Iran-Abkommen wird Aktienmärkte beflügeln

17.06.2026

Gerhard Winzer, Chefvolkswirt, Erste Asset Management / Foto: © Erste Asset Management

Wie in der Nacht auf Montag bekannt wurde, haben die USA und Iran eine Einigung über die Wiederöffnung der Straße von Hormus und die Verlängerung des Waffenstillstands erzielt. Die offizielle Unterzeichnungszeremonie soll kommenden Freitag in der Schweiz stattfinden.

Positive Nachrichten für die Börsen

An den Finanzmärkten kam die Nachricht zur Einigung im Iran-Konflikt naturgemäß gut an. So starteten die Börsen am Montag durchwegs mit klaren Zugewinnen in die neue Woche. Auch die Ölpreise gaben im Sog der Meldungen rund um die bevorstehende Öffnung der Straße von Hormus deutlich nach. Der Preis für die Nordseesorte Brent fiel am Montag um rund 5 Prozent auf 83 US-Dollar und damit den niedrigsten Stand seit Mitte März. An den Anleihenmärkten gaben die Renditen ebenso nach.

Die Eckpunkte der Einigung

Gemäß den Bedingungen des Abkommens soll die Straße von Hormus schrittweise wieder geöffnet werden, während iranische Streitkräfte in den ersten 30 Tagen Minen räumen. Der Iran wird während des 60-tägigen Zeitraums keine Transitgebühren erheben. Die USA werden zudem ihre Seeblockade iranischer Häfen aufheben. Zudem sollen Sanktionen gegen iranische Ölverkäufe aufgehoben und eingefrorene iranische Gelder in der Höhe von über 20 Milliarden US-Dollar freigegeben werden.

Natürlich kann noch einiges schiefgehen. Denn die Details sind noch offen – selbst jene der Absichtserklärung wurden noch nicht veröffentlicht. Ein permanenter Friedensvertrag ist noch nicht unterzeichnet und die Hardliner auf beiden Seiten könnten den Prozess in den kommenden Monaten möglicherweise noch entgleisen lassen. Dennoch ist die Öffnung der Straße von Hormus eindeutig eine positive Nachricht für die Märkte.

Welche Auswirkungen wird das Abkommen haben?

Der wichtigste unmittelbare Einfluss des Iran-Konflikts war stagflationär, da die höheren Energiepreise zu einem Kaufkraftverlust geführt haben. Dieser negative Energiepreisimpuls hat nun den Höhepunkt überschritten und der negative Effekt der höheren Energiepreise auf das Wirtschaftswachstum wird zukünftig geringer.

Trotz der Einigung wird die Normalisierung der Durchfahrt durch die Meerenge Monate dauern. Das könnte zu gelegentlichen Engpässen bei Rohöl und dessen Derivaten führen. Eine davon ausgelöste negative Marktreaktion wäre allerdings nur von kurzfristiger Natur. Insgesamt sollte sich aber das ohnehin schon gute Umfeld für risikoreichere Anlageklassen wie Aktien weiter verbessern:

• Die Wirtschaftsindikatoren deuten auf ein weiterhin gutes Wachstumsumfeld.

• Der Boom bei IT und KI hält weiter an. Das ist an den Wachstumsanstiegen bei Exporten, Investitionen, Unternehmensgewinnen, Aktien und dem Wirtschaftswachstum, aber auch an der Inflation zu sehen. Der positive Effekt auf die Produktivität findet möglicherweise erst zukünftig statt.

• Zudem haben sich die Ausreißerrisiken (Tail Risks) verbessert. Die bevorstehende Öffnung der Straße von Hormus bedeutet eine ausreichende Rohöl-Versorgung der Weltwirtschaft. Das Risiko von Energiepreisengpässen und Energiepreissprüngen und damit eines Wachstumseinbruchs ist gesunken.

• Weil auch die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Inflationsanstiegs gesunken ist, hat auch das Risiko kräftiger Leitzinsanhebungen seitens der Zentralbanken abgenommen. Eine solche Entwicklung hätte zu Wachstumssorgen geführt. Wachstumswerten insbesondere aus den Sektoren der KI- und auch nachhaltiger Energietechnologie sollten gesunkene Zinserhöhungserwartungen entgegenkommen.

Trotz der Einigung und der positiven Effekte davon bleiben auch die in der vergangenen Woche bereits beschriebenen Nachwirkungen bestehen:

• Der Rohölpreis liegt weiterhin über dem Niveau vom Februar.

• Die Inflation bleibt erhöht (höhere Energiepreise, Kostenweitergabe).

• Der Kaufkraftverlust schmälert die Einkommen und damit das Wachstum.

• Die Zentralbanken sind restriktiver als im Februar. Die Inflationserwartungen müssen stabil gehalten werden. Das Ergebnis sind breit angelegte, aber moderate Leitzinserhöhungen. Die Zinserhöhung der EZB in der Vorwoche wird wahrscheinlich nicht die letzte gewesen sein.

Welche Folgen hat das langfristig?

Langfristig gesehen, könnten Auswirkungen sichtbar bleiben: Der Konflikt hat verdeutlicht, dass auch Länder, die keine Supermacht sind, großen globalen Einfluss haben können, wenn sie die Kontrolle über ein Nadelöhr haben beziehungsweise erlangen.

Lieferketten gelten dadurch als weniger verlässlich als früher. Das dürfte den Aufbau von Reservelagern für Rohstoffe wie Öl, Gas und Düngemittel fördern und nachhaltige Preisrückgänge begrenzen. Zudem steigt der Druck, Energieproduktion und Importe breiter aufzustellen, etwa durch erneuerbare Energien und den Ausbau der Verteilungsnetze. Insgesamt könnte der Investitionsboom breiter werden – von Infrastruktur und IT über alternative Energien bis hin zur Verteidigung, da selbst große Militärmächte solche Engpässe nicht dauerhaft sichern können.

Fed-Zinssitzung im Fokus

Die vergangene Woche stand im Zeichen der Geopolitik und des Börsengangs von SpaceX. Diese Woche wird neben der Einigung im Iran-Konflikt von den Sitzungen der Zentralbanken geprägt sein. Letzte Woche hob die Europäische Zentralbank die Leitzinsen erstmals seit rund drei Jahren an, um die Inflationserwartungen stabil zu halten. Der Kurs blieb restriktiv. Weitere Zinserhöhungen über das derzeit eingepreiste Maß hinaus sind jedoch unwahrscheinlich.

Besonders im Fokus wird am kommenden Freitag die Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve stehen. Der neue Vorsitzende Kevin Warsh leitet die FOMC-Sitzung, während der ehemalige Vorsitzende Jerome Powell ebenfalls noch an der Runde teilnehmen wird. Das Wirtschaftswachstum liegt über dem Potenzial, die Inflation ist erhöht (getrieben von den Energiepreisen, aber auch die Inflation im Dienstleistungssektor liegt über 3 %), sodass Risiken einer Weitergabe bestehen.

Auch das steigende Beschäftigungswachstum könnte zu einem Rückgang der Arbeitslosenquote führen. Ein typischer „hawkish“ eingestellter Zentralbanker würde Zinserhöhungen bevorzugen. Die Erklärung, die Prognosen und die anschließende Pressekonferenz dürften interessant werden. Die Markterwartungen gehen dahingehen, dass der Leitzins der Fed unverändert bei einer Spanne von 3,5 bis 3,75% belassen wird.

Hinweis: Die in diesem Beitrag angeführten Unternehmen wurden beispielhaft ausgewählt und stellen keine Anlageempfehlung da. Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Wertentwicklungen

Marktkommentar von Gerhard Winzer, Chefvolkswirt, Erste Asset Management