Dynamik, Logik und Ausblick
26.02.2026

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Der deutsche Versicherungsmarkt gilt traditionell als einer der größten weltweit, statistisch besitzt jeder Bürger mehr als eine Lebensversicherungspolice. Doch das Geschäft stagniert. In der Lebensversicherung sinkt die Zahl der Verträge seit über zehn Jahren, während sich die private Altersvorsorge zunehmend in Richtung kostengünstiger ETF-Sparpläne verlagert.
Auch in der Sachversicherung wächst das Volumen nur moderat. Gleichzeitig ist der Markt mit über 220 Sach- und Rückversicherern, 78 Lebensversicherern und 44 Krankenversicherern stark fragmentiert. Die fünf größten Gruppen in jeder Sparte vereinnahmen jeweils rund 50 % der Beitragseinnahmen. Hinter den Top-Anbietern folgt eine Vielzahl kleiner, oft regional oder spartenfokussierter Gesellschaften.
Warum Konsolidierung zur strategischen Priorität wird
Diese Marktstruktur ist langfristig nicht tragfähig, denn der wirtschaftliche Druck auf Versicherer nimmt kontinuierlich zu. Die Schadenquoten der Sachversicherer werden durch steigende Material- und Lohnkosten in die Höhe getrieben. Spartenübergreifend belasten erhöhte Verwaltungskosten durch Steigerungen von Personal- und Sachkosten die Profitabilität. Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen:
IT-Altlasten: Viele Versicherer kämpfen bei der Digitalisierung noch mit historisch gewachsenen Systemlandschaften, die teuer, fehleranfällig und kaum kompatibel mit modernen Anforderungen sind.
Personalengpässe: Der Fachkräftemangel und der demografische Wandel verschärfen die Lage zusätzlich. Insbesondere in den Kernbereichen IT, Schadenmanagement und Underwriting fehlen qualifizierte Mitarbeitende.
Gerade kleinere Anbieter stoßen an ihre Grenzen. Die Modernisierung von IT und Prozessen ist kostenintensiv und für viele Marktteilnehmer allein kaum zu stemmen.
Konsolidierung als strategische Antwort
Größere Einheiten bieten Skaleneffekte, die für Investitionen in IT, Digitalisierung und regulatorische Anforderungen entscheidend sind. Konsolidierung ist daher kein reaktiver Schritt, sondern eine strategische Antwort auf die Notwendigkeit, Prozesse zu verschlanken und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Deswegen lautet die Frage heute nicht mehr, ob, sondern wie schnell und in welcher Form sich der Markt konsolidiert. Die Bewegungen sind bereits deutlich: Zusammenschlüsse, Übernahmen und Portfolio-Bereinigungen prägen alle Segmente – von öffentlichen Versicherern über Versicherungsvereine bis hin zu Aktiengesellschaften.
Drei Segmente – drei Konsolidierungslogiken
- Öffentliche Versicherer: Hier steht die Balance zwischen Regionalität und Effizienz im Vordergrund. Typisch sind Fusionen innerhalb des Segments, bei denen regionale Marken erhalten bleiben, aber zentrale Funktionen wie IT und Schadenmanagement zusammengelegt werden. Das Ziel besteht darin, Synergien zu heben, ohne die lokale Verankerung zu verlieren.
- Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit: Fusionen dienen oft der Erweiterung von Geschäftsfeldern. Wenn sich also Anbieter mit starker Position in einer Sparte, beispielsweise der Krankenversicherung oder gewerblichen Sachversicherung, mit Partnern zusammenschließen, die in einem anderen Marktsegment besser positioniert sind, entstehen Gruppen mit breiterem Portfolio und stabileren Ertragsquellen.
- Aktiengesellschaften: Dieses Segment weist die höchste M&A-Aktivität auf. Besonders dynamisch ist der Run-off-Markt für Lebensversicherungen: Käufer setzen auf schlanke IT-Plattformen und optimierte Kapitalanlage- und Rückversicherungsstrategien, Verkäufer nutzen die Chance, sich von Altbeständen und -systemen zu trennen und Kapital effizienter einzusetzen. Seit 2014 gab es zahlreiche Transaktionen in diesem Bereich – ein klarer Indikator für die anhaltende Dynamik.
Run-off als Chance für Käufer und Verkäufer
Trotz Zinswende bleibt der Verkauf geschlossener Lebensversicherungsbestände attraktiv. Ein typisches Muster besteht darin, klassische Garantieportfolios an spezialisierte Plattformen zu übergeben, die diese durch Skalierung und schlankere Verwaltung effizienter abwickeln. Für Käufer sind Asset-Management-Erträge und Kostenergebnisse entscheidend, für Verkäufer die Entlastung von risikokapitalintensiven Altverträgen und Legacy-IT-Systemen.
Portfolio-Bereinigung bei internationalen Gruppen
Für internationale Gruppen bleibt die strategische Optimierung des globalen Fußabdrucks weiterhin ein Fokusthema. Global agierende Versicherer prüfen ihr Unternehmensportfolio fortlaufend: zu kleine oder unprofitable Einheiten, darunter auch deutsche Einheiten. Das Ziel ist vor allem die Konzentration auf Kernmärkte und rentable Geschäftsfelder. Typisch sind Verkäufe von kleineren Einheiten oder der Rückzug aus Randsparten, um Ressourcen auf wachstumsstarke Bereiche zu lenken.
Die Bedeutung der Konsolidierungslogik
Typische Muster zeigen sich in drei Bereichen:
- IT-Transformation als Treiber: Zusammenschlüsse werden oft genutzt, um veraltete Systemlandschaften abzulösen. Ein gemeinsames Kernsystem spart bis zu Millionenbeträgen jährlich und reduziert Fehlerquoten.
- Vertrieb und Marke: Größere Gruppen bündeln Maklernetzwerke und stärken ihre Markenpräsenz. Das ist entscheidend, denn Versicherungsmakler stellen – zusammen mit Mehrfachagenten – nach den Ausschließlichkeitsvertretern den zweitwichtigsten Vertriebsweg für komplexe Sparten dar, darunter auch Privatversicherungen.
- Kapitaloptimierung: Zusammenschlüsse ermöglichen eine effizientere Allokation von Risikokapital. Ziel ist hier, den Ressourceneinsatz zu optimieren, um die Risikotragfähigkeit und Wertschöpfung zu erhöhen.
Ausblick – Konsolidierung als Chance
Die Konsolidierungswelle wird sich beschleunigen. Zunächst innerhalb der Segmente, später auch segmentübergreifend. Für die Branche bedeutet das weniger Marktteilnehmer, dafür stärkere Einheiten mit besseren Voraussetzungen für Digitalisierung, regulatorische Compliance und Kundenorientierung. Für Versicherte führt dies zu einer höheren Risikotragfähigkeit und modernen Services – ein entscheidender Faktor in Zeiten sich wandelnder Erwartungen. In der Gesamtheit ist dies positiv zu bewerten, vor allem im Interesse der Versicherten, deren Bedürfnisse sich immer schneller wandeln und die weiterhin die verlässliche Einhaltung der zugesagten Leistungsversprechen erwarten. In der Konsolidierung liegen somit signifikante Chancen, die von den Versicherern dringend genutzt werden sollten. Sie ist kein Krisensymptom, sondern ein strategischer Hebel zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit.
Ein Beitrag von Martin Laumayer, Partner FSI – M&A, Transaction Services & Valuation, Deloitte Deutschland

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