haben wir auf der Aktienseite ca. 50 Positionen. Im Vergleich zum MSCI World haben wir beispielsweise eine Übergewichtung in den Sektoren Basiskonsum, Gesundheit und Industrie. Regional findet sich eine Vielzahl an US-Aktien im Portfolio wieder. Das wiederum ist das Ergebnis unseres Bottom-up-Ansatzes, nicht Ausdruck einer regionalen Präferenz. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass die Domizilierung keine Aussage darüber trifft, wo das Unternehmen seinen Umsatz tätigt. Beispiel Nestlé.

finanzwelt: Abseits von Aktien und Anleihen, wie sieht es mit Gold aus? Wenngleich der Goldpreis etwas zurückgekommen ist, so ist doch die Entwicklung in der Vergangenheit bemerkenswert.

Hautz: Gold ist eine Krisenwährung. Das Edelmetall hat Kriege und Währungsreformen überstanden. Es ist ein knappes Gut, das nicht beliebig vermehrt werden kann. Zudem kann Gold das Gesamtrisiko eines Portfolios senken. Wenn beispielsweise Aktienmärkte einbrechen oder Papiergeld an Wert verliert, kann das Edelmetall stabilisieren. Den ‚Charme‘ des Goldes haben wir aber nicht erst in der jüngeren Vergangenheit entdeckt. Das Edelmetall ist seit Auflage der Fonds ein Portfoliobaustein und Diversifikationsinstrument in der breiten Allokation, das heutzutage möglicherweise wirksamer als Staatsanleihen ist.

finanzwelt: Anleger fürchten sich vor stärkeren Schwankungen. Hier spielt auch die Währungskomponente eine mitentscheidende Rolle, oder?

Hautz: Absolut. Je höher der Anteil von US-Aktien im Portfolio, desto stärker ist der Währungseffekt. Generell richten wir die Währungsallokation je nach Risikobudget aus, d. h. im Defensive ist der USD-Anteil deutlicher geringer als bei unserem offensiven Growth-Produkt.

finanzwelt: Treffen Ihre Fonds den Nerv der Anleger?

Scheeren: In den vergangenen Jahren haben wir den Beleg dafür geliefert, die unterschiedlichen Erwartungshaltungen der Kunden je nach individuellem Risikobudget zu erfüllen. Beispiel: Ein defensiver Kunde möchte primär den Kapitalerhalt, ohne die Gefahr von größeren Verlusten bei Börsenabschwüngen. Dagegen möchte ein auf Wachstum fokussierter Anleger mehr ins Risiko gehen, eine potenziell größere Rendite einfahren unter Inkaufnahme der damit möglicherweise verbundenen größeren Schwankungen. Insofern glauben wir, dass unsere Produktpalette gemischter Portfolios für jeden Anlegergeschmack etwas bereithält. (ah)