FIT– Zusammenarbeit auf Augenhöhe

02.04.2013

Frauen in Top-Positionen (FIT) ist der dritte Teil der finanzwelt-Serie über Karrierefrauen in der Assekuranz. Jede zweite Beschäftigte oder Auszubildende der Branche ist eine Frau. Im angestellten Außendienst und dessen Führung ist aktuell nur jede fünfte Position mit einer Frau besetzt.

Die Sozialstatistik des Arbeitgeberverbandes der Versicherungswirtschaft (AGV) vom September 2012 belegt, dass von den insgesamt 215.500 Arbeitnehmern in der deutschen Assekuranz mit 47,4 % jede zweite Beschäftigte eine Frau ist. 102.178 Frauen haben 113.322 männliche Kollegen. Von 160.400 Angestellten im Innendienst sind 54,4 % Frauen, davon ist mit 22,2 % jede Vierte in Teilzeit beschäftigt. Im angestellten Außendienst arbeiten 41.800 Beschäftigte, mit einem Anteil von 20,9 % ist nur jede Fünfte eine Frau. Unter den 13.300 Auszubildenden ist mit 46,5 % jeder zweite Auszubildende weiblich.

Historisch betrachtet sind Frauen in Führungs- und Kontrollorganen der Assekuranz noch stark unterrepräsentiert. Aufgrund der zu erwartenden demographischen Entwicklung und des zukünftigen Mangels an Fachkräften gilt es, über das Vielfaltsmanagement (Diversity Management)Chancengleichheit zwischen Männer und Frauen zu fördern, um so die Individualität des Einzelnen und die Vielfältigkeit insgesamt als Erfolgsfaktor für die Unternehmen nutzen zu können. Ein hohes Maß an weiblichem Potenzial erfolgreicher Ausbildungs- und Studienabsolventinnen steht aktuell als nachwachsende Frauengeneration bereits in den Startlöchern. Förderprogramme, das Aufbrechen „veralteter“ Strukturen bis hin zu einer Änderung der Unternehmenskultur müssen die Unternehmen in erster Linie jedoch selber entscheiden, meint Dr. Josef Beutelmann, Vorsitzender des Vorstands des AGV. Die Position des Arbeitgeberverbandes bringt Beutelmann auf den Punkt: „Ein ‚Nein‘ zu einer verbindlichen gesetzlichen Quote, aber ein unbedingtes ‚Ja‘ zu mehr Frauen in Führung.“

Um das Diversity Management zu stärken, hat der AGV Mitte 2012 die Gründung des Branchenbeirats „Frauen in Führung“ beschlossen. „Die derzeitige Bedeutung von Frauen in der Wirtschaft und Wissenschaft spiegelt nicht das vorhandene Potenzial wider. Ich möchte aktiv dazu beitragen, die Förderung von Frauen in der Wirtschaft voranzubringen“, sagt Dr. Marita Kraemer, Mitglied des Holdingvorstands der Zurich Gruppe in Deutschland und Präsidentin des Frauenbeirates der Hypo-Vereinsbank, eine Tochter der italienischen Finanzgruppe Unicredit, anlässlich der Tagung zur Gründung des AGV Branchenbeirats.

Dr. Marita Kraemer ist heute Mitglied des Holdingvorstands der Zurich Gruppe in Deutschland und CEO des Europäischen Centre of Excellence Credit & Surety. Kraemer studierte Betriebswirtschaft an der Bergischen Universität Wuppertal und promovierte an der Freien Universität Berlin. Ihre ersten Karriereschritte führten sie über ein Traineeprogramm der Bank für Handel und Industrie AG zunächst in das Corporate Banking Geschäft der Dresdner Bank Gruppe, bevor sie sich schließlich bei der Unternehmenstochter Dresdner Kleinwort Benson dem Investmentbanking widmete. Dort leitete sie den Bereich Global Finance/Corporate Banking Southern Europe. Im September 1999 verließ sie die Dresdner Bank, um sich der Herausforderung im Vorstand der Zurich Versicherung AG zu stellen.

Daniela Breidbach, Personalentwicklungs-Direktorin Allianz Deutschland AG, sieht in der freiwilligen Selbstverpflichtung der DAX-30-Unternehmen einen guten Weg, mehr Frauen in das Top-Management zu bringen. Der Branchenbeirat „Frauen in Führung" erachtet sie als einen guten Schritt zur dauerhaften Begleitung der Förderung in der Branche. Die Allianz SE habe sich als Ziel gesetzt, bis 2015 mindestens 30 % der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, habe die Allianz drei Handlungsfelder identifiziert: Work-Life-Balance, Netzwerkbildung und Chancenmanagement. Stellenbesetzungen würden gezielt gesteuert und die Fortschritte durch ein monatliches Reporting an den Vorstand überprüft. Daniela Breidbach sieht auch in der eigenen „Karriere-Lounge“ für Frauen in der Allianz eine Chance für Erfahrungsaustausch und Vernetzung. Die Allianz habe auch ein Programm aufgelegt, wonach Müttern, die wegen Elternzeit vorübergehend aus ihrem Führungsjob ausscheiden, mindestens für ein halbes Jahr die Rückkehr auf ihre alte Stelle garantiert wird. Ob das ausreicht, wird sich in der Praxis erweisen müssen. Die Regelung gilt im Übrigen natürlich auch für Väter, die sich zeitweise ausschließlich um ihren Nachwuchs kümmern wollen.

Ursula Schwarzenbart, Leiterin des Global Diversity Office bei der Daimler AG, zu dem auch der Finanzdienstleister Daimler Financial Services zählt: „Wir brauchen keine Frauen, die zu besseren Männern werden, sondern mehr Verständnis und Vielfalt in der Unternehmenskultur.“ Auf Führungsebene E2, eine Stufe unter dem Vorstand, ist die Diversity Beauftragte Ursula Schwarzenbart im schwäbischen Weltkonzern angesiedelt. Diese Position hat der Autobauer mit dem Stern schon 2006 geschaffen und war damit eines der ersten globalen deutschen Großunternehmen, die das Vielfalt-Thema als Management-Aufgabe prominent herausstellten. Bis 2020 möchte der Daimler-Konzern einen Anteil von mindestens 20 % Frauen in Führungspositionen erreicht haben.

Dieses Ziel hat im Innendienst bereits ein anderer Konzern am Finanzplatz Stuttgart schon erreicht. Die Wüstenrot & Württembergische AG kann einiges an frauenfördernden Einrichtungen vorweisen: Eltern-Kind-Büros sowie Ferien- und Notfallbetreuung sind schon lange ebenso selbstverständlich wie Wiedereinstiegsseminare für junge Mütter und Teilzeitprogramme für Führungskräfte. Die Folge: Jede fünfte Managementposition im W&W-Innendienst ist mit einer Frau besetzt, bis Ende 2015 sollen es 30 % sein. Dafür soll das Programm„ FIT – Frauen in Top-Positionen“ sorgen. Die Leistungsmerkmale Betriebskindergärten und Unterstützung bei der Pflege älterer Familienmitglieder sollen helfen, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren. Wird eine Führungsposition neu besetzt, muss unter den drei Top-Kandidaten eine Frau sein. Jede zweite Position im internen Mentoring-Programm geht an eine Frau. Die Generali-Gruppe Deutschland hat sich einen vorbildlichen Orientierungswert vorgegeben. Bis 2022 sollen 35 % aller Führungspositionen im Konzern unter Einschluss aller Führungsebenen mit Frauen besetzt sein.

(Dietmar Braun)

Frauen an der Macht III - Printausgabe 02/2013