KI kompensiert an der Börse geopolitische Probleme - Wie lange noch?
09.07.2026

Foto: © KI/fw
Im Moment herrscht eine eher erhöhte Unsicherheit, die erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Weltwirtschaft und der Finanzmärkte hat. Diese Unwägbarkeiten betreffen vor allem zwei Bereiche: die Künstliche Intelligenz und den weiteren Verlauf des Krieges im Nahen Osten.
Hier überbieten sich die Teilnehmer, vor allem die USA, mit täglichen „Erfolgsmeldungen“, die im Minutentakt über den Haufen geworfen werden. Peinliche, beleidigende Rhetorik, unvorbereitet wirkende Treffen und Schuldzuweisungen eingeschlossen. Dabei ist daran zu erinnern, dass von 2015 bis 2018 also bis zur ersten Amtsperiode von Trump, bereits ein funktionierendes Atomabkommen, inklusive regelmäßiger Kontrollen mit dem Iran, existierte. Davon ist man heute ebenso weit entfernt, wie von einem belastbaren Warenverkehr in der Straße von Hormus. Selbst eine mögliche Wiederherstellung des Status quo vor der militärischen Intervention im Iran wird vermutlich mit erhöhten Versicherungsprämien und bleibender Verunsicherung einhergehen.
Steigende Kurse trotz Störfeuer
Umso bemerkenswerter ist, dass die Aktienkurse in den letzten Wochen tendenziell weiter gestiegen sind, obwohl das Gleiche auch für Zinsen und die Ölpreise gilt. Grund dafür waren die Veröffentlichungen starker Konjunkturdaten sowie hohe Gewinnzahlen und wachsender Optimismus in Bezug auf alles, was mit KI zu tun hat. Zunächst wurde nicht damit gerechnet, dass die US-Wirtschaft weiterhin in einem gesunden Tempo wachsen würde. Die meisten gingen davon aus, dass die steigenden Preise für Öl, Gas, Helium und Düngemittel relativ schnell zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums führen würden. Dies galt umso mehr, als der Krieg im Nahen Osten zu einem raschen Rückgang des Zukunftsvertrauens bei Verbrauchern und Unternehmen geführt hatte. Es zeigt sich jedoch, dass dies vom Investitionsboom rund um KI und dem laufenden Bau neuer Rechenzentren überkompensiert wird. Hinzu kommen erhebliche steuerliche Anreize sowie ein spürbarer „Vermögenseffekt“, der sich aus den hohen Aktien- und Immobilienpreisen ergibt.
Offene Fragen beim KI-Boom
In diesem Zusammenhang muss man sich allerdings auch mit einigen Fragen auseinandersetzen:
1. Werfen die enormen Investitionen in KI letztendlich auch eine nennenswerte Rendite ab?
2. Sind die Profiteure auch die Unternehmen, die aktuell die größten Investitionen tätigen?
3. Wie wird sich die Nachfrage nach Chips entwickeln, wenn die im Bau
befindlichen Rechenzentren ans Netz gehen und „keine“ weiteren mehr benötigt werden?
4. Reichen die Stromkapazitäten für die neuen Rechenzentren aus?
5. Reichen die neuen Arbeitsplätze, die durch KI entstehen können, um um den Verlust bestehender Arbeitsplätze auszugleichen?
6. Ist der Finanzsektor genügend für das zunehmende Fremdkapitalrisiko bei KIInvestitionen gewappnet?
Hohe Analystenerwartungen bergen Risiken
Insbesondere, bei themenbasierten Investments mit starken Übergewichtungen können erhebliche Volatilitäten auftreten, die nicht jeder Anleger aushält. So verlor der Kurs der Broadcom – Aktie Anfang Juni an einem Tag 20 Prozent, weil der Ausblick auf das nächste Quartal nur knapp unter den Analystenschätzungen lag. Und das obwohl dieses Ergebnis drei Mal so hoch war, wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Meist entsteht dann auch eine Wechselwirkung auf fast alles, was mit Technologie zu tun hat. Aktuell sind auch Mittelabflüsse aus Technologiefonds erkennbar.
Zusammensetzung von aktiven und passiven Fonds regelmäßig überprüfen
Natürlich ist es erfreulich, wenn man immer genau die richtigen Themen-Schwerpunkte in seinem Portfolio gesetzt hat. In den letzten Jahren konnte man mit Technologie, Verteidigung und Rohstoffen überdurchschnittliche Renditen erzielen. Allerdings ist es schon sehr mutig anzunehmen, dass man immer richtig liegt und zusätzlich noch das richtige Timing hat. Die Vorteile, die ein gut diversifiziertes Depot bieten kann, wurden dabei marginalisiert. Wenn man sich bei der Fondsauswahl ausschließlich auf die erzielten Renditen der Vergangenheit fokussiert und sein Portfolio aus „Hitlisten“ zusammenstellt, kann es in Abwärtsphasen sehr unangenehm werden. In den Factsheets findet man zumindest schnell eine Übersicht zu den Top-Ten Positionen. Hier sollte man darauf achten, dass bei den ausgewählten Produkten nur geringe Überschneidungen vorhanden sind. Im Halbjahresbericht aktiver Fonds findet man eine Übersicht über alle vorhandenen Wertpapiere. Insbesondere ist es wichtig zu prüfen, wie sich die gewählten Finanzprodukte in Krisenphasen verhalten haben.
Fazit
KI nimmt derzeit einen großen Raum in der aktuellen Berichterstattung ein. Populäre Themen, bei denen man „dabei sein muss“, sollten trotzdem stets nur eine Beimischung darstellen. Ein Portfolio sollte aber keinesfalls nur aus „Storytelling“ und Themeninvestments bestehen, weil dadurch Risikoprofile entstehen, die die meisten Privatanleger nicht aushalten. Außerdem muss man sich natürlich auch gesellschaftlichkulturell mit dem Thema befassen. Es ist schon irritierend, wenn man hört, dass an Schulen Hausarbeiten nicht mehr benotet werden oder an Universitäten vermehrt Tests geschrieben werden müssen, weil Lehrkräfte und Dozenten sonst nur noch mittelmäßige, KI-generierte „Eigenleistungen“ eingereicht bekommen. KI sollte ein Tool sein, das von gut ausgebildeten Menschen vernünftig eingesetzt wird. Und man darf nicht vergessen: KI kann nicht denken!

Marktkommentar von Andreas Görler, sen. Wealth Manager, zert. Fachmann für nachhaltige Investments, Pruschke & Kalm GmbH - Wellinvest in Berlin.

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