KI-Euphorie trifft auf Schwerkraft

23.06.2026

Foto: © KI/fw

Realwirtschaft und Börsenstimmung driften derzeit weit auseinander – zumindest gefühlt. Während geopolitische Verwerfungen wie der Irankrieg die Weltwirtschaft belasten, treibt die KI-Euphorie die Märkte von Rekord zu Rekord. Trotzdem könnte es falsch, auf eine große Marktkorrektur zu warten.

Anfang Juni 2026 erreichte die Gewichtung des Technologie- und Kommunikationssektors im S&P 500 stolze 50 Prozent – eine Verdopplung gegenüber 2018 und mehr als auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im Jahr 2000 (damals 44 Prozent). Im MSCI All Country World Index wiegen Halbleiter- und Speicheraktien mit 17,9 Prozent mittlerweile mehr als Gesundheit, Basiskonsumgüter und Energie zusammen (16,4 Prozent). Platzt womöglich bald eine Blase? Dafür gibt es aktuell nur wenige Anzeichen.

Trotz der geopolitischen Risiken investieren Technologiekonzerne unverändert Milliarden in KI-Rechenzentren. Laut Berechnungen von Evercore und Bank of America – veröffentlicht nach den Q1-2026-Earnings bei CNBC – dürften die Hyperscaler 2027 erstmals mehr als 1 Bill. Dollar für KI-Infrastruktur ausgeben. Für 2028 geht der WallStreet-Konsens von rund 930 Mrd. Dollar aus. Dieser Investitionssog zieht über die Zulieferkette den Gesamtmarkt nach oben.

Analysten prognostizieren für den S&P 500 ein Gewinnwachstum von 25 bis 30 Prozent im Jahr 2026 – je nach Analysehaus. Eine solide Grundlage für weiter steigende Kurse. Donald Trump betrachtet den US-Börsenstand als zentralen Erfolgsindikator seiner Präsidentschaft. Vor den Midterm-Wahlen im November gilt ein bewusstes Zulassen eines Marktcrashs als politisch ausgeschlossen.

Die Fed hat zwar die Inflation im Blick, doch eine zu restriktive Geldpolitik hätte einen Nebeneffekt: Steigende Zinsen würden die ohnehin hohe Zinslast des USBundeshaushalts weiter in die Höhe treiben – ein Risiko, das die Notenbank kaum ignorieren kann. Die amerikanischen Verbraucher geben nach wie vor rund 93 % ihres verfügbaren Einkommens direkt wieder aus. Der private Konsum hält die Konjunktur am Laufen.

Was die Kurse derzeit stützt

ETFs, Pensionskassen und Sparpläne kaufen jeden Monat mechanisch und unabhängig von der Nachrichtenlage Milliarden in den Markt. Da gleichzeitig das Angebot an frei handelbaren Aktien schrumpft, steigen die Preise strukturell. US-Unternehmen stützen ihre Kurse durch massive Aktienrückkäufe. Für das Gesamtjahr 2026 wird in den USA ein neuer historischer Rekord erwartet – auch das reduziert das frei verfügbare Angebot an Aktien. Alphabet versucht, den Markt mit Software-Kompressionsverfahren wie „Turbo Quant“ aufzumischen und den Bedarf an teuren Hochleistungsspeichern deutlich zu senken.

Doch hier greift das Jevons-Paradoxon: Sinken die Kosten durch Effizienzgewinne, steigt die Gesamtnachfrage – weil die Modelle intensiver genutzt werden. Zudem bleibt Alphabet bei der Fertigung von den Halbleiterherstellern abhängig.

Hohe Erwartungen, aber keine Verkaufswelle

Börsengänge von Schwergewichten wie SpaceX oder Anthropic könnten massiv Kapital absaugen. Auch Meta und Alphabet planen Kapitalerhöhungen zur Finanzierung des KIBooms. Institutionelle Investoren müssten dafür erhebliche Reserven mobilisieren – was zu Umschichtungen und Gewinnmitnahmen bei bisherigen Marktführern im S&P 500 führen dürfte.

Die Erwartungslatte liegt gefährlich hoch. Für einen nachhaltigen Börseneinbruch bräuchte es jedoch eine breite Front an Verkäufern – und die ist derzeit nicht in Sicht. Der KI-Boom schreibt die Regeln des früher zyklischen Speicherchipmarkts neu. Während die Branche in den vergangenen zehn Jahren zweimal drastisch einbrach, herrscht heute fundamentale Knappheit.

SK-Group-Chef Chey Tae-won erklärte zuletzt auf der Computex 2026, dass das Speicherchip-Angebot branchenweit mehr als 20 Prozent hinter der Nachfrage zurückbleibe – und diese Knappheit bis mindestens 2030 andauern werde (Quelle: Bloomberg/Reuters, März 2026). Diese strukturelle Unterdeckung ist so gewaltig, dass selbst Alphabets Effizienztechnologie wenig daran ändern wird.

Marktkommentar von Gottfried Urban, Urban & Kollegen Vermögensmanagement, Altötting.