Wer sichert die Transformation?
23.06.2026

Foto: © wirkungswerk
Versicherungsunternehmen sind dazu da, Risiken von privaten Haushalten oder Unternehmen zu übernehmen und diejenigen, die von einem Versicherungsfall betroffen sind, zu entschädigen. Das funktioniert über den Risikoausgleich im Kollektiv, der nach versicherungsmathematischen Grundsätzen erfolgt. Vereinfacht ausgedrückt: Viele sind versichert und nur einige erleiden einen Schaden, der von der Versichertengemeinschaft finanziert wird. Soweit die bekannte Seite. Doch die Branche leistet weit mehr, als dieser erste Blick vermuten lässt.
Was vielen nicht bewusst ist: Versicherer legen große Teile der Kundenbeiträge langfristig am Kapitalmarkt an, um Leistungen zu einem späteren Zeitpunkt sicherzustellen – etwa für Ablaufleistungen in der Lebensversicherung oder zur Stabilisierung der Beiträge älterer Menschen in der privaten Krankenversicherung. Diese sogenannten Deckungs- und Alterungsrückstellungen erreichen allein bei der Koblenzer Debeka aktuell einen Wert von weit über 100 Mrd. Euro, die sie am Kapitalmarkt anlegt, um für ihre Mitglieder möglichst hohe, aber auch sichere Kapitalerträge zu erzielen.
Insgesamt zählen deutsche Versicherer mit rund 1,9 Bio. Euro zu den größten institutionellen Investoren am Kapitalmarkt. Diese Investitionen sichern nicht nur die Daseinsvorsorge von Millionen Menschen, sie leisten auch einen entscheidenden Beitrag zur Finanzierung der Gesamtwirtschaft. Am Beispiel der Debeka bedeutet das konkret: Von insgesamt 119,6 Mrd. Euro an Kapitalanlagen entfallen 92,1 Mrd. Euro auf Investitionen in Europa, davon wiederum 34,1 Mrd. Euro auf Investitionen in Deutschland – in Unternehmen, Förderbanken, Telekommunikation, Verkehr und Energieversorgung.
Kein Zufall: Die PKV trägt sich selbst
Gerade die private Krankenversicherung leistet hier einen strukturellen Beitrag, der in der aktuellen Reformdebatte über die Stabilität des Gesundheitssystems zu selten genannt wird. Die PKV finanziert sich durch Kapitaldeckung: Versicherte bauen in jungen Jahren Alterungsrückstellungen auf, die ihre Beiträge im Alter stabilisieren. Das System trägt sich selbst, ohne Umlagen, ohne Steuerzuschüsse. Wer heute über die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens diskutiert, sollte diesen Mechanismus nicht kleinreden, sondern stärken. Denn diese Investitionen sind kein Selbstläufer: Weniger eigenverantwortliche Vorsorge bedeutet weniger investierbares Kapital und damit verpasste Chancen für genau die Transformation, die alle fordern.
Gesundheitsdaten: Eigenverantwortung hat Grenzen
Parallel dazu verändert die Digitalisierung das Gesundheitswesen grundlegend. Die elektronische Patientenakte ist dabei ein zentrales Instrument. Die Sicherheitsstandards sind hoch, dennoch bleibt jede und jeder selbst für das Verwalten der eigenen Daten verantwortlich. In der privaten Krankenversicherung gilt dabei ein klares Prinzip: Jede Arztpraxis muss aktiv und einzeln freigegeben werden, bevor sie Zugriff erhält. Bei gesetzlich Versicherten gilt das Einlesen der Gesundheitskarte als Einwilligung für den Zugriff der behandelnden Praxis – wer das einschränken möchte, muss selbst aktiv werden. Das ist kein bürokratisches Detail, sondern ein echtes Mehr an Datensouveränität.
Wie komplex dieses Spannungsfeld ist, zeigt ein aktuelles Urteil des Bundesverwaltungsgerichts: Das Gericht hat entschieden, dass die Debeka Gesundheitsdaten nicht nutzen darf, um Versicherte aktiv auf Coaching-Angebote hinzuweisen – etwa bei Diabetes, Asthma oder Rückenleiden. Wir respektieren diese Entscheidung. Im Kern stellte sich dabei die Frage: Darf ein Versicherer, der erkennt, dass jemand von einem Gesundheitsprogramm profitieren könnte, diese Person kostenlos darauf aufmerksam machen? Das Gericht hat ausdrücklich anerkannt, dass genau das unser Ziel war. Die Abwägung im Ergebnis teilen wir dennoch nicht, denn Datenschutz darf nicht dazu führen, dass kranke Menschen keine Unterstützung erhalten. Wir werden das Urteil sorgfältig auswerten und prüfen, wie wir unseren Versicherten diese Angebote künftig zugänglich machen können.
Digitale Eigenverantwortung im Alltag
Zur digitalen Eigenverantwortung gehört heute auch das Thema digitales Erbe: Was passiert nach dem Tod mit persönlichen Profilen in sozialen Netzwerken, mit Online-Konten oder digitalen Abonnements? Wer keine Regelung trifft, öffnet Missbrauch Tür und Tor. Und wenn Cyberkriminelle trotz aller Vorsicht erfolgreich zuschlagen? Dann greift die klassische Versicherungslogik: Cyberversicherungen, lange nur im Unternehmensbereich bekannt, decken inzwischen auch private Haushalte ab.
Verlässliche Rahmenbedingungen sind keine Selbstverständlichkeit
Kapitalanlage, Beitragsstabilität, Gesundheitsdaten, digitale Absicherung – all das zeigt: Die Versicherungsbranche ist ein unverzichtbarer Stabilitätsanker. Sie schützt Einzelne, finanziert Gemeinwesen und begleitet gesellschaftliche Transformationen. Das gelingt aber nur, wenn die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen. Mein Appell: Die deutsche Versicherungsbranche leistet einen wesentlichen Beitrag – sowohl für die Versorgung der Bevölkerung als auch für unsere Gesamtwirtschaft. Sie braucht verlässliche Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie ihrer Verantwortung als Risikoträger und als Investor gerecht werden kann.
Ein Beitrag von Thomas Brahm, Vorstandsvorsitzender, Debeka

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