Aktiv werden in Krisenzeiten?
31.03.2026

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In Deutschland liegen immer noch ca. 4 Billionen Euro auf Giro-, Spar-, Festgeld- und Tagesgeldkonten. Auch wenn das sehr ungleichmäßig verteilt ist, ist seit Jahren genug Liquidität vorhanden, um selbst etwas für die Altersvorsorge oder andere relevante Ziele zu tun.
Es klingt gefühlskalt bis zynisch, wenn aktuelle geopolitische Ereignisse mit anhaltendem Ukraine-Krieg, der dramatischen Situation im Gaza-Streifen und dem Iran-Konflikt auch als Opportunität an den Kapitalmärkten bezeichnet werden. Kapitalmärkte sind aber nicht empathisch oder gar sozial. Auch nicht in einer sozialen Marktwirtschaft wie in Deutschland.
Vielzahl von Krisen
Ich bin seit 40 Jahren im Geld-, Bank- und Börsenwesen tätig und musste schon diverse Krisen miterleben. Von mehrfachen Argentinien-, Russland-, Ukraine- oder Türkeikrisen, der Schneider-Pleite in Deutschland, dem Konkurs der Barings Bank, 9/11, der Finanzkrise, drei Golfkriegen, der Asien-Krise, dem Balkan-Krieg, der Mexiko-Krise, der langjährigen Japan-Krise, „Flash-Crash“, GREXIT, BREXIT und Pandemie war leider alles dabei.
Die anstrengendste Phase als Berater war dabei das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 mit dem Erodieren der „Neuen Märkte“ und einer folgenden 30-monatigen Phase von Kursverlusten, auch bei fundamental gut aufgestellten Unternehmen. Anleger, die Ende 1999 bzw. Anfang 2000 signifikant in internationale Aktienmärkte investierten, benötigten einen sehr langen Atem, um wieder in die Gewinnzone zu kommen.
Vergleiche aus der Vergangenheit helfen nicht
Häufig wird versucht, aktuelle Konflikte mit vergangenen Ereignissen gleichzusetzen und daraus Lösungsansätze für die Depotstrukturierung abzuleiten. Man könnte auf die Idee kommen, die drei Golfkriege aus der Vergangenheit von 1980–1988, 1990–1991 bzw. 2003 heranzuziehen, weil es geografisch „passt“ und zumindest der zweite und dritte Golfkrieg unter Beteiligung der USA stattfanden. In diesen Zeiträumen hatte man es aber mit einer völlig anderen wirtschaftlichen Situation zu tun.
Die Haushaltsdefizite der G7-Staaten hatten andere Dimensionen. Bei den ersten beiden Golfkriegen gab es beispielsweise noch kein Internet, keine ETFs in Deutschland, und es wurde noch mit D-Mark bezahlt. Es fehlte auch ein breites Angebot an Wertpapieren, über die Privatanleger in Rohstoffe investieren konnten. Während des zweiten Golfkriegs gab es in Deutschland zudem Sondereffekte wegen der Wiedervereinigung.
Nebenbei war die Weltbevölkerung in den 80er-Jahren etwa halb so groß wie heute. Es ist daher auch problematisch, eine „Blaupause“ zu entwickeln, die man dann bei späteren Krisen verwenden kann. Allzu oft „will man der Meinung sein“, dass das aktuelle Szenario schon so ähnlich ist wie in der Vergangenheit, damit man die gleichen Lösungsansätze verwenden kann.
Sachliche Beratung vs. Angst
Die größte Schwierigkeit bei längeren Abschwüngen besteht darin, die Nerven zu behalten und die täglichen Wasserstandsmeldungen, die oft als „Push-Up-Nachrichten“ auf die Nutzer einprasseln, sowie die teils unqualifizierten Kommentare in sozialen Medien zu ignorieren. Auch für Berater ist es nicht einfach, Anleger zu beruhigen und ggf. zu überzeugen, dass es sich auch um Opportunitäten handelt. Abgesehen davon, dass nicht jeder Privatanleger in der Lage ist, ständig zusätzliche Beträge zu investieren.
Je länger eine solche Phase dauert, desto schwieriger wird es allerdings, da sich bei jedem Folgegespräch das Depotvolumen trotz Zuzahlungen weiter verringert und Anleger immer nervöser werden. Zusätzlich besteht das Problem, dass die allgemeine mediale Berichterstattung dann praktisch nur noch aus negativen Schlagzeilen besteht. Oft fallen dann Narrative wie „So etwas gab es noch nie“ oder „So schlimm war es noch nie“. Für Anleger, die dann Aktien verkaufen oder gar ihr Depot auflösen, sind das rückblickend meist die „teuersten Sätze“ an der Börse.
Konstruktives, dosiertes Handeln
An dieser Stelle muss man sich wiederholen und kann nur den grundsätzlichen Rat geben, dass Anleger, die bisher nicht oder nur zu geringen Teilen in Aktien oder Rententitel investiert sind, zumindest mit regelmäßigen Fondssparplänen beginnen sollten. Auch die Klientel, die bereits über größere Beträge verfügt, muss ja nicht alles auf einmal in die „Top Ten“ der jeweiligen Hitlisten investieren, sondern kann auch etwas größere Beträge in monatliche Sparpläne in Aktien oder Fonds anlegen. Hierbei kann man auch mehrere Sparpläne abschließen, die an verschiedenen Terminen des Monats ausgeführt werden.
So zieht man den Investitionszeitpunkt ggf. über mehrere Monate. Keinesfalls sollten Sparpläne in Krisenzeiten reduziert, unterbrochen oder signifikante Depotbestandteile verkauft werden. Im Gegenteil: Sofern möglich, ist eine Erhöhung der monatlichen Sparrate die bessere Entscheidung. Das sollte man übrigens — unabhängig von Krisensituationen — bei jeder Verbesserung der Einkommenssituation tun.
Fazit
Angesichts der peinlichen, beschämenden und provokanten Rhetorik sowie einer reflexartigen, erratischen Außenpolitik einiger Regierungsvertreter relevanter Volkswirtschaften in Kombination mit einer deutlich höheren Frequenz an Nachrichten bzw. „Wasserstandsmeldungen“ ist es nicht einfach, die Ruhe zu bewahren. Das Verständnis, dass Krisen wie Kriege, Inflation oder persönliche Umbrüche leider allgegenwärtig sind und es selten „schnelle Lösungen“ gibt, kann helfen, Schockzustände abzumildern und Panikreaktionen zu vermeiden.
Die komplette Umschichtung eines diversifizierten Portfolios, das nach langfristigen persönlichen Prioritäten ausgerichtet wurde, ist meist ebenso falsch wie die Auflösung eines Depots in Krisenzeiten.
Marktkommentar von Andreas Görler, sen. Wealth Manager, zert. Fachmann für nachhaltige Investments Pruschke & Kalm GmbH -Wellinvest in Berlin


Inflation zieht an









