Deutschland, deine Insolvenzen

17.10.2023

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Über Deutschland kreist der Pleitegeier. Die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen sieht düster aus, die Zahl der beantragten Regelinsolvenzen ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im August 2023 um 13,8 % gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Ein Faktor, der dabei auch eine Rolle spielte: staatliche Corona-Hilfen.

Laut einer Mitteilung der Wiesbadener Statistiker vom 13. September haben im 1. Halbjahr 2023 die deutschen Amtsgerichte 8.571 beantragte Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Das waren erstaunliche 20,5 % mehr als im 1. Halbjahr 2022. Und die Forderungen der Gläubiger aus den im 1. Halbjahr gemeldeten Unternehmensinsolvenzen werden auf rund 13,9 Mrd. Euro beziffert. Im 1. Halbjahr 2022 hatten die Forderungen noch bei rund 8,2 Mrd. Euro gelegen. Bezogen auf 10.000 Unternehmen gab es insgesamt im 1. Halbjahr 2023 in Deutschland 25,3 Unternehmensinsolvenzen. Die meisten davon entfielen laut Statistik auf den Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei mit 54,1 Fällen. Dann folgten die sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen (zum Beispiel Zeitarbeitsfirmen) mit 41,3 Fällen. Die geringste Insolvenzhäufigkeit mit 2,4 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen gab es – wen wundert’s – in der Energieversorgung.

Der fatale Nachholeffekt

Bei den aktuellen Daten ist zu bedenken, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen immer noch unter den Werten aus dem Jahr 2016 liegt. Deshalb sprechen auch Marktbeobachter von einer „gewissen Normalisierung der Insolvenzzahlen“. Die Gründe für den Anstieg der Unternehmensinsolvenzen seien komplex – und werden vom Statistischen Bundesamt nicht benannt. Analysten führen die Konsumzurückhaltung infolge hoher Inflation und steigender Zinsen, explodierende Kosten und die Verteuerung von Investitionen sowie den Fachkräftemangel als Gründe an. Darüber hinaus schmälerten hohe Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit von exportintensiven Unternehmen. Und schließlich sei eine „überbordende Bürokratie“ ein Punkt, weshalb viele Unternehmen mit zusätzlichen Kosten zu kämpfen hatten.

Finanzexperte Jonas Eckhardt, Partner bei der Beratungsgesellschaft Falkensteg Holding GmbH & Co. KG, erklärte in einem Interview mit dem ZDF: „Inflation, Kaufzurückhaltung, hohe Energiepreise und steigende Finanzierungskosten machen den Unternehmen zunehmend zu schaffen und lassen sich kaum noch kompensieren. Zudem gibt es noch einen Nachholeffekt aufgrund der umfangreichen staatlichen Hilfen in den vergangenen zwei Jahren, die inzwischen ausgelaufen sind und viele Unternehmen am Leben hielten.“ Also noch ein weiterer Faktor, der aus Pandoras Insolvenz-Box springt: Während der Corona-Pandemie und der Zeit der Inflations-Rekorde hatte die Bundesregierung mit Sonderregeln und Staatshilfen die Wirtschaft unterstützt. Viele Unternehmen hatten dies genutzt – und sind nun aufgrund der künstlichen Verzögerung mit einer finanziellen Schieflage aufgewacht. Die Corona-Hilfen bis zum Jahr 2022 waren dafür gedacht, Pleitewellen zu verhindern. Konnten Unternehmen in dieser Zeit Einnahmen erzielen, wurden diese nachträglich mit den Fördergeldern verrechnet. In den zuständigen Wirtschaftsministerien der Länder lautete das Kleingedruckte zum Thema „Soforthilfeprogramm Corona“: „Die Soforthilfe muss grundsätzlich nicht zurückbezahlt werden, soweit die relevanten Angaben im Antrag richtig und vollständig waren und wahrheitsgemäß gemacht wurden. Sollte sich der beantragte erwartete Liquiditätsengpass rückwirkend als zu hoch erwiesen haben, ist der entstandene Überschuss zurückzuzahlen."

Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, sagte dem MDR: „Die Insolvenzzahlen waren im Zuge der Corona-Krise deutlich gesunken. Das hatte viel mit staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zu tun, wie etwa Kurzarbeitergeld oder kurzfristige Kreditlinien für die Unternehmen.“ Das Problem: Es seien auch viele schwache Unternehmen durch staatliche Hilfen am Leben erhalten worden. Und der derzeitige Anstieg der Insolvenzen habe damit zu tun, dass diese von einigen Unternehmen nun nachgeholt werden müssten. „Die Rückzahlungen der Hilfen und teils verschleppte Anpassungen des Geschäftsmodells führen bei dauerhaft steigenden Zinsen in die finanzielle und wirtschaftliche Sackgasse", wird auch Patrik-Ludwig Hantzsch, Pressesprecher und Leiter Wirtschaftsforschung beim Verband der Vereine Creditreform e.V., zitiert.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Viele Ökonomen sehen die aktuelle Entwicklung mit Sorge. Denn die wirtschaftliche Lage bleibt schwierig: „Für den Fall, dass die Insolvenzfrühindikatoren im September abermals stark erhöht ausfallen, rechnen wir mit spürbar steigenden Insolvenzzahlen im 4. Quartal des Jahres“, warnt Steffen Müller. Der vom Leibniz-Institut veröffentlichte IWH-Insolvenztrend gilt als Indikator zum bundesweiten Insolvenzgeschehen für Personen- und Kapitalgesellschaften – er weist in der Regel nur geringfügige Abweichungen zu den amtlichen Zahlen auf. Und die Studie beschreibt eine weitere besorgniserregenden Entwicklung: Immer mehr große Unternehmen gehen pleite. Und dadurch steigt auch die Zahl der Kündigungen massiv an: Nach Schätzungen waren im 1. Halbjahr 2023 rund 125.000 Beschäftigte von Firmenpleiten betroffen, während es im Jahr zuvor „nur“ 68.000 gewesen sind.

Als eines der größten Sorgenkinder wird die Bau- und Immobilienbranche beschrieben: Immer mehr Immobilien-Entwickler geraten wegen hoher Zinsen, Material- und Baukosten in finanzielle Schieflage. Die Project Immobilien GmbH, Centrum, Development Partners, Euroboden, Revitalis, Quelle-Arial oder die Gerchgroup – alles namhafte Unternehmen, die in die Insolvenz gehen mussten. Experten prognostizieren inzwischen, dass über 30 % aller Projektentwickler von der Krise betroffen sein werden – mit allen fatalen Auswirkungen auf den Immobiliensektor, den Arbeitsmarkt und die deutsche Wirtschaft. (sg)