Europa und Schwellenländer holen auf
13.07.2026

Terry Ewing, Head of Equities bei Mediolanum International Funds. Foto: © Mediolanum
Auch wenn es sich für die meisten Anleger wie eine Achterbahn angefühlt hat: Für globale Aktien war das erste Halbjahr stabil. Auf den Ausverkauf infolge der Eskalation des Iran-Konflikts folgte rasch eine kräftige Erholung, und der MSCI All Country World Index brach wieder neue Rekorde. Doch Vorsicht: Die Rallye war ungewöhnlich einseitig und wurde fast ausschließlich von ein paar großen US-Technologieunternehmen und wenigen Aktien aus den Schwellenländern getragen. Ist diese Outperformance einiger weniger Unternehmen ein Warnsignal? Und wo finden Anleger spannende Investments abseits der Tech-Riesen?
Die Volatilität rund um Künstliche Intelligenz (KI) dürfte hoch bleiben. Auch die Euphorie ist kaum zu übersehen – im Halbleitersektor erinnert sie tatsächlich an die Technologieblase Ende der 1990er Jahre. Ängste vor einer Blase halten wir jedoch für übertrieben: Der Marktrallye fehlt es an Breite, eben weil der Aufschwung von KI getragen wird. Diese folgt einer eigenen Logik und ist weniger stark von den Folgen der geopolitischen Entwicklungen betroffen als etwa Konsumwerte, zyklische Titel oder global ausgerichtete Unternehmen. Diese blieben bisher weitestgehend auf der Strecke.
Gleichzeitig scheint der jüngste Rückgang bei den Mega-Cap-Titeln und Halbleitern im Technologie- und KI-Sektor eher technischer Natur zu sein und ist auf Positionsanpassungen zurückzuführen. Eine Veränderung der Fundamentaldaten ist dagegen nicht erkennbar. Die Unternehmen erzielen weiterhin Gewinne, und die relativen Bewertungen der größten Titel sind so günstig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Wir gehen davon aus, dass Anleger jeden weiteren Kursrückgang für Zukäufe nutzen werden.
Marktperformance weitet sich aus
Zwar bleibt unklar, ob und wann sich die Kriegsparteien im Iran-Konflikt einigen werden. Fakt jedoch auch, dass sich beide Seiten eine offene Straße von Hormus wünschen – und angesichts der Zwischenwahlen wäre eine steigende Inflation der Trump-Regierung ein Dorn im Auge. Daher rechnen wir mit einer Deeskalation, was den Ölpreis weiterhin um die 75 Dollar halten sollte. Dann wären die Voraussetzungen gegeben, dass sich die breite Markterholung in der zweiten Jahreshälfte fortsetzt und auch deutlich mehr Sektoren zu den Marktgewinnen beitragen werden. Dann wird der Markt künftig weniger stark von Gewinnen im Technologiesektor abhängig sein.
Europa und Schwellenländer holen auf
Angesichts dieser Entwicklung rechnen wir damit, dass Europa und die Schwellenländer einen Teil ihres Rückstands aufholen werden. Nach mehreren Jahren der Stagnation zieht das Gewinnwachstum in der Eurozone wieder an. Das liegt nicht nur an Basiseffekten, sondern auch an einer spürbaren Erholung der Konjunkturindikatoren. Seit Beginn des Nahost-Konflikts wurden die Gewinnschätzungen eher nach oben als nach unten angepasst. Bei einem Bewertungsniveau von dem rund 15-fachen der Gewinne und stabilen Inflationserwartungen sehen wir allerdings Spielraum für moderate Kursgewinne als für eine nennenswerte Neubewertung.
Die Anleger sind immer noch nicht in die Schwellenländer zurückgekehrt. Dabei sind sie günstig bewertet und dürften zu den Gewinnern zählen, sollte der US-Dollar nachgeben und sich die Konjunktur in China stabilisieren. Die USA gewichten wir neutral zum Referenzindex: Die Fundamentaldaten sind solide, doch der Markt wirkt bereits überlaufen und die Bewertungen lassen wenig Spielraum. Japan und Großbritannien sehen wir insgesamt neutral: Japan-Aktien werden nach einer starken Kursentwicklung weiterhin durch Reformen und Aktienrückkäufe gestützt. Großbritannien bleibt strukturell günstig bewertet, es fehlen jedoch kurzfristige Kurstreiber. Hinzu kommen außerdem politische Unsicherheiten.

Exklusiv
finanzwelt trifft Florian Friske, LFDE





